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Maya Becker, Rabea Krätschmer-Hahn (Hrsg.): Fundamente sozialen Zusammenhalts

Cover Maya Becker, Rabea Krätschmer-Hahn (Hrsg.): Fundamente sozialen Zusammenhalts. Mechanismen und Strukturen gesellschaftlicher Prozesse. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. 261 Seiten. ISBN 978-3-593-39151-9. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 56,90 sFr.
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Thema

Worauf basiert sozialer Zusammenhalt und welcher Dynamik unterliegt er? So lautet die ambitionierte Fragestellung des vorliegenden Sammelbandes. Eine umfänglichere und allgemeinere soziologische Frage ist kaum vorstellbar. Zugleich sind die Themen Loyalität und Bindung zum Gemeinwesen, Solidarität und Desintegration seit einigen Jahren nicht nur vermehrt Gegenstand der Forschung, sondern auch der politischen Debatte. Das Buch greift damit ein aktuelles und relevantes Thema auf. Die Ansprüche an die eigene Arbeit und geweckten Erwartungen der Leserschaft sind entsprechend hoch. Doch wer mit einem theoretischen Entwurf oder einer empirischen Studie rechnet, wird enttäuscht. Denn es wird eine Sammlung von Einzelbeiträgen mit je eigenem Zugang und Blickwinkel auf das Thema präsentiert.

Entstehungshintergrund, Herausgeberinnen und Autoren

Es handelt sich bei dem Werk um eine Festschrift zu Ehren von Wolfgang Glatzer. Der für seine Sozialstrukturanalysen und Sozialberichterstattung bekannte Soziologe trat im September 2009 am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt in den Ruhestand ein. Die Herausgeberinnen Maya Becker und Rabea Krätschmer-Hahn waren bzw. sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse des Fachbereichs. Sie haben in diesem Band die Beiträge von befreundeten Kollegen ebenso zusammengetragen wie von Mitarbeitenden und Weggefährten.

Aufbau

Auf das Vorwort mit dem Entstehungshintergrund und einer Würdigung des wissenschaftlichen Werdegangs des Pensionärs folgt eine knappe Einleitung, die im Wesentlichen den Aufbau des Buches darlegt und einen inhaltlichen Zusammenhang der folgenden 15 Einzelbeiträge herstellt. Zwar bleiben diese Aufsätze unverbunden und werden auch nicht in einem Schlusswort nochmals resümierend diskutiert, doch stellt die Einleitung klar, was im verheißungsvollen Titel unter „Fundamenten“ des sozialen Zusammenhalts verstanden wird und wie sie sich nicht nur auf verschiedene Aggregationsebenen des Handelns beziehen, sondern auch wie sie in den Artikeln jeweils thematisiert werden. So stehen die drei Hauptkapitel für je eine Aggregationsebene:

  1. soziales Handeln,
  2. soziale Gruppen und
  3. Wohlfahrtsstaat.

Innerhalb der Ebenen werfen je fünf Beiträge ein spezifisches Licht auf „charakteristische Aspekte“ (S. 13), die als „Komponenten sozialer Prozesse“ (S. 14) analysiert werden und „dazu dienen, latente und manifeste Regelmechanismen für sozialen Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft zu verstehen“ (ebd.). Mit diesem Zitat ist auch das Abstraktionsniveau der meisten Beiträge markiert, wenn etwa im Kapitel „Fundamente sozialen Handelns“ die Bedeutung der Sprache (von Max Haller) untersucht wird sowie der Reziprozität (Geraldine Hallein-Benze), der Verbindlichkeit (Rabea Krätschmer-Hahn), der Anerkennung (Jens Becker) oder von Werten (Heiner Meulemann). Im Kapitel „Fundamente sozialer Gruppen“ stehen folgende Facetten im Mittelpunkt: soziale Netzwerke (Christian Stegbauer), Rhythmus (Maya Becker), Konflikte (Mathias Bös), Aufmerksamkeit (Bernhard Engel) und Interesse (Ansgar Weymann). Und schließlich thematisiert das dritte Kapitel als „Fundamente des Wohlfahrtsstaates“ die Aspekte soziale Gerechtigkeit (Richard Hauser), wohlfahrtsstaatliche Werte (Marion Möhle), soziale Sicherheit (Jürgen Kohl), Solidarität (Michaela Schulze) und Vertrauen (Sigrid Roßteutscher). Dabei liefern die Beiträge nicht nur theoretische oder konzeptuelle Entwürfe, sondern teilweise dienen auch empirische Studien zur Vertiefung und Konkretisierung der begrifflichen Anstrengungen.

Ausgewählte Inhalte

Nicht jeder Aspekt kann hier im Einzelnen vorgestellt werden. Im Folgenden wird aus jedem Hauptkapitel auf einen Artikel exemplarisch eingegangen, der besonders aufschlussreiche Aussagen über den Zustand und die Entwicklung des sozialen Zusammenhalts zulässt.

