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Astrid Hübner: Freiwilliges Engagement als Lern- und Entwicklungsraum

Cover Astrid Hübner: Freiwilliges Engagement als Lern- und Entwicklungsraum. Eine qualitative empirische Studie im Feld der Stadtranderholungsmaßnahmen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 399 Seiten. ISBN 978-3-531-17330-6. 49,95 EUR.

Reihe: VS research.
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Thema

Stadtranderholungsmaßnahmen im Rahmen von Freizeitangeboten und Kinder- und Jugendreisen der Kinder- und Jugendarbeit waren von Beginn an in aller Regel und vor allem mit dem Engagement freiwilliger Mitarbeiter/innen verknüpft. Sie trugen und tragen dazu bei, dass in freier wie öffentlicher Trägerschaft Jahr für Jahr zehntausende Kinder und Jugendliche on der Regel wohnortnahe Ferienfreizeitangebote erhalten. Zugleich eröffnet sich für die Freiwilligen ein weites Feld von Erfahrungen, sich selbst in einer pädagogischen Rolle zu erleben, offene Situationen zu meistern und sich mit der Lebenswelt der Teilnehmer/innen auseinanderzusetzen. Allerdings gab es bislang – im Unterschied etwas zur Erforschung auch des freiwilligen Engagements zum Beispiel in Jugendreisen und internationalen Jugendbegegnungsprogrammen (vgl. z. B. Wolfgang Ilg: Evaluation von Freizeiten und Jugendreisen. Einführung und Ergebnisse zum bundesweiten Standard-Verfahren, Hannover 2008, vgl. die Rezension) – kaum einen empirischen Zugang, der Näheres über die Beurteilung der in Stadtranderholungsmaßnahmen eingeschlossenen informellen Lernprozesse aus der Perspektive der Freiwilligen selbst erlaubt hätte. Die vorliegende Veröffentlichung hilft, diese Lücke zu schließen.

Autorin

Dr. phil. Astrid Hübner verwaltet eine Professur im Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit an der Fachhochschule Emden/Leer. Als Arbeits- und Forschungsgebiete nennt die gelernte Diplom-Sozialpädagogin Geschichte, Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit, freiwilliges/bürgerschaftliches Engagement, Kinder- und Jugendarbeit im Schwerpunkt Kinder- und Jugendreisen, Freizeitpädagogik ▪ Soziale Arbeit im internationalen Kontext, Praxisorientierung in der Sozialen Arbeit, empirische Sozialforschung und Sozialmanagement. Bei der vorliegenden Publikation handelt es sich um Hübners Dissertation, die 2009 an Fachbereich Erziehungs- und Kulturwissenschaften an der Universität Osnabrück angenommen und durch Prof. Dr. Hildegard Müller-Kohlenberg (Universität Osnabrück) und Prof. Dr. Eric Mührel (Fachhochschule Emden/Leer) wissenschaftlich begleitet wurde.

Aufbau und Inhalt

Nach knappen einleitenden Überlegungen zur Relevanz freiwilligen bzw. bürgerschaftlichen sozialen Engagements und zum Aufbau ihrer Untersuchung nähert sich Hübner dem freiwilliges Engagement zunächst historisch, gibt Hinweise zu dessen Entstehung und ordnet es im Diskurs um Individualilsierung und Pluralisierung ein. Sie äußert sich zur subjektiven Relevanz für Freiwillige, wie sie den Stellenwert im Kontext von Überlegungen zum informellen Lernen taxiert, um dann schließend einen fließenden Übergang zum eigentlichen Gegenstand ihrer Studie zu finden: das freiwillige Engagement im Kontext von Kinder- und Jugendreisen und dort insbesondere im Rahmen des sozialpädagogischen Praxisfeld der Stadtranderholung, wobei auch hier zunächst eine historische Einordnung vorgenommen wird.

Anschließend erläutert Astrid Hübner die Konzeption und das Design ihrer qualitativen Studie. Sie schließt unmittelbar an eigene Erfahrungen im Handlungsfeld an, die sie in den 1990er Jahren als Referentin für Freizeitpädagogik beim Deutschen Jugendherbergswerk und anschließend als Leiterin eines Kieler Bürgerzentrums hatte sammeln können. Im Sommer 2003 nahm sie Bezug auf eine Ferienfreizeitmaßnahme, an der ca. 95 freiwilligen Helfer/inne/n im Alter von 13 bis 90 Jahren teilnahmen; hiervon befragte Hübner 41 im Alter von 12 bis 60 Jahren mittels qualitativer Interviews. Die Befunde werden auf nahezu 200 Seiten datennah intensiv und detailliert präsentiert.

