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Stefan Weber (Hrsg.): Theorien der Medien

Cover Stefan Weber (Hrsg.): Theorien der Medien. Von der Kulturkritik bis zum Konstruktivismus. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2010. 2., überarbeitete Auflage. 331 Seiten. ISBN 978-3-8252-2424-0. 24,90 EUR.

Reihe: UTB - 2424.
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Thema

Das Sammelwerk behandelt die medienwissenschaftliche Theoriebildung. Gleichzeitig versteht sich das Werk als Lehrbuch, das jedes Kapitel mit Übungsfragen abschließt und so dem Lesenden die Möglichkeit einräumt, das Gelesene zu verarbeiten und zu verstehen.

Herausgeber

Der Herausgeber, Stefan Weber, ist Medienwissenschaftler in Salzburg und Dresden.

Entstehungshintergrund

In seiner Einführung (Basistheorien für die Medienwissenschaft) betont Stefan Weber den Lehrbuchcharakter des Buches, das das unübersichtliche Feld der Medientheorien für Studierende nun in zweiter Auflage bearbeitet. Ganz so euphorisch, wie es der Herausgeber in seinem Vorwort schildert, liest sich das Buch nicht so einfach - mitunter schmücken sich manche AutorInnen mit einem „Fachchinesisch“, das Uneingeweihte nur schwer nachvollziehen können. Gleichwohl ist das Strukturprinzip des Buches klar und einleuchtend. So folgen auf einen theoretischen Diskurs Grundbegriffe und Modelle der jeweiligen Theorie, Anwendungsmöglichkeiten und immer grundsätzliche Fragen an den Lesenden, die helfen, das Gelesene zu rekapitulieren und aufzuarbeiten. Gegenüber der ersten Auflage wurden die Beiträge aktualisiert, ergänzt durch Diskurse zum Web 2.0 und der Beitrag zu den Cultural Studies wurde neu verfasst. Das Buch will Orientierung in der Fülle diverser und divergierender Medientheorien anbieten. Der Herausgeber sieht darin jedoch kein Problem, sondern begrüßt im Gegenteil den Theorien-Pluralismus. Gleichzeitig werden auch Forschungsergebnisse eingespielt, die den „Kreislauf von Theorie, Empirie, Praxis und Methodologie“ umfassen. Dem Herausgeber geht es um einen kulturwissenschaftlichen Diskurs zur Theorie der Medien. Theorien umfassen dabei Paradigmen, Supertheorien, Basistheorien, Theorien mittlerer Reichweite. Unter einem Paradigma sei ein „transdisziplinäres und übergeordnetes Weltbild“ zu verstehen, „das alle unter ihm liegenden Ebenen theoretischer Komplexität zu einem gewissen Grad determiniert.“ (S. 20) Eine Supertheorie trete mit dem Anspruch auf, „Gesellschaft als Ganzes zu begreifen.“ Supertheorien lassen sich durch ihren „universellen Charakter“ verstehen (S. 21). Dagegen seien Basistheorien weder übergeordnet wie Supertheorien, noch tendenziell totalitär wie Paradigmen: „Sie sind vielmehr jene Theorien, die ein in sich logisch konsistentes Set an Begriffen, Definitionen und Modellen anbieten, das empirisch operationalisiert werden kann. Im Gegensatz zu Supertheorien bieten Basistheorien sowohl die Möglichkeit einer basalen theoretischen Verankerung als auch die Möglichkeit der Empirisierung.“ (S. 21) Theorien mittlerer Reichweite seien auf einen Gegenstandsbereich eingeschränkte und bezogene Theorien (S. 24).

Aufbau

Das Buch gliedert sich wie folgt:

Vorwort

Zum Gebrauch des Lehrbuchs

1. Einführung: (Basis-)Theorien für die Medienwissenschaft

2. Überblick: Theorienspektrum Medienwissenschaft
2.1 Techniktheorien der Medien
2.2 Ökonomische Theorien der Medien
2.3 Kritische Medientheorien
2.4 Zeichentheorien der Medien
2.5 Cultural-Studies-Theorien der Medien
2.6 Konstruktivistische Medientheorien
2.7 Systemtheorien der Medien
2.8 Feministische Medientheorien
2.9 Psychoanalytische Medientheorien
2.10 Poststrukturalistische Medientheorien
2.11 Medienphilosophische Theorien

3. Komparatistik: Theorien-Raum der Medienwissenschaft

Autoren

Personenindex

Sachindex

Ad 1. Einführung

In seiner Einführung gibt Stefan Weber einen Überblick über die Basistheorien der Medienwissenschaft.

