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Reinhilde Stöppler, Susanne Wachsmuth: Förderschwerpunkt geistige Entwicklung

Cover Reinhilde Stöppler, Susanne Wachsmuth: Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Eine Einführung in didaktische Handlungsfelder. UTB (Stuttgart) 2010. 196 Seiten. ISBN 978-3-8252-3422-5. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.

Reihe: UTB M (Medium-Format).
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Thema

Wie die Reihe, in welcher die zu besprechende Publikation erscheint, verspricht, werden Aspekte moderner Sonderpädagogik behandelt. „Das Buch gibt einen Überblick über aktuelle didaktische Handlungsfelder im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung“ (Klappentext), die das Alphabet durchdeklinieren. Sie reichen von Arbeitslehre bis hin zur Zahngesundheit.

Autorinnen

Reinhilde Stöppler hat 1987 an der Universität Dortmund eine Dissertation vorgelegt, die sich mit dem Bilderbuch als Medium der Weltorientierung für geistig Behinderte befasst.

Susanne Wachsmuth hat an der Justus-Liebig-Universität Gießen 1986 eine Dissertation vorgelegt, welche den mehrdimensionalen Ansatz zur Förderung kommunikativer Fähigkeiten Geistigbehinderter diskutiert.

Beide Autorinnen lehren am Fachbereich Heil- und Sonderpädagogik der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Entstehungshintergrund

Die Herausgeberin Monika A. Vernooij und der Herausgeber Manfred Wittrock heben in ihrem Geleitwort zur Reihe „Aspekte moderner Sonderpädagogik“ hervor, dass die Publikation den Veränderungen in Theorie und Praxis der „Gesamtdisziplin ‚Sonder-, Heil-, Rehabilitationspädagogik‘ einerseits, den Entwicklungen und Forschungen in speziellen Bereichen der Disziplin andererseits Rechnung“ (S. 7) trägt.

Aufbau

Die Publikation gliedert sich in sechs Kapitel, welche vom Geleitwort der Herausgeber, dem Vorwort der Autorinnen, einem Literaturverzeichnis und einem Sachregister eingerahmt sind.

1. Einleitung

2. Veränderungen in Erziehung und Bildung von Menschen mit geistiger Behinderung

  1. Wandel der Leitideen in Erziehung und Bildung von Menschen mit geistiger Behinderung
  2. Wandel der didaktischen Konzeptionen
  3. Gemeinsamer Unterricht

3. Unterrichtskonzeptionen und didaktisch-methodische Aspekte

  1. Handlungsorientierter Unterricht
  2. Projektunterricht
  3. Offener Unterricht
  4. Didaktisch-methodische Prinzipien
  5. Kooperationen im Unterricht
  6. Computer-Einsatz im Unterricht

4. Unterrichtsplanung im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung

  1. Rahmenkonzeptionen: Curricula und KMK-Empfehlungen
  2. Ziele
  3. Kriterien für „guten Unterricht“
  4. Förderdiagnostik – Förderplanung

5. Methodische Besonderheiten bei ausgewählten Syndromen und Komplexer Behinderung

  1. Autismus
  2. Fetales Alkoholsyndrom (FAS)
  3. Fragiles-X-Syndrom
  4. Trisomie 21
  5. Komplexe Behinderung

6. Ausgewählte didaktische Handlungsfelder

  1. Kulturtechniken
  2. Kommunikation
  3. Gesundheit
  4. Mobilität
  5. Sexualität
  6. Ästhetik/Kultur
  7. Politik/Geschichte
  8. Beruf

Inhalte

Die Autorinnen führen aus, dass die Publikation „Studienanfängern der Geistigbehindertenpädagogik sowie interessierten Studierenden anderer Studienfächer einen Überblick über ausgewählte und bedeutende didaktische Handlungsfelder geben“ (S. 11) soll.

Kapitel 2 betrachtet den Wandel der Leitideen in Erziehung und Bildung von Menschen mit geistiger Behinderung. Ein entscheidender Wandel wurde 2009 für die Bundesrepublik Deutschland mit der UN-Behindertenrechtskonvention (vgl. S. 13) eingeläutet. Und – „leitend für die sich abzeichnenden Veränderungen war und ist ein verändertes Verständnis von Menschen mit geistiger Behinderung, und zwar von einem defektorientierten funktionalistischen hin zu einem individualistisch subjektorientierten Förderverständnis“ (ebd.).

Für den schulischen Bereich führen Stöppler/Wachsmuth den Wandel der didaktischen Konzeptionen an. Dieser Wandel der didaktischen Konzeptionen geschieht über den Blick auf die historische Genese der didaktischen Konzeptionen, beginnend mit dem 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Für die Gegenwart wird beispielhaft das „Kerncurriculum für den Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung für Niedersachsen (2007) (genannt – CR). Hier wird eine Übernahme des Fächerkanons der Grundschule vorgenommen“ (S. 29).

Ein weiterer Wandel für Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung ist der Gemeinsame Unterricht. Herausgehoben wird hier der entwicklungslogische Ansatz, der 1989 von Georg Feuser (vgl. 2010a) eingeführt wurde. Des weiteren widmen sich die Verfasserinnen dem interaktionistischen Modell, dem ökosystemischen Modell und dem anthropologischen Ansatz.