Abschließend verdichtet die Autorin ihre Befunde in sechs Komplexen: den Zugangswegen und Weiterführungen des freiwilligen Engagement, das freiwillige Engagement in der Stadtranderholung als aktive Beteiligung an einem attraktiven Ferienprojekt, die „Sinnstiftung durch die Unterstützung eines nützlichen sozialen Projektes in der Interaktion mit den beteiligten Kindern“ aus eher durch soziale und/oder kulturelle Benachteiligung geprägten Familien, den Aufbau und die Entwicklung sozialer Beziehung im und durch das Engagement, die Relevanz von Anerkennung und die Bedeutung des informellen Lernens und des Kompetenzgewinns. Diese Verdichtungen heben den besonderen Stellenwert heraus, den die persönliche Nutzengewinnung aus dem freiwilligen Engagement heraus für die Freiwilligen hat: Ihr Engagement bestimmen sie als einen „Lern- und Entwicklungsraum“ (Untertitel), der (neue) Kompetenzen vermittelt, (soziale) Wertschätzung verspricht und Kontakte und Beziehungen auf- und auszubauen hilft.

Ihre Studie schließt Astrid Hübner – „genregemäß“ – mit einigen (freilich eher allgemeinen) Empfehlungen für die Praxis und für weitergehende Forschung ab.

Diskussion

Astrid Hübners Dissertation verdient Anerkennung, weil sie für ein nicht unbedeutendes (freilich aber auch nicht im Mittelpunkt situiertes) Feld der Kinder- und Jugendarbeit Neuland erschlossen und für eine niveauvolle qualitative Betrachtung geöffnet hat. Ihre Empfehlungen an die Adresse der Praxis (z. B. „Anerkennung ermöglichen“, Fort- und Weiterbildung zu sichern) dürften sich aber als zu allgemein erweisen, um über das von Fachkräften im Handlungsvollzug auch einer Stadtranderholungsmaßnahme bereits üblicherweise Angelegte (z. B. die Entfaltung einer Kultur der Anerkennung) hinauszureichen. Das soll nicht als Kritik missverstanden sein; die Entwicklungs- und Verwertungsbedingungen einer Dissertation erlauben nicht unbedingt mehr: mit dieser Einschätzung dürfte Astrid Hübner nicht allein konfrontiert sein.

Zielgruppen

Dem Verlag zufolge wendet sich der Band an Lehrende und Studierende der Sozialen Arbeit, der Sozialpädagogik und der Erziehungswissenschaften an Fachkräfte des Sozialen (d. h. Sozialarbeiter/innen und Sozialpädagog/inn/en), insbesondere die Akteure in der Praxis der Kinder- und Jugendarbeit. Dieser Empfehlung muss nicht unbedingt gefolgt werden. Die einer Dissertation notweniger Weise eigenen grundlegenden und gründlichen methodischen Überlegungen und Ausführungen sowie die Präsentation des Referenzrahmens erweisen sich nicht zwingend als anschlussfähig für das Praxissystem. Auch die anerkennenswert materialreiche Präsentation kommt (es mag wirklich bedauert sein) nicht unbedingt den Aneignungsweisen der in der Kinder- und Jugendarbeit tätigen Fachkräfte entgegen, da sich ein unmittelbarer praktischer (Nutz-) Wert nicht sofort eröffnet. Nicht ohne Grund erscheint die Veröffentlichung schließlich in der Reihe „VS research“.

Fazit

Dies muss aber auch keineswegs als Mangel betrachtet werden. Astrid Hübners Studie legt weitere Belege für die Relevanz insbesondere informeller Lernprozesse für freiwillig Engagierte – und hier vor allem junger Freiwilliger – vor. Sie ist eingereiht in die Befundlage, die Wiebken Düx, Erich Sass und Claus J. Tully (Kompetenzerwerb im freiwilligen Engagement. Eine empirische Studie zum informellen Lernen im Jugendalter, Wiesbaden 2008, vgl. die Rezension) mit ihrer Untersuchung einschlägig entfaltet haben. Sie haben die Settings des freiwilligen Engagements bereits als eine Lernwelt beschrieben, „die durch die Verknüpfung gesellschaftlicher Verantwortungsübernahme und individueller Lernprozesse besondere Chancen und Freiräume für die Entwicklung vielfältiger Kenntnisse und Fähigkeiten eröffnet, die für eine eigenständige und sozial verantwortliche Lebensführung sowie die Beteiligung an demokratischen Verfahren, aber auch für die Übernahme von Leitungs- und Managementaufgaben wichtig sind" (Düx/Sass/Tully: S. 273). In der Ergänzung dieses und ähnlicher Befunde liegt die eigentliche Stärke der Studie Hübners: detailliert und kenntnisreich den Gewinn freiwilligen Engagements in einem sonst (selbst in der Kinder- und Jugendarbeit) eher unbeachteten Handlungsfeld herausgearbeitet zu haben.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 02.04.2011 zu: Astrid Hübner: Freiwilliges Engagement als Lern- und Entwicklungsraum. Eine qualitative empirische Studie im Feld der Stadtranderholungsmaßnahmen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17330-6. Reihe: VS research. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9885.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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