Zum Beispiel Reziprozität: Hallein-Benze greift mit dem Begriff der Gegenseitigkeit ein grundlegendes Konstitutionsprinzip gesellschaftlichen Zusammenhalts auf und skizziert ausgehend von den Arbeiten von Marcel Mauss ein theoretisches Konzept, mit dem Formen und Typen von Reziprozität in den Funktionszusammenhang gesellschaftlicher Prozesse eingeordnet und beobachtet werden können. Mit dem Fokus auf die gesetzliche Rentenversicherung stellt die Autorin das Prinzip der Gegenseitigkeit in den Kontext des Sozialstaates. Der Autorin zufolge geraten das Finanzierungsprinzip und die zugrundeliegende Konstruktion der Generationengerechtigkeit unter den verschärften Arbeitsmarkt-, Wirtschafts- und demografischen Bedingungen unter Druck. Empirische Befunde aus Telefonbefragungen und Gruppendiskussionen belegen hohe Reziprozitätserwartungen. Vor allem jüngere Befragte verstehen darunter den „Austausch annähernd äquivalenter Leistungen“ (S. 51), der aber nicht mehr für realisiert gehalten wird. In der Folge sinken sowohl das Vertrauen in die sozialstaatlichen Institutionen als auch der Solidargedanke unter den Bürgerinnen und Bürgern und damit letztlich der intergenerationelle soziale Zusammenhalt (S. 55).

Zum Beispiel Rhythmus: Unmittelbar einleuchtend ist der Zusammenhang zwischen kollektiven Rhythmen und dem sozialen Zusammenhalt auf allen Gesellschaftsebenen, aber insbesondere auf der in diesem Kapitel im Mittelpunkt stehenden Ebene von Organisationen und Gruppen. Maya Becker referiert in ihrem Beitrag konzeptionelle Überlegungen von den soziologischen Klassikern bis zu Theoretikern der sogenannten Zweiten Moderne, um eindringlich auf eine im Grunde einfache, aber gefährdete Bedingung hinzuweisen: Ohne kollektive Rhythmen kann eine gemeinsame soziale Zeit nicht entstehen, die wiederum Grundlage für soziale Praxis und das Funktionieren arbeitsteiliger und sozial differenzierter Prozesse ist.

Zum Beispiel Solidarität: Im dritten Hauptkapitel fokussiert Michaela Schulze mit dem Begriff der Solidarität eine zentrale Grundstruktur gesellschaftlicher Kohärenz auf staatlicher Ebene. Auf deren Bestand und Entwicklung richtet sich gegenwärtig die Sorge der Öffentlichkeit. Doch wie jüngste Forschungen zeigen (z.B. Manuel Franzmann/Christian Pawlytta 2008, Gemeinwohl in der Krise? Fallanalysen zur alltäglichen Solidaritätsbereitschaft, Frankfurt: Humanities online), kommt auch die Autorin zu dem Schluss, dass sich eher ein Formwandel von Solidarität vollzieht als ihr Schwinden zu konstatieren wäre. Gleichwohl ist das Gelingen von Solidarität zum einen fragil unter Bedingungen zunehmender Modernisierung der Lebensverhältnisse, zum anderen stellt es ein unabdingbares Fundament sozialen Zusammenhalts dar.

Diskussion

Der Sammelband erreicht sein Ziel, den Ruheständler Wolfgang Glatzer für sein wissenschaftliches Wirken zu ehren, bereits durch sein Erscheinen und die darin dokumentierte Bereitschaft der Beiträgerinnen und Beiträger. Der inhaltliche Anspruch, Fundamente sozialen Zusammenhalts darzustellen, wird hingegen nur im Sinne einer Sammlung von Einzelaspekten erreicht. Wie die Herausgeberinnen in der Einleitung selbst einschätzen, sind die behandelten Facetten oder Komponenten nicht eindeutig bestimmten Gesellschaftsebenen zuzuordnen, sondern greifen ineinander und bedingen sich. So erscheint die Zuordnung der Artikel zu den Kapiteln sowie die Kapitelaufteilung künstlich und für das Gesamtverständnis störend, wenngleich als Ordnungsversuch verständlich. Eine Stärke der Beiträge ist in ihren begrifflichen Herleitungen und Einordnungen in die Traditionen soziologischen Denkens zu sehen, eine andere dort, wo diese Begriffsarbeit mit empirischen Ergebnissen untermauert wird. Vergeben wird die Chance, Bezüge zu aktueller Forschung teilweise von Angehörigen desselben Fachbereichs vorzunehmen wie etwa zur genannten Studie über Gemeinwohl.

Fazit

Der Sammelband eignet sich insbesondere für Forscherinnen und Forscher, die sich mit dem übergeordneten Thema des sozialen Zusammenhalts beschäftigen, als Fundgrube für Facetten und Aspekte, die in der eigenen Forschung zu bedenken sind. Zu den jeweils fokussierten „Fundamenten“ bieten die Artikel einen eigenwilligen und daher inspirierenden Zugang. Mehr ein Kaleidoskop als eine systematische Einordnung in den aktuellen Forschungsstand wird hier präsentiert, und als solches mag es auch für die Lehre nützliche Schneisen in den Wald der großen Thematik der gesellschaftlichen Kohärenz ziehen. Für Praktikerinnen und Praktiker erscheinen insbesondere die Beiträge zum Sozialstaat im dritten Kapitel erhellend, denen es insgesamt gelingt, einen größeren Bogen vom Begriff zur sozialstaatlichen Debatte zu schlagen.


Rezensentin
Prof. Dr. Ute Fischer
Fachhochschule Dortmund. FB Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.fh-dortmund.de/de/fb/8/personen/lehr/ufischer/i ...
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Zitiervorschlag
Ute Fischer. Rezension vom 11.08.2011 zu: Maya Becker, Rabea Krätschmer-Hahn (Hrsg.): Fundamente sozialen Zusammenhalts. Mechanismen und Strukturen gesellschaftlicher Prozesse. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. ISBN 978-3-593-39151-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9879.php, Datum des Zugriffs 16.06.2019.


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