socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Laura Vera Frey: Integration aus Sicht türkischer Jugendlicher

Cover Laura Vera Frey: Integration aus Sicht türkischer Jugendlicher. Im Zwiespalt zwischen türkischer Tradition und westlicher Moderne. Tectum-Verlag (Marburg) 2010. 426 Seiten. ISBN 978-3-8288-2214-6. D: 34,90 EUR, A: 34,90 EUR, CH: 53,50 sFr.

Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum-Verlag, Reihe Sozialwissenschaften - Band 30.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema und Entstehungshintergrund

Die in Deutschland lebenden Nachfolgegenerationen der „Gastarbeiter“ aus der Türkei sind in der Regel in ihrem Alltag mit zwei Kultur- und Identitätsverständnissen konfrontiert - einerseits das eher traditionell-kollektiv orientierte Kultur- und Identitätsverständnis ihrer (Groß-)Eltern und andererseits das eher modern-individualistisch orientierte Verständnis der deutschen Gesellschaft. Daran anknüpfend nennt die Autorin ihr Werk im Untertitel „im Zwiespalt zwischen türkischer Tradition und westlicher Moderne“.

Laura Vera Frey will in ihrer vorliegenden Studie mitunter das untersuchen, was gegenwärtig unter dem Stichwort „Integrations(un)willigkeit“ der Türken öffentlich diskutiert wird, und beschäftigt sich mit Fragen wie: Wie stehen die Migranten zu dem Thema Integration? Welche Erfahrungen haben die Jugendlichen bereits gemacht? Was denken junge Türken über Zwangsheirat, Sex vor der Ehe oder bikulturelle Partnerschaften, wie stehen sie zu den Themen Bildung und Erziehung? Die Autorin geht diesen und weiteren Fragen zu den Bereichen Schule, Familie, Partnerschaft, Freundschaft und Diskriminierung exemplarisch anhand von Leitfadeninterviews mit acht türkischen Jugendlichen nach und will wichtige Einsichten in deren Sicht über Integration gewinnen.

Bei der vorliegenden Veröffentlichung handelt es sich um die Diplomarbeit der Autorin.

Aufbau und Inhalt

Abgesehen von der zweiseitigen Einleitung und dem halbseitigen Fazit besteht das Buch aus sechs Kapiteln.

Das erste Kapitel der Arbeit gibt einen knappen Überblick über die Einwanderungsgeschichte von 1950 bis heute.

Der theoretische Rahmen der Arbeit wird im zweiten Kapitel skizziert, indem zunächst einige unterschiedliche Auffassungen von Integration erwähnt werden und anschließend etwas genauer auf die Eingliederungstheorie von Hartmut Esser eingegangen wird, mitunter deshalb, da die Autorin diese zur Auswertung des Integrationsgrades der Interviewteilnehmer heranzieht.

Unter dem Titel Die zweite und dritte Generation der Gastarbeiterkinder wird im dritten Kapitel ein Überblick über den allgemeinen Forschungsstand zu türkischen Migranten und auch speziell über Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund gegeben. Die ausgewählten Themen betreffen folgende Bereiche: Kultur, Religion und Identität; Ehre und Machismo; Sprache, Familie, Netzwerke, Partnerschaft, Wohnverhältnisse, Schule, Aufnahmegesellschaft und Parallelgesellschaft. Diese Themen bilden weitgehend auch die Kategorien der durchgeführten Leitfadeninterviews.

Im vierten halbseitigen Kapitel nennt Laura Vera Frey die Fragestellung der Studie und begründet die Auswahl ihrer Interviewpartner (männliche türkische Jugendliche im Alter von 15 bis 20 Jahren in zwei verschiedenen Jugendzentren: „Gegen eine Untersuchung von männlichen und weiblichen Jugendlichen habe ich mich daher entschieden, da sie sich … nur schwer vergleichen lassen.“ S. 43)

Methodisches Design ist das Thema des fünften Kapitels. Hier beschreibt die Autorin zuerst die Vorteile qualitativer Sozialforschung und begründet damit, warum sie sich für die Methode des Qualitativen Interviews (Leitfadeninterview) entschieden hat. Anschließend geht sie auf die Planung und Durchführung der Studie sowie auf das Vorgehen bei der Auswertung der Daten ein.

Im sechsten Kapitel erfolgt die Darstellung der Ergebnisse, einzeln mit jeweils einer kurzen Biografie des Befragten, einer Falldarstellung nach den o.g. Themen und der abschließenden Auswertung der Daten und der Interpretation der Ergebnisse nach der kognitiven, strukturellen, sozialen und identifikativen Assimilation. Bei dieser Auswertung richtet sich die Autorin nach den vier Assimilationsstufen der Eingliederungstheorie von Hartmut Esser und zeigt auf, inwieweit eine Angleichung an die deutsche Mehrheitsgesellschaft stattgefunden hat und die Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund somit als integriert gelten können. Im Anschluss an die Einzelfalldarstellungen stellt Laura Vera Frey exemplarisch drei Integrationstypen vor, die sich aus der Analyse ihrer Interviews ergeben haben: „Der ‚deutsche‘ Kosmopolit“, „zwischen den Welten“ und „der ‚türkische‘ Traditionalist“.

Das abschließende Kapitel enthält ein halbseitiges Fazit zu der Studie und einen Ausblick auf mögliche weitere Forschungsansätze.

Der 190-seitige Anhang enthält die Leitfragen sowie die transkribierten acht Interviews.

Diskussion und Fazit

In der qualitativen Studie von Laura Vera Frey werden die o.g. Themen differenziert bearbeitet und auf vier, kognitive, strukturelle, soziale und identifikative Integrationsdimensionen bezogen interpretiert. Die Intention der Autorin, Einsichten in die Sicht von betroffenen jungen Menschen mit türkischem Hintergrund über Integration zu gewinnen, kann zunächst durchaus als gelungen bezeichnet werden. Diese gewonnen Einsichten stimmen jedoch mit dem Untertitel des Buchs nur bedingt überein: Denn das Leben türkischer Jugendlicher in Deutschland wird dort als „Zwiespalt zwischen türkischer Tradition und westlicher Moderne“ bezeichnet. Die Untersuchungsergebnisse zeigen aber, dass dies nur für einen Teil der betroffenen Jugendlichen zutrifft. Und zwar meiner Ansicht nach für die Gruppe der Jugendlichen unter den herausgearbeiteten „Integrationstypen“ (siehe oben), die sich „zwischen den Welten“ befinden.

Ferner ist es der Autorin aus meiner Sicht nicht gelungen, weiterführende und über die Grenzen des Bekannten hinausreichende und beachtenswerte Forschungsergebnisse zu erzielen, geschweige denn politische und/oder pädagogische Handlungsempfehlungen herauszuarbeiten. Ihre Erkenntnisse liefern zudem weder hinsichtlich der Erklärungen für Unterschiede von Assimilationsniveaus und -prozesse noch für Weiterführung und Ausdifferenzierung des Diskurses über Konzepte von Assimilation etwas Neues.


Rezension von
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...
E-Mail Mailformular


Alle 102 Rezensionen von Süleyman Gögercin anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 01.11.2010 zu: Laura Vera Frey: Integration aus Sicht türkischer Jugendlicher. Im Zwiespalt zwischen türkischer Tradition und westlicher Moderne. Tectum-Verlag (Marburg) 2010. ISBN 978-3-8288-2214-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9876.php, Datum des Zugriffs 19.01.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht