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Dieter Holtmann: Die Sozialstruktur der Bundesrepublik Deutschland [...]

Cover Dieter Holtmann: Die Sozialstruktur der Bundesrepublik Deutschland im internationalen Vergleich. Universitätsverlag Potsdam (Potsdam) 2010. 6., veränd. Auflage. 302 Seiten. ISBN 978-3-86956-057-1. 15,00 EUR.
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Thema

Die Sozialstrukturanalyse der Bundesrepublik Deutschland wird mit diesem Buch in einen international vergleichenden Kontext gestellt, wobei hier Lebensbedingungen unter acht Performanzkriterien vergleichend für 36 Länder analysiert werden. Theoretisch maßgeblich ist die Auseinandersetzung mit verschiedenen modernisierungstheoretischen Ansätzen sowie einem erweiterten Konzept der Wohlfahrtstaatsanalyse Esping-Andersens.

Entstehungshintergrund

Entstanden ist das Buch im Kontext eines vergleichenden Projekts an der Universität Potsdam unter Mitwirkung einer Vielzahl von AutorInnen sowie einem Lehrforschungsprojekt zur Performanz von Wohlfahrtsregimen und Seminaren zum internationalen Vergleich von Sozialstrukturen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in 14 Kapiteln aufgebaut, wobei ein Sachregister die Erschließung des Inhalts erleichtert.

In der Einleitung (zugleich Kapitel 1) werden grundlegende Begriffe und Konzepte, wie Sozialstruktur, Wohlfahrt und Lebensqualität sowie Wohlfahrtsregime und deren Performanz knapp erläutert. Daran im Anschluss wird der dem Buch zugrundeliegende Katalog der Performanzkriterien für den internationalen Vergleich von Lebensbedingungen vorgestellt. Ausschlaggebend ist hierbei die Auseinandersetzung mit sozialphilosophischen Konzepten, die davon ausgehen, dass Gesellschaften über bestimmte Wertvorstellungen hinsichtlich des „guten Zusammenlebens“ verfügen. Dabei dienen v.a. die Ansätze von Robert Goodin sowie von Wolfgang Merkel als Folien für die Entwicklung von acht Performanzkriterien von Wohlfahrtsregimen für den internationalen Vergleich. Diese acht Performanzkriterien werden wie folgt benannt:

  1. Wohlstand und Wachstum;
  2. ökologische Nachhaltigkeit;
  3. Innovation;
  4. soziale Sicherung durch Unterstützungsleistungen im Risikofall sowie vorsorgend durch Bildungsinvestitionen;
  5. Anerkennung der Besonderheiten (Frauenfreundlichkeit und Migrantenfreundlichkeit);
  6. Gleichheit der Teilhabe;
  7. soziale Integration;
  8. Autonomie („freedom of choice and capabilities“).

Damit ist ein hochkomplexes Analyseraster entwickelt worden, das in später folgenden Kapiteln des Buches zur vergleichenden Analyse herangezogen wird.

Bevor dies geschieht, werden in den folgenden Kapiteln verschiedene Ansätze zur Analyse der Sozialstruktur vorgestellt, die dann ebenfalls bei der empirischen Analyse der Lebensbedingungen in den 36 zu vergleichenden Ländern mit herangezogen werden.

Dabei werden in Kapitel 2 der Ansatz zur Modernisierung der Sozialstruktur von Stefan Hradil sowie der Ansatz der drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus von Gøsta Esping-Andersen knapp vorgestellt. Letzter wird von den AutorInnen erweitert und so sechs Idealtypen von Wohlfahrtsregimen entwickelt. Neben den von Esping-Andersen drei Modellen des sozialdemokratischen, liberalen und konservativen Modells werden noch das familistische Modell, das exsozialistische Modell sowie das Modell des asiatischen Kapitalismus eingeführt. Allerdings stellt sich hier die Frage, warum insbesondere zu den im Süden Europas gelegenen Ländern die hier bereits vorgelegten Modelltypisierungen u.a. von Stephan Lessenich nicht rezipiert wurden, der hierfür den Typus des „mediterranen Wohlfahrtsstaats“ geprägt hat. Weiterhin werden hier die berücksichtigten Länder vorgestellt, wozu neben sämtlichen EU-Mitgliedsländern und weiteren europäischen Ländern wie Norwegen, die Schweiz, die Türkei und Russland auch Länder wie Australien, die USA, Kanada, Neuseeland und Japan in die Analyse mit einbezogen werden. Datengrundlage für die Analyse, die sich methodisch der Korrelations- und Regressionsanalyse bedient, stellen zum einen das International Social Survey Programme (ISSP) 1999 sowie der European Quality of Life Survey (EQLS) 2003 dar.

In den Kapiteln 3 und 4 werden jeweils verschiedene Modelle sozialer Lagen knapp vorgestellt und diskutiert, wobei hier exemplarisch die Ansätze von Marx, Weber, Roemer und Wright, Goldthorpe sowie Bourdieu genannt werden sollen.

In den folgenden Kapiteln werden verschiedene Sozialstrukturbereiche unter Einbezug der o.g. Performanzkriterien der vergleichenden Analyse unterzogen.

Kapitel 5 widmet sich der vergleichenden Analyse der Erwerbstätigkeit und der hierfür erforderlichen Bildung, wobei hier in Anlehnung an die Typologie Esping-Andersens Bildungsregimes herausgearbeitet werden. Investitionen in den Bildungsbereich werden in diesem Zusammenhang als Performanzindikator für die Innovationsfähigkeit der betrachteten Länder betrachtet. Dabei erweisen sich Länder des sozialdemokratischen Modells als Spitzenreiter, während die dem konservativen und liberalen Modell zuzurechnenden Länder eine Mittelposition noch deutlich vor den exsozialistischen bzw. familistischen Wohlfahrtsregimen einnehmen.

Kapitel 6 diskutiert im Lichte der beiden Systematisierungen von Wohlfahrtsstaaten (zum einen der Ansatz von Esping-Andersen und zum anderen die Dichotomisierung in die Bismarck-Beveridge-Unterteilung) die Frage, inwieweit die untersuchten Länder eher vorsorgend oder nachsorgend agieren. Dabei wird als Indikator für einen vorsorgenden Charakter die Investition in Bildung und Ausbildung gewertet, während die nachsorgende Charakteristik in einem hohen Budget für die Absicherung im Risikofall gesehen wird. Hier erweisen sich die dem sozialdemokratischen Typ zuzuordnenden Länder als eher vorsorgende Länder gegenüber den konservativen, die eher den Akzent auf die Nachsorge setzen. Hinsichtlich der Vorsorge durch die Investition in Bildung erweisen sich die familistisch orientierten Länder wie Italien, Griechenland, Spanien und Portugal als Schlusslichter.

In Kapitel 7 werden die Performanzkriterien ökologische Nachhaltigkeit sowie Wohlstand und Wachstum untersucht. Als Indikatoren werden hier das BIP für die Analyse des Performanzkriteriums Wohlstand und Wachstum herangezogen, während für die ökologische Nachhaltigkeit sowohl CO2 -Emissionen pro Kopf als auch Energieeffizienz herangezogen wird. Letztere wird gemessen als Primärenergieverbrauch pro Einheit des BIP. Im Gesamtergebnis erweisen sich sozialdemokratische Länder als Vorreiter im Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit, während die wirtschaftsliberalen Länder hier das Schlusslicht bilden – noch nach den ex-sozialistischen Ländern.

Mit Kapitel 8 wird die soziale Mobilität untersucht, die hier v.a. für Deutschland hinsichtlich der Bildungsmobilität zum einen und der Berufsmobilität zum anderen diskutiert wird. Eine Analyse für die anderen 35 Länder, die eingangs als empirisches Material benannt wurden, erfolgt hier nicht, insofern fällt dieses Kapitel insgesamt aus den übrigen heraus.

Kapitel 9 widmet sich dem Performanzkriterium der Gleichberechtigung von Männern und Frauen, wobei hier als Indikatoren u.a. Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen, Zugang zu höherer Bildung und Beteiligung am Arbeitsmarkt sowie durchschnittliches Einkommen herangezogen werden. Auch hier kann es kaum erstaunen, dass die sozialdemokratischen Länder vorne liegen und die familistischen Länder nach den konservativen das Schlusslicht bilden.

Das Performanzkriterium soziale Integration sowie das der Autonomie bilden den Untersuchungsgegenstand des 10. Kapitels. Als Indikatoren werden hier die Partizipation am Arbeitsleben von MigrantInnen sowie die Teilhabe am Bildungssystem von Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund herangezogen. Weitere Indikatoren für soziale Integration sind u.a. die Arbeitslosenquote, Mitarbeit in Parteien und Gewerkschaften oder der Anteil der Personen, die im Falle von Krankheit auf ein privates Netzwerk zurückgreifen können. Hieraus wurde ein Index gebildet, der die verschiedenen Dimensionen sozialer Integration zusammenfasst. Auch hier liegen die sozialdemokratischen Länder vorn, allerdings unmittelbar gefolgt von den wirtschaftsliberalen Ländern. Schlusslicht bilden hier die familistischen und ex-sozialistischen Länder. Für das Performanzkriterium Autonomie werden als Indikatoren Bildungsausgaben, Bildungsabschlüsse sowie die im Schulsystem erworbenen Kompetenzen herangezogen. Auch hier liegen die sozialdemokratischen Länder vorn, die abermals von den wirtschaftsliberalen Ländern gefolgt werden, und auch die Schlusslichter bilden wiederum die ex-sozialistischen Länder.

In Kapitel 11 wird in theoretischer Exkurs zu den Theorien sozialer Lagen von Bourdieu, Vester und Hradil unternommen, um die Fragestellungen von Kapitel 12, das sich mit Lebensstilen befasst und Kapitel 13, in dem die Analyse von Individualisierungstendenzen im Mittelpunkt der Betrachtungen steht, vorzubereiten.

Im abschließenden Kapitel 14 werden Ergebnisse der Analysen nochmals zusammenfassend und überblicksartig zusammengestellt. Dies gelingt in sehr anschaulicher Weise und macht deutlich, das die wohlfahrtsstaatlichen Traditionen insbesondere in Europa neben markanten Unterschieden häufig auch „feine“ Unterschiede aufweisen, die aber von hoher Bedeutung für das jeweilige Land sind. Abschließend wird ein deutliches Plädoyer für gegenseitige Lernprozesse der Wohlfahrtsstaaten artikuliert, wie es in Europa mit der Offenen Methode der Koordinierung bereits in Gang gesetzt wurde, um kontinuierliche Reformen zu ermöglichen.

Haupterkenntnisse des Buches

Deutlich wird mit diesem Buch, das die vergleichende Sozialstrukturanalyse durch den Einbezug von Wohlfahrtsstaatstypologien sehr viel gewinnen kann und sich hier eine Vielzahl von neuen Erkenntnissen hinsichtlich der Entwicklung und des Reformbedarfs der betrachteten Länder ergibt. Allerdings ist der Titel des Buches etwas irreführend, da weniger die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich im Mittelpunkt der Betrachtung steht, sondern die vergleichende Analyse von 36 Ländern mit Bezugnahme auf Deutschland.

Zielgruppen

Das Buch ist insbesondere für Lehrende und ForscherInnen mit den Schwerpunkten vergleichende Sozialstrukturanalyse und komparative Sozialpolitik interessant. Für Studierende ist es aufgrund seiner Komplexität und voraussetzungsvollen Methodik nur bedingt geeignet.

Fazit

Für die o.g. Zielgruppen stellt das Buch eine anregende Lektüre dar, gelegentlich ist der Argumentationsgang nicht immer ganz nachvollziehbar, da das hochkomplexe analytische Modell recht knapp dargestellt wird. Hier wäre es hilfreich, wenn für eine weitergehende Beschäftigung mit der Thematik die Methodik der Indexbildung detaillierter dokumentiert werden würde.


Rezensentin
Prof. Dr. Marion Möhle
Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Marion Möhle. Rezension vom 28.11.2011 zu: Dieter Holtmann: Die Sozialstruktur der Bundesrepublik Deutschland im internationalen Vergleich. Universitätsverlag Potsdam (Potsdam) 2010. 6., veränd. Auflage. ISBN 978-3-86956-057-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9875.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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