  1. Postmoderne Theorien beschäftigen sich mit Wandlungsphänomenen im Übergang von der Moderne in die Postmoderne. Dazu werden z.B. Ansätze des Strukturalismus und des Poststrukturalismus wie Jean Baudrillards Ansatz gezählt; oder Michel Foucaults Diskursanalyse oder Jean-François Lyotards „große Erzählungen“ oder die Dromologie, d.h. Lehre von der Geschwindigkeit nach Paul Virillio oder die Theorie des Kommunikationsnetzes nach Michel Serres. Auch Jacques Derrida mit seinem Ansatz der Dekonstruktion wird hierzu gezählt. Nicht französischsprachige Theoretiker der Postmoderne sind Vilém Flusser, Peter Weibel, Gerhard Johann Lischka oder Norbert Bolz - diese Autoren thematisieren virtuelle Realitäten und Computerisierung bzw. Überlegungen zur Realität / Medienwirklichkeit. (S. 33)
  2. Medienphilosophische Ansätze (Frank Hartmann, Walter Benjamin, Günther Anders, Marshall McLuhan, Mike Sandbothe, Reinhard Margreiter, Ernst Cassirer, Sybille Krämer, Martin Seel, Matthias Vogel, Manfred Fassler) diskutieren Medien auf dem Hintergrund der Symbolphilosophie und des amerikanischen Pragmatismus (John Dewey).
  3. Techniktheorien der Medien interessieren sich für die technische „Dynamik der Medialisierung“ (S. 35). Friedrich Kittler (Medienmaterialismus), Hartmut Winkler (Medientheorie des Computers) oder die Apparatus-Theorie nach Jean-Louis Baudry werden zu diesem Spektrum gezählt.
  4. Ökonomische Theorien (Franz Dröge, Horst Holzer, Manfred Knoche, Jürgen Heinrich, Marie-Luise Kiefer) untersuchen „ökonomisches Handeln als Güterproduktion und -konsumtion unter den Bedingungen der Ressourcenknappheit.“ (S. 36)
  5. AutorInnen, die der Kritischen Theorie zuzurechnen sind, teilen eine insgesamt kulturpessimistische Sicht, die der Kulturindustrie zuerst einen Verschleierungshorizont unterstellt. Medien trügen zum Massenbetrug bei (Autoren wären u.a. Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Hans Magnus Enzensberger, Jürgen Habermas, Richard Münch, Dieter Prokop).
  6. Feministische Theoretikerinnen wie z.B. Judith Butler diskutieren Medien in der Perspektive von Doing bzw. Performing Gender oder Cyberfeminismus.
  7. Die psychoanalytischen Medientheorien im Anschluss an Sigmund Freud und Jacques Lacan fokussieren das Unbewusste, Latente vor allem bei den NutzerInnen der Medien.
  8. Zeichentheorien (beispielsweise Ulrich Saxer und Roland Burkart) und Analyse von Zeichenprozessen sind häufig in den Medienwissenschaften anzutreffen.
  9. Kulturtheorien bzw. Cultural Studies verbinden Medienwissenschaft mit Kultur, Kontext und Rezipientenorientierung (Stuart Hall, Lawrence Grossberg, Ian Ang, John Fiske, John Hartley).
  10. Konstruktivistische Theorien in Anlehnung an Humberto R.Maturana, Gerhard Roth oder Paul Watzlawick, Heinz von Foerster, Ernst von Glasersfeld u.a. gehören zu den Mainstreamtheorien in der Medienwissenschaft.
  11. Systemtheorien gehen auf die Begriffe und Modelle (z.B. System und Umwelt) von Niklas Luhmann u.a. zurück und werden auch als Supertheorien der Medienwissenschaft gehandelt.
  12. Im Buch werden dann zudem Handlungs- und Entscheidungstheorien, phänomenologische Theorien, hermeneutische und Symboltheorien vorgestellt, daneben auch noch naturwissenschaftliche Theorien.

Hilfreich für den Überblick sind die Übersicht auf S. 44 und das Literaturverzeichnis von S. 45-48. Die Übungsfragen auf S. 48 stehen paradigmatisch für den Lehrbuchcharakter des Buches:
„1. Geben Sie eine allgemeine Definition für eine „Theorie“ an.
2. Was unterscheidet ein Paradigma von einer Basistheorie?
3. Worin unterscheiden sich postmoderne von medienphilosophischen Ansätzen (gemäß der hier vorgeschlagenen Differenzierung)?
4. Erklären Sie anhand einer konkreten Forschungsfrage bzw. einer konkreten Forschungsarbeit, wie eine von ihnen zu wählende Basistheorie empirisch operationalisiert werden kann.
5. Versuchen Sie, zumindest einen Kandidaten für eine Basistheorie zu finden, der in diesem Einführungstext nicht Erwähnung fand und positionieren Sie ihn in der hier entwickelten Differenzierung.“ (S. 48)

ad 2. Überblick: Theorienspektrum Medienwissenschaft

2.1 Frank Hartmann: Techniktheorien der Medien. Hartmann setzt bei den technischen Voraussetzungen wie Speichern, Schaltungen, Datenträgern an, die den medialen Inhalt mitbestimmen, d.h., es geht um eine entsprechende Wirklichkeit, die von Maschinen und Apparaten mitbestimmt wird. Deutlich wird, dass das Subjekt dieser Wirklichkeit und ihrer Rezeption nicht mehr das menschliche Individuum ist, sondern eher ein „kulturelles oder gesellschaftliches Kollektiv.“ (S. 51) Medien sind daher Mittel der Wirklichkeitserzeugung und auch in einem weiten Sinn Mittel menschlicher Selbsterfahrung (S. 55) Hartmann diskutiert dann in seinem Aufsatz verschiedene Richtungen technischer Medientheorien wie Ernst Kapps Organprojektion, die Prothesen Theorie, Marshall McLuhans Theorie vom Medium als Botschaft, André Leroi-Gourhan, Friedrich Kittler (Medienarchäologie), Aufschreibsysteme, Materialisation der Kommunikation, Apparatus Debatte (Jean Louis Baudry). „Es gibt keinen ‚Geist‘ ohne materiellen Träger, es gibt … keine Software als maschinenunabhängige Fähigkeit. Für eine Medienwissenschaft, die sich zwischen geisteswissenschaftlichen Ansätzen und sozialwissenschaftlichen Methoden bewegt, ergibt sich daraus die Forderung an eine Rückbindung an den Eigensinn von Technik, die ihren Gegenstand erst möglich macht.“ (S. 73)

2.2 Natascha Just / Michael Latzer: Ökonomische Theorie der Medien. In diesen Theorieansätzen wird zuallererst die ökonomische und gesellschaftliche Bedeutung vor allem der Massenmedien thematisiert bzw. die Auswirkungen des „kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystems auf die Medienprodukte“ usw. (S. 79) Hier lassen sich dann wieder verschiedene Subtheorien unterscheiden, die ihren Ursprung in der neuen politischen Ökonomie haben. Der Diskurs um die Definition von Medienökonomie führt in eine sich gänzlich von geisteswissenschaftlichen Ansätzen unterscheidende Welt ein, denn es geht um die Frage nach Absatzmärkten, wobei das Ziel z.B. werbefinanzierter Medien zuallererst auch darin liegt, Zuschauer für die Werbeindustrie zu produzieren (S. 85) Zu fragen ist dann allerdings immer, ob das politische Ziel der (vor allem der journalistischen) Medien nach Meinungsvielfalt durch Anbietervielzahl oder durch publizistische Vielfalt erreicht werde, was in Spannung zu den ökonomischen Basisannahmen wie Marktstruktur, Marktverhalten und Marktergebnis steht. (S. 93)

2.3 Christian Schicha: Kritische Medientheorien. Christian Schicha nimmt die Kritik der Frankfurter Schule (vor allem durch Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin) auf und fokussiert den Begriff der Manipulation, wobei es hier zentral um eine kritische Betrachtung der Wirkweisen von Medien geht: „Die stimulierende Wirkung der Massenmedien wurde negativ bewertet, da die Menschen insbesondere durch Unterhaltungsangebote von ihren tatsächlichen Bedürfnissen abgelenkt würden, nämlich sie kritisch mit den gesellschaftlichen Verhältnissen und ihrer eigenen Situation auseinander zu setzen.“ (S. 105) Die Kultur- und Medienkritik der Frankfurter Schule versteht sich in erster Linie als Ideologiekritik und Kritik an gesellschaftlichen Entfremdungs- und Verblendungszusammenhängen. Massenmedien hätten die Tendenz zum Massenbetrug: „Die Masse werde durch derartige Medienangebote getäuscht, da sie standardisierte Vergnügungen an die Rezipienten herantragen, die von ihren tatsächlichen Bedürfnissen ablenken und so eine relative Zufriedenheit im kapitalistischen System aufrechterhalten (S. 106) … Somit ergebe sich ein Zwangscharakter einer entfremdeten Gesellschaft. Technische Rationalität fungiere als Rationalität der Herrschaft.“ (S. 107) Adorno sieht darüber hinaus im Setting moderner Unterhaltungsindustrie auch die Tendenz zur Halbbildung gestärkt und damit ein Anfälligwerden für autoritär-faschistoide Herrschaftssysteme. In der Tradition der kritischen Theorie bezüglich Medien steht auch Hans Magnus Enzensberger, der einen repressiven und emanzipatorischen Mediengebrauch unterscheidet („Kritik am Brabbelmedium Fernsehen“). Jürgen Habermas“ Theorie kommunikativer Rationalität zielt auf verständigungs- und lösungsorientierte Diskurse: „Massenmedien gelten bei Habermas als Kommunikationstechnologien, die die raumzeitliche Beschränkung von Sprechhandlungen aufheben und in eine virtuelle Öffentlichkeit überführen, die sich aus einem Netz pluraler Öffentlichkeiten zusammensetzt.“ (S. 111) Daraus resultiere nach Habermas auch ein emanzipatorisches Potenzial, das dazu beitragen könne, Öffentlichkeit herzustellen und Geltungsansprüche verschiedener Diskurspartner zu artikulieren. Günther Anders hingegen thematisiert die Herrschaft der Technik in der Weise, dass Medien nicht nur Wirklichkeit erzeugten, sondern vor allem Erfahrungen der RezipientInnen prägen und massiv beeinflussen.

2.4 Gloria Withalm: Zeichentheorien der Medien. Die Semiotik - die Lehre oder Theorie von den Zeichen - versteht sich als Wissenschaft von Kommunikation und Medien; einmal lässt sich unter den Begriff Semiotik die Disziplin semiotischer Fragestellungen und Untersuchungen und zum anderen die eigentliche Analyse von Zeichenprozessen verstehen (S. 126) Die Wissenschaft unterteilt sich weiter in drei Teildisziplinen: Syntaktik, Semantik und Pragmatik. Das Zeichen als Basiseinheit der Semiotik wird als „Relation von Elementen“ verstanden, die sich je und je konstituiert. Ein Zeichenträger steht im Zusammenhang mit anderen Zeichenträgern oder verweist auf sie und steht doch gleichzeitig auch für anderes („aliquid stat pro aliquo“). Die Beziehung zwischen den Zeichenträgern untersucht die Syntaktik - die Semantik ist die Bedeutungslehre und die Pragmatik untersucht die Produktion, Rezeption und Interpretation von Zeichen. Zu unterscheiden ist zudem noch das Bezeichnende (Signifikant) und das Bezeichnete (Signifikat). Ferdinand de Saussure und Charles S. Peirce gehören zu den Theoretikern der Semiotik, die wiederum selbst in einer vielschichtigen Beziehung zwischen Kommunikations- und Medienwissenschaft stehen. Ein einheitliches Modell dieser Beziehung existiert nicht, obschon Roman Jakobsen sechs konstituierende Faktoren bzw. Funktionen der Kommunikation herausgearbeitet hat:

  1. Sender emotiv
  2. Botschaft poetisch
  3. Empfänger konativ
  4. Kontext, auf den sich die Botschaft bezieht referentiell
  5. Kontakt zwischen Sender und Empfänger phatisch
  6. Code metasprachlich

Das Modell von Jakobson hat gegenüber traditionellen Modellen den Vorteil, dass es sich auch auf nonverbale Kommunikationsprozesse übertragen lässt. Das Gebiet der Werbung war von Anfang an Betätigungsfeld der Mediensemiotik; als beispielhaft gelten die Analysen von Roland Barthes (französische Panzani-Anzeigen). Seine Analysemethoden wurden später allgemein auf das Marketing allgemein übertragen. Weitere Entwicklungen stellen die visuelle Semiotik und die Filmsemiotik dar. Hier spricht man zunehmend von einem Medientext, der sich intertextuell und intermedial konstituiert. Neueste Entwicklungen sind die elektronischen Medien, wobei die Produktion und Rezeption von Hypertexten im Vordergrund steht. Die Autorin hält die Erinnerung wach, dass der Semiotik nicht nur eine akademische Rolle, sondern auch eine „alltagswirksame, aufklärerische Funktion“ zukäme (S. 137).

2.5 Bettina Pirker: Cultural-Studies-Theorien der Medien. Unter Cultural Studies (CS) werden verschiedene kulturwissenschaftliche Ansätze und Modellvorstellungen zusammengefasst, die sich vor allem durch breite Heterogenität und Inter-, Trans- und Multidisziplinarität auszeichnen. Wichtig ist für CS und ihre ForscherInnen das reflektierte Eingebundensein in das Forschungsfeld: „Die Cultural Studies sind subjektiv und politisch [kursiv im Orig.], sie sind sich ihrer eigenen Involviertheit bewusst und ihre Erkenntnisse sollen unter anderem dazu dienen, starre Strukturen, Diskurse und mögliche Subversionsstrategien aufzuzeigen. Kultur ist in den CS nichts Unveränderliches bzw. Festgeschriebenes, vielmehr herrscht ein ständiger „struggle over meaning“ (S. 146) CS versuchen im Sinn eines radikalen Kontextualismus Ungleichverhältnisse aller Art wahrzunehmen. Am Anfang der Geschichte der CS steht das Unbehagen gegenüber einer Elitenkultur, die sich von der jeweiligen Mehrheitskultur dadurch unterscheidet, dass die Zugänge in der Regel nur denen offen stehen, die über entsprechende materielle Ressourcen verfügen oder verfügten. Unter dem Kulturbegriff der CS versteht man entweder die gesamte Lebensweise oder die Produktion und Zirkulation an Bedeutungen, die Menschen den Dingen um sie herum beimessen und ihnen so Sinn verleihen. Die CS machen darauf aufmerksam, dass der Prozess der Bedeutungszuschreibung etwas mit Machtrelationen zu tun hat, also nicht neutral und objektiv sein kann, sondern ein Ergebnis von Machtkämpfen darstellt. Wichtige Begriffe der CS sind deshalb auch Ideologie, kulturelle Hegemonie, Herrschaft, Zwang, Common Sense, Wissen-Macht-Relation, Diskurs. In der Medienwissenschaft finden CS darin Verwendung, dass sie den Wechsel und Neubesetzung von Sinn und Bedeutungszuschreibungen transparent machen (Encoding - Decoding), wobei in der Regel dominant-hegemoniale, ausgehandelte und oppositionelle Lesarten existieren (S. 156). Attraktiv werden die Modelle der CS in Fragen der Identität und Zugehörigkeit und Abgrenzung. Zur Anwendung kommen die CS auch in den Bereichen der Medienproduktions-, Medientext-, und Medienrezeptionsforschung, sodass gelten kann: „Die Betonung des aktiven Rezeptionsprozesses in Verbindung mit einer Reflexion der Machtverhältnisse sowie der Bedeutung von Ideologien und Diskursen für die Konstruktion von sozialer Identität ermöglicht ein besseres Verständnis des Zusammenhangs von Medien, Menschen, Politik und Kultur.“ (S. 163)

2.6 Stefan Weber: Konstruktivistische Medientheorien. Stefan Weber macht darauf aufmerksam, dass der Konstruktivismus als philosophische Position zwar auf eine lange denkerische Tradition in der abendländischen Philosophie als Epistemologie zurückschauen kann (Idealismus Nominalismus, Aristotelismus), aber sich als eigenständige Position erst in den vergangenen Jahrzehnten etabliert hat und sich auf Ideen von Paul Watzlawick, Gregory Bateson, Heinz von Foerster, Humberto R. Maturana, Gerhard Roth, Ernst von Glasersfeld, Jean Piaget bezieht. Der Konstruktivismus geht davon aus, dass „Wirklichkeit sui generis erzeugt (wird), die nicht als Abbildung einer realen, schon vorab existierenden Außenwelt begriffen werden kann.“ (S. 174) „Konstruktion“, im Sinn des Konstruktivismus, „meint dann jegliche Form kognitiv-sozialen Operierens.“ (S. 175) Siegfried J. Schmidt hat in Bezug auf Medien ein „Modell der zirkulären Wirklichkeitskonstruktion“ entwickelt, das Kognition, Kommunikation, Medien, Rezeption und Kultur umfasst. Die Kernaussage von Schmidt lautet: „Wirklichkeitskonstruktionen von Aktanden sind subjektgebunden, aber nicht subjektiv im Sinne von willkürlich, intentional oder relativistisch. Und zwar deshalb, weil die Individuen bei ihren Wirklichkeitskonstruktionen im geschilderten Sinne immer schon zu spät kommen: Alles, was bewußt wird, setzt vom Bewußtsein aus unerreichbare neuronale Aktivitäten voraus; alles, was gesagt wird, setzt bereits das unbewußt erworbene Beherrschen einer Sprache voraus; worüber in welcher Weise und mit welchen Effekten gesprochen wird, all das setzt gesellschaftlich geregelte und kulturell programmierte Diskurse in sozialen Systemen voraus.“ (Zitat bei Weber, aaO., S. 177)
In der konstruktivistischen Medientheorie konstruieren sich die Rezipienten von Medien ihre eigene Wirklichkeit und ihren eigenen Sinn, d.h., Wirklichkeitskonstruktionen sind grundsätzlich subjektabhängig. Kritisch gegen konstruktivistische Medientheorien wirkt die Unterscheidung zwischen unerkennbarer Realität und konstruierter Wirklichkeit: „Wenn die Realität unerkennbar ist, wie wäre dann erkennbar, dass sie unerkennbar ist?“ (S. 183)

2.7 Stefan Weber: Systemtheorien der Medien. Stefan Weber thematisiert in seinem Aufsatz ausschließlich die autopoietische Systemtheorie von Niklas Luhmann und die medienwissenschaftliche Rezeption bei Manfred Rühl und Frank Marcinkowski. Bei der Systemtheorie handele es sich, so Stefan Weber, um eine „umfassende Makrotheorie“ (S. 189). Luhmann definiert „System“ als ein Ganzes, dessen Bedeutung mehr als die „bloße Summe seiner Teile“ darstellt. Luhmann nimmt hierbei klassische Definitionen von Ludwig von Bertalanffy, Norbert Wiener und anderen auf und definiert dann darüber hinausgehend Systeme als “Einheiten in Differenz zur Umwelt, die (a) operativ geschlossen und (b) selbstreferentiell sind.“ (S. 191) Systeme konstituieren also durch ihr Operieren geschlossene Regelkreise (S. 191). Die Erweiterung dieses Systembegriffs geschah in den 80iger Jahren des 20. Jahrhunderts, als die Selbstreproduktion (Autopoiesis) bei sozialen Systemen eingeführt wurde: „Systeme sind entweder Maschinen, Organismen, Bewusstseine oder soziale Funktionssysteme. Maschinen sind als einziger Systemtyp keine autopoietischen (=sich selbst reproduzierenden), sondern allopoietische Systeme. Sie produzieren etwas von sich selbst Verschiedenes, etwa der Kaffeeautomat heißen Kaffee.“ (S. 193) Kritisch ist anzumerken, dass die Systemtheorie Niklas Luhmanns keine Mikrotheorie des Handelns von Individuen vorsieht, sondern Kommunikationen fokussiert: „Das Mittel und das (Letzt-) Element der Selbstreproduktion sozialer Systeme ist also Kommunikation. Der Begriff der Kommunikation selbst ist bei Luhmann abstrakt definiert als dreistellige Selektion aus Information, Mitteilung und Verstehen.“ (S. 196) Anwendungen der Systemtheorie finden sich vor allem im Bereich der Publizistik und der Massenmedien.

2.8 Sibylle Moser: Feministische Medientheorie. Die feministische Medientheorie setzt an der Unterscheidung der Geschlechter als Zugang der Wirklichkeitsinterpretation an: „Die Frage nach der kommunikativen Wirkungsweise des Geschlechts infiltriert die Grundfragen der Kommunikations- und Medienwissenschaften … Die Beobachtung der Geschlechterdifferenz ist damit eine zentrale Aufgabe der Kommunikations- und Medienforschung.“ (S. 207) Die Autorin bezieht sich in ihrer Darstellung der feministischen Medientheorie und gendersensitiver Forschungsansätze vor allem auf konstruktivistische Kommunikations- und Medienansätze. Sibylle Moser rekonstruiert den feministischen Geschlechterdiskurs von den Anfängen um 1830 als Aufklärungskritik an Ungerechtigkeitsstrukturen und traditionellem Genderverständnis bis zur egalitätsorientierten Frauenforschung: „Die gesellschaftliche Ungleichheit der Geschlechter soll durch die feministische Korrektur wissenschaftlicher Beobachtungen tendenziell aufgehoben werden. Man bzw. >frau< muss nur den Kriterien rationaler Wissenschaft folgen, dann werden Verzerrungen der Wirklichkeit erkannt und Ungerechtigkeiten zwischen Frauen und Männern aufgelöst.“ (S. 210) Die Autorin kritisiert ihrerseits dann wieder die differenzorientierte Frauenforschung mit dem Argument, sie unterwerfe sich androzentrischen Wertmaßstäben. Ihre These von der (gesellschaftlichen) Konstruktion des Geschlechts weist Kommunikationsprozessen eine entscheidende Bedeutung zu, da sich Geschlechterwirklichkeiten „in medienspezifischen Kommunikationen“ realisieren. (S. 211) Wichtig ist die Unterscheidung von Sex und Gender, d.h., den biologischen Geschlechtskörper von seiner gesellschaftlichen Interpretation oder auch als doing-Gender-Konzept nach Susanne Kessler und Wendy McKenna. Sie schreibt: „Mit Hilfe dieses symbolischen Repertoires wird Zweigeschlechtlichkeit als scheinbar unhintergehbare soziale Realität hergestellt. Für die feministische Kommunikationswissenschaft birgt das Konzept des Doing Gender das Potenzial, kommunikative Prozesse allgemein als geschlechtskonstitutiv zu interpretieren.“ (S. 214) Aufgabe feministischer Gender-Medientheorie ist die Dekonstruktion der „zwangsheterosexuellen Matrix“ (Judith Butler), was in der Folge zur Reflexion und Dekonstruktion des Zusammenhangs von Körpererfahrung, Zeichensetzung und Affekt führt. In der Medienrezeptionsforschung führt das dazu, dass der Ansatz „psychischer Dynamiken geschlechtlicher Identitätsbildung“ (S. 219) auf den Prüfstand muss. Auch scheinbar festgelegte Weiblichkeits- und Männlichkeitsbilder, z.B. in der Werbung, müssen auf ihren ideologischen Gehalt hin überprüft werden.

2.9 Lutz Ellrich: Psychoanalytische Medientheorien. Die Geschichte der Psychoanalytischen Medientheorien in uneinheitlich entsprechend der Heterogenität psychoanalytischer Schulen und Ansätze. Das Konzept Freuds, das Unbewusste zu thematisieren, wirkt sich selbstverständlich auch auf die Medientheorie aus: „Anders als Zeichen lassen sich Medien deshalb auch nicht direkt sinnhaft erschließen. Denn Medien treten ebenso wie das Unbewusste allein durch Spuren in Erscheinung, die erst entschlüsselt werden müssen. Beide – Medium und Unbewusstes – hinterlassen >vorsemantische< Indizien für die Anwesenheit von etwas Abwesendem.“ (S. 233) Die Prägekräfte der Medien entfalten, sobald sie ins Bewusste gebracht werden, manipulative Kraft und lassen sich als Werkzeuge der Verführung einsetzen. In der psychoanalytischen Medientheorie lassen sich fünf Ansätze unterscheiden, die sich mit den Namen Friedrich Kittler, Gunther Salje, Elisabeth Bronfen, Christian Metz und Slavoj Žižek verbinden. Friedrich Kittler unterstellt Kommunikationsmaschinen, dass sie Ausdruck „wirkmächtiger Arsenale der Seele“ seien (S. 235), die aber der Verdrängung und Verleugnung dienten. Medien seien in der Urform so etwas wie ein „Prothesengott“ (S. Freud), wobei gelte: „Medien konstituieren eine Welt, in der das Subjekt gleichsam ‚automatisch‘ aus dem Zentrum gerückt ist.“ (S. 236) Kittler analysiert den Prozess medialer Ausdifferenzierung mit Hilfe der drei psychischen Register Lacans (symbolisches, imaginäres, reales Register). Salje analysiert dagegen die mediale Rezeptionssituation mit den Kriterien der Balance zwischen Ich-Es-Überich und unterscheidet in Symbol, Klischee und Zeichen Stadien kindlicher Entwicklung. Bei Elisabeth Bronfen hingegen konzentriert sich die Analyse auf die in den Medien zum Vorschein kommende Kommunikationsstruktur: „Relevant ist allein die Differenz zwischen einer manifesten Bedeutung der untersuchten Zeichen und ihrem latenten Sinn, der dann z.B. unter Rekurs auf die psychoanalytische Trieb- oder Konflikttheorie decodiert wird…“ (S. 242) Filme, so Bronfen, funktionierten wie Träume, d.h., es werden Szenen unseres inneren psychischen Theaters nachgespielt. Christian Metz geht in seiner psychoanalytischen Medientheorie den Weg von der Semiotik zur Lacanschen Psychoanalyse. Kino ist für ihn so etwas wie ein geschlossenes ideologisches System. Slavoj Žižek thematisiert in seinen Arbeiten die Differenz „zwischen dem unhintergehbaren Schein und den fragwürdigen Phantasmen, die die Menschen über das erforderliche Maß hinaus verblenden oder verstören.“ (S. 244)

2.10 Claus Pias: Poststrukturalistische Medientheorien. Das Theorienkonglomerat, das sich hinter dem Begriff Poststrukturalismus zeigt, hat als kleinsten gemeinsamen Nenner, sich nicht auf Gewissheiten (z.B. begrifflicher Art), sondern auf deren Auflösung zu beziehen. Einer der Väter des Poststrukturalismus ist Michel Foucault. Seine Rekonstruktionen von Bedingungszusammenhängen „bezweifeln … jede Möglichkeit einer objektiven, zuverlässigen und universellen Begründung des Wissens und zugleich die Existenz eines Wissens, das durch den richtigen Gebrauch der Vernunft gewonnen werden könnte und darum wahr wäre.“ (S. 253) Diskurse dienen im Verständnis Foucaults dazu, Machtverhältnisse zu klären und sind nicht ohne strategische oder taktische Absicht. Jean-François Lyotard analysiert die „postmoderne Epochenschwelle“, die seiner Meinung nach eine Transformation des Wissens und ihrer Speicher gebracht habe. Roter Faden sind in seinem Ansatz die „großen Erzählungen“, die die Einheit des Wissens repräsentieren. Jacques Derrida versteht die abendländische Philosophie seit Platon als eine Ontologie von Stimme und Schrift - Medien fungieren dabei als Möglichkeit des Verschwindens der Lautsubstanz im Sprechen: „Wenn das Vergessen der Lautsubstanz im Sprechen und im gleichzeitigen Sich-Vernehmen der Stimme die phonozentrischen Hierarchien von Innen und Außen, Seele und Körper, Urbild und Abbild ermöglicht, dann liegt ihre angemessene Kritik in einer Wissenschaft der >GrammatologieDerrida zit. n. Weber, S. 257) Jean Baudrillard wiederum fragt nach dem „ETWAS“, das Medien vermitteln und nach dem Subjekt, das einen Zugang zu diesem „ETWAS“ haben möchte. Paul Virillo beschäftigt sich mit der Dromologie, der Lehre von Geschwindigkeit und Beschleunigung, in der Analyse des Unterhaltungskinos. Die Spuren des Poststrukturalismus in den Medienwissenschaften stellen sich durch drei Einsichten her:

  1. „Medien stellen das Wissen, das sie speichern, verarbeiten und vermitteln jeweils unter die Bedingungen, sie sie selbst schaffen und sind.“ (S. 260)
  2. „Medien sind keine abstrakten Träger eines fremden Sinns, sondern sind konkret und haben einen materialen Eigensinn.“ (S. 261)
  3. „Medien kommunizieren nicht nur Ereignisse, sondern kommunizieren zugleich sich selbst als Ereignis mit.“ (S. 261)

Das bedeutet, es geht um das Wissen der Medien, um die Materialität semiotischer Prozesse und um Medien-Ereignisse.

2.11 Frank Hartmann Medienphilosophische Theorien. In der Medienphilosophie geht es nicht um eine Philosophie der Medien, sondern wesentlich um den Status des Menschen in einer Medienwelt. Diese Art der Philosophie zielt „auf das Begreifen dessen, was kultureller Wandel vor sich geht, und ein Skizzieren dessen, was in einer künftigen anthropologischen Situation möglich sein könnte.“ (S. 261) Darüber hinaus stellt sich auch die Frage nach den Medien der Philosophie, d.h., es geht um Medien als Materialitäten des Kommunikation und des Geistes und damit um sinnerzeugende Agenten. Platons Phaidros nimmt, so der Autor, eine Gegenposition ein, denn in dieser Schrift würde Antimedialismus thematisiert. „Überliefert ist uns diese Schrift im Zeichen der Einbildung als ein performativer Widerspruch, der nur dadurch geglättet wird, dass Platon in seinem Text Sokrates sprechen lässt. Ansonsten wird im Lichte der philosophischen Erkenntnis das Verdikt gegen die Welt der Sinne ausgesprochen: Bekannt ist das sogenannte »Höhlengleichnis« aus Platons Der Staat, in dem die sinnliche Welt als unsicher und trügerisch verworfen wird.“ (S. 271) Das philosophische Bilderverbot nimmt auch Immanuel Kant in seiner „Kritik der Urteilskraft“ auf und wehrt sich gegen die faktische Abhängigkeit des menschlichen Geistes von medialen Bedingungen wie Kultur, Sprache, Symbolverwendung oder Technik, die neue Wirklichkeiten schafft. Philosophisch erweitert sich der Begriff des Mediums ab Hegels „Wissenschaft der Logik“ als „durchlässig für etwas“ zu sein: „Das Medium ist ein Tor zur Welt des Symbolischen; die faktischen Medien hingegen bleiben eine ganz profane Angelegenheit…“ (S. 273) Johann G. Herder, Wilhelm von Humboldt und vor allem Ernst Cassirer „machen darauf aufmerksam, dass die vermeintlich autonome Vernunft ihren bedingenden Rahmen hat, da sie sich immer innerhalb einer Kultur und in einer Sprache formiert.“ (S. 275) Cassirer vollzieht dann endgültig die Wende zu den symbolischen Formen: „Dabei werden Sprache und Mythos neben dem Problem der philosophischen Erkenntnis und der wissenschaftlichen Erklärung als eigenständige Narrative im Prozess der Menschwerdung thematisiert: Der Mensch gilt fortan nicht bloß als rationales Wesen, sondern als animal symbolicum. Damit werden kulturtechnisch bedingte Erfahrungsmodalitäten des Menschen herausgearbeitet und in einer Theorie des kulturellen Sinnverstehens systematisch begründet.“ (S. 275) Grundsätzlich hat es der Mensch nie mit wirklichen Dingen zu tun, sondern mit „mediatisierter Wirklichkeit“ (S. 276). Die Phänomenologie als Suche nach den Urformen der Erfahrungen (Edmund Husserl) wird zu einer wesentlichen Grundlage der Medienwissenschaft. Kritisch gegen die Phänomenologie argumentiert Günther Anders, der den Scheincharakter der AV-Medien entlarvt: „Die Menschen versuchen nicht nur, sich den medial erzeugten Vorbildern entsprechend zu formen, sondern entwickeln auch eine Ikonomanie, eine Bildersucht, die alles ausschließt, was nicht medial reproduziert (beispielsweise photographiert) werden kann.“ (S. 278) Harold A. Innis fragt nach einer „Grammatik der Medien“, d.h., wie ist eine frei handelnde Subjektivität des Menschen überhaupt noch möglich? Marshall McLuhan sieht in der technischen Entwicklung der Medien und ihrer Industrien so etwas wie eine Logik des Zerfalls am Werke. Vilém Flusser beobachtet in Folge durch den Einfluss der Medien einen radikalen Umbruch der Kommunikationsverhältnisse.

ad 3. Komparatistik: Theorien-Raum der Medienwissenschaft

Die Medienwissenschaften liegen ausgebreitet von der Kritischen Theorie bis hin zur Systemtheorie, vom Poststrukturalismus bis zur neuen Actor Network Theory (Bruno Latour) mit ihren mannigfachen Widersprüchen, Ambivalenzen und schulischen Grabenkämpfen. Stefan Weber versucht in seiner Zusammenfassung diese Spannungen auszuloten - was bleibt ist der Eindruck divergierender Medienwissenschaft(en). Hilfreich ist das grafische Modell eines dreidimensionalen Raumes (S. 303), um die Bandbreite der medienwissenschaftlichen Ansätze überschaubar zu machen. Eindrücklich warnt der Herausgeber jedoch vor einem „theory shopping“, einem theoretischen Eklektizismus und macht Mut, sich einem Ansatz intensiver zuzuwenden und von dort aus zu argumentieren.

Fazit

Das Buch ist in seiner Fülle sehr anregend geschrieben; gleichwohl sollte ein Lehrbuch tatsächlich auch didaktisch so aufgebaut sein, dass es in sprachlicher Hinsicht für Anfänger und Anfängerinnen und fachfremde Leser und Leserinnen versteh- und nachvollziehbar wird. Zum größten Teil mag dieses Ziel erreicht worden sein - es bleiben trotzdem Desiderate des Verstehbaren und Didaktischen. Die sogenannten W-Fragen am Schluss der einzelnen Kapitel helfen zu einem besseren Verständnis nur anfänglich - von ihrer Struktur her sind sie nur soweit geeignet, Informationswissen abzurufen, aber nicht Bedeutungswissen herzustellen.


Rezensent
Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann
Professor für Evangelische Theologie und Didaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Fachbereich II (Theologische Bildungs- und Diakoniewissenschaft)
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Zitiervorschlag
Wilhelm Schwendemann. Rezension vom 12.09.2011 zu: Stefan Weber (Hrsg.): Theorien der Medien. Von der Kulturkritik bis zum Konstruktivismus. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2010. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-8252-2424-0. Reihe: UTB - 2424. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9877.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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