Welches sind geeignete Unterrichtskonzeptionen für Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung? „Wie können im Unterricht Kompetenzen gefördert werden, die für die selbstbestimmte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft relevant sind und welche Ableitungen ergeben sich aus der Zielperspektive der selbstbestimmten Teilhabe für die Gestaltung von Lern- und Unterrichtsprozesse?“ (S. 13). Der Fokus wird gerichtet auf den handlungsorientierten Unterricht, den Projektunterricht, den Offenen Unterricht, den didaktisch-methodischen Prinzipien – als da wären Elementarisierung, Anschaulichkeit, Strukturierung, Lebensnähe, Individualisierung, Adaptives Lernen -, Kooperationen im Unterricht – Kooperationen im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung - im Gemeinsamen Unterricht, Aufgaben von Integrationshelfern im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, Peer-tutoring – und Computer-Einsatz im Unterricht.

Wie der Unterricht im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung zu planen ist, wird in Kapitel 4 angeführt. Es wird davor gewarnt, „über die individuelle Förderung die Vermittlung von allgemeinen Sachinhalten zu vernachlässigen und somit dem Schüler wichtige Bildungsinhalte vorzuenthalten“ (S. 61). Hier wird der Blick auf die Rahmenkonzeptionen gerichtet. Für die Planung wichtig sind die Leitziele, die Richtziele, die Grobziele und die Feinziele.

In Anlehnung an Meyer werden die zehn Merkmale für guten Unterricht angeführt:

  1. Klare Strukturierung des Unterrichts
  2. hoher Anteil echter Lernzeit
  3. lernförderliches Klima
  4. inhaltliche Klarheit
  5. sinnstiftendes Kommunizieren
  6. Methodenvielfalt
  7. individuelles Fördern
  8. intelligentes Üben
  9. transparente Leistungserwartungen
  10. vorbereitete Umgebung

Zur Förderdiagnostik und Förderplanung wird der Blick auf Förderdiagnostik, Kind-Umfeld-Analyse, psychometrische Verfahren und dialogische Entwicklungsplanung gerichtet.

„Durch die Weiterentwicklung der Geistigbehindertenpädagogik aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie nicht zuletzt durch starke Elternvereinigungen, wurde viel Wissen über einzelne Syndrome akkumuliert und analysiert“ (S. 72). Die Autorinnen führen aus diesem Grund methodische Besonderheiten in phänotypischen Verhaltensweisen, Ressourcen und Schwächen auf, welche im Unterricht berücksichtigt werden sollten. Diese ausgewählten Syndrome sind:

  1. Autismus
  2. Fetales Alkoholsyndrom (FAS)
  3. Fragiles-X-Syndrom
  4. Trisomie 21 und
  5. Komplexe Behinderung

Das letzte Kapitel richtet den Blick auf ausgewählte didaktische Handlungsfelder, als da wären:

  1. Kulturtechniken
    1. Lesen und Schreiben, wobei Lesen „als die wichtigste Fähigkeit zur Teilhabe an Kultur“ (S. 86) gilt (aufgefächert in Bedeutung und Besonderheiten für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, Voraussetzungen/Vorläuferfähigkeiten, Lesen, Schreiben, Einsatz von Computern)
    2. Mathematik (aufgefächert in Bedeutung und Besonderheiten für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, pränumerischer Bereich, Diagnostik, Methoden)
  2. Kommunikation (aufgefächert in Bedeutung und Besonderheiten für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, Praxisbeispiele)
  3. Gesundheit (gegliedert in Bedeutung und Besonderheiten für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, Praxisbeispiele)
  4. Mobilität (gegliedert in Bedeutung und Besonderheiten für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, Praxisbeispiele)
  5. Sexualität (strukturiert in Bedeutung und Besonderheiten für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, Praxisbeispiele)
  6. Ästhetik/Kultur (strukturiert in Bedeutung und Besonderheiten für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, Theater, Musik, bildnerisches Gestalten)
  7. Politik/Geschichte (aufgefächert in Bedeutung und Besonderheiten für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, politische Partizipation, Praxisbeispiele)
  8. Beruf (gegliedert in Bedeutung und Besonderheiten für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, Modelle beruflicher Integration, Praxisbeispiele.

Fazit

Die besprochene Literatur ist für Studierende der Heil- und Sonderpädagogik - auch wenn der behinderte Rezensent die Abschaffung dieses Studienfaches einfordert, damit Integration bis hin zur Inklusion gelingen kann (vgl. Homann/Bruhn 2010) – wärmstens zu empfehlen. Sehr nützlich, auch für die Prüfungsvorbereitung, sind die Literaturtipps und Übungsaufgaben am Ende eines jeden Kapitels.

Literatur:


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 28.10.2010 zu: Reinhilde Stöppler, Susanne Wachsmuth: Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Eine Einführung in didaktische Handlungsfelder. UTB (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-8252-3422-5. Reihe: UTB M (Medium-Format). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9883.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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