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Konrad Deufel, Manfred Wolf (Hrsg.): Ende der Solidarität? - Die Zukunft des Sozialstaats

Rezensiert von Prof. Dr. Klaus Hofemann, 15.07.2003

Cover Konrad Deufel, Manfred Wolf (Hrsg.): Ende der Solidarität? - Die Zukunft des Sozialstaats ISBN 978-3-451-20402-9

Konrad Deufel, Manfred Wolf (Hrsg.): Ende der Solidarität? - Die Zukunft des Sozialstaats. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2003. 336 Seiten. ISBN 978-3-451-20402-9. 14,90 EUR.
Mit einem Vorwort von Johannes Rau
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Ziele und hohe Erwartungen

Der Titel der von Konrad Deufel / Manfred Wolf vorgelegten Publikation ist vielversprechend. Zu erwarten ist eine Positionsbestimmung des Deutschen Vereins angesichts der vielfältigen Attacken auf den Sozialstaat. Was ist "gerecht" was "sozial"? Welche Rolle kann Eigenverantwortung übernehmen, wo ist der Sozialstaat gefragt. Wo liegen die Grenzen marktlicher Steuerung? Die Autoren stehen für Kompetenz in der aktuellen Sozialstaatsdiskussion. Deufel ist Vorsitzender des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge und Wolf Leiter des Arbeitsfeldes Fachpublikationen des Deutschen Vereins.

Breite Vielfalt inhaltlicher Aspekte

Um die oben genannten Grundsatzfragen sozialstaatlicher Positionsbestimmung zu beantworten, werden sozialpolitische Stichworte von A wie "Alter" bis Z wie "Zuwanderung" bearbeitet. Autoren sind Politiker (Gerhard Schröder, Angela Merkel, Renate Schmidt, Erwin Teufel, etc ) sowie Wissenschaftler (Rudolph Bauer, Dieter Döring, Richard Hauser, Friedhelm Hengsbach, Ulrich Huster, Horst W. Opaschowski etc) und Vertreter der Wohlfahrtsverