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Martin Kronauer: Exklusion. Die Gefährdung des Sozialen [...]

Cover Martin Kronauer: Exklusion. Die Gefährdung des Sozialen im hoch entwickelten Kapitalismus. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. 284 Seiten. ISBN 978-3-593-39176-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 33,90 sFr.
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Thema

Das Kernanliegen des Autors ist, jene Arbeitslosigkeit und Armut soziologisch zu erklären, die seit ca. 30 Jahren in demokratischen und wirtschaftlich erfolgreichen Wohlfahrtsstaaten auftreten und einzelne Personen und Gruppierungen dauerhaft treffen können. Wie Langzeitarbeitslosigkeit, Armut, soziale Isolation, geringe politische Beteiligung und ein als schlecht angesehener Lebensstil mit den gesellschaftlichen Systemen zusammenhängen und welche grundsätzlichen Konsequenzen sich für den Umgang mit so genannten Randgruppen für einen modernen Staat ergeben, ist Thema des Buches.

Autor

Der Autor ist durch weitere Veröffentlichungen auf dem Themengebiet ausgewiesen. Er ist gegenwärtig Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Zur Zeit der Entstehung der ersten Auflage war er am Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut in Göttingen und am Hanse-Wissenschaftskolleg in Oldenburg tätig.

Entstehungshintergrund

Es handelt es sich um die zweite Auflage einer soziologischen Habilitation an der Universität Göttingen. Allein die Tatsache der zweiten Auflage spricht für eine relativ große Resonanz der Erstauflage.

Aufbau und Inhalt

Vor allem eine Erweiterung dieser zweiten Auflage verdient besondere Hervorhebung: Im Anschluss an den Text der ersten Auflage (der sich auf Grund eines etwas anderen Druckspiegels geringfügig in den Seitenzahlen unterscheidet) stellt der Autor dar, wie sich die Diskussion um die Exklusion in den letzten Jahren entwickelt hat, und bezieht darin Stellung für seine Argumentation (Kapitel „Nachwort zur zweiten Auflage“). Ansonsten sind der Aufriss und der Text der ersten Auflage im Wesentlichen übernommen worden.

Als Aufbau ergibt sich somit Folgendes:

Im ersten Kapitel beginnt die Untersuchung mit einer ausführlichen Klärung der unterschiedlichen Begriffe „Exklusion“, „Ausgrenzung“ und „Unterklasse“. Sie werden mit ihren jeweiligen Entstehungshintergründen vorgestellt, nämlich den amerikanischen Traditionen der Underclass sowie den französische Wurzeln der Exklusionsdebatte, um daraus einen für die deutsche Gesellschaft anwendbaren Begriff von Exklusion zu formulieren. Damit wird eine internationale Einordnung sowohl der Probleme als auch des benutzten Begriffs vorgenommen. Der Autor betont, dass damit nicht nur die Mitglieder von Randgruppen, sondern gleichzeitig die „Akteure und Agenturen der Ausgrenzung“ (48), die in der Gesellschaft wirken, systematisch untersucht werden.

Im zweiten Kapitel untermauert der Autor die Aussage, dass die Ausgrenzung gegenwärtig eine neue, schwerwiegende Qualität erreicht hat. Dazu vergleicht er die gegenwärtige Situation in Deutschland, wie sie sich in den letzten ca. 30 und noch einmal verschärfend in den letzten 10 Jahren entwickelt hat, mit ähnlichen Umbrüchen im 16. Jahrhundert und im 19. Jahrhundert. Er deutet sie mit dem Entwurf sozialer Bürgerrechte, die in einem grundlegenden Zusammenhang mit den politischen und ökonomischen Rechten stehen. Die sozialen Rechte zu garantieren, ist Anliegen des Wohlfahrtsstaats; eine wesentliche Ursache der aktuellen Krise liegt nach Kronauer darin, dass die sozialpolitischen Angebote diese sozialen Rechte bei bestimmten Gruppen nicht mehr Realität werden lassen können.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit der Innen-Außen-Spaltung und wendet sich gegen die Deutung, dass Personen entweder sozial eingeschlossen oder gänzlich ausgeschlossen seien. Theoretisch würde dies bedeuten, dass Exklusion und Inklusion Gegensätze seien. Eine Exklusion beinhaltet nach Kronauer jedoch immer eine Inklusion, und hierzu setzt er sich theoretisch vor allem mit der Luhmann´schen Systemtheorie auseinander. Exklusion versteht Kronauer genauer als „ausschließliche, einseitige Abhängigkeit“ (144).

Nach diesen vor allem theoretischen Klärungen, wird im vierten Kapitel ausgeführt, inwiefern diese Deutungsmuster auf die deutsche Gesellschaft zutreffen. Hier wird für unterschiedliche Zielgruppen des Sozialstaates, für Erwerbstätige, prekär Beschäftigte, Rentner, Frauen und Jugendliche aufgeführt, inwieweit sie – trotz oder gerade wegen sozialpolitischer und sozialarbeiterischer Interventionen – von wesentlichen Zugängen und anerkannten Lebenszielen der Gesellschaft ausgeschlossen bleiben. Konkret macht der Autor es an höherer Betroffenheit von Arbeitslosigkeit und relativer Armut, von schlechter unterstützenden sozialen Beziehungen sowie von geringerer politischer und kultureller Teilhabe fest. Eine solche Exklusion stellt er in einem Exkurs auch für das Wohnquartier fest.

Danach folgt das Nachwort, in dem der Autor auf die jüngsten Jahre der Exklusionsdebatte zurückblickt, und darin seine wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Position begründet.

Diskussion

Der Gegenstand der vorliegenden Untersuchung ist umfassend und vielschichtig. Deswegen soll ausdrücklich festgehalten werden, dass die Veröffentlichung hier nicht im Hinblick auf die Entwicklung der soziologischen Theorie, sondern aus Perspektive der Sozialen Arbeit kurz diskutiert wird.

Die Untersuchung nimmt die sozialen Fragen und sozialpolitischen Maßnahmen an den Rändern bzw. jenseits der Sozialversicherungen in den Blick. Für die soziale Arbeit zählen die identifizierten Kernprobleme Armut, Langzeitarbeitslosigkeit und eine geringe soziale Einbindung zu den zentralen und klassischen Themen. Auch für konzeptionelle Überlegungen in der Sozialwirtschaft ist es hilfreich zu wissen, welche Bandbreite von gesellschaftlichen Phänomenen darunter fällt oder wie im europäischen Umfeld Exklusion verstanden wird. In gleicher Weise ergeben sich Hinweise für die grundsätzliche Gestaltung der Sozialpolitik, da ihre normativen Intentionen universal sind und hier Gesellschaftsstrukturen thematisiert werden, die zu selektiven Ergebnissen führen.

D.h. hier werden gesellschaftliche Mechanismen identifiziert und Korrekturen an ihnen grundgelegt; allerdings tatsächlich im Wortsinn: „grundgelegt“, denn es geht nicht um einzelne konkrete Vorschläge, sondern um grundsätzliche Anforderungen an Maßnahmen, damit sie eher an den diagnostizierten Ursachen ansetzen. Bei der Untersuchung stehen insgesamt eher eine theoretische Verankerung und gesellschaftswissenschaftliche Deutung im Vordergrund.

Damit handelt es sich um ein Grundlagenwerk, das sich wegen seiner guten Lesbarkeit durchaus auch als Einstieg anbietet, um sich in die umfassendere Exklusionsdebatte einzuarbeiten. Gleichzeitig hat man hier einen Originalbeitrag aus ihr vorliegen und befasst sich mit einem so genannten „Kronzeugen“ dieser Diskussion. Um die soziologischen Auseinandersetzungen tatsächlich nachzuvollziehen, ist es allerdings weiterhin unabdingbar, auch andere Autoren dieser Debatte zu studieren und zu Rate zu ziehen.

Abschließend soll noch erwähnt werden, dass Kronauer gegenüber Aktivitäten Sozialer Arbeit, die er „Fürsorge“ (z.B. 179f) nennt, und anderen sozialstaatlichen Maßnahmen sehr kritisch ist. Trotzdem gelangt er am Ende (221f) zu einem positiven Entwurf. Seine Schlussfolgerungen sind von seinem Ansatz her sehr plausibel; sie lassen sich noch aus anderen Perspektiven ergänzen, da es sich um die große Tradition der Sozialen Frage handelt.

Fazit

Es handelt sich um ein Grundlagenwerk zur soziologischen Fundierung der Sozialen Arbeit.


Rezension von
Prof. Dr. Johanna Bödege-Wolf
Administrative und politische Grundlagen der Sozialen Arbeit
Fakultät I Bildungs- und Gesellschaftswissenschaften
Universität Vechta
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Zitiervorschlag
Johanna Bödege-Wolf. Rezension vom 31.01.2013 zu: Martin Kronauer: Exklusion. Die Gefährdung des Sozialen im hoch entwickelten Kapitalismus. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-593-39176-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9878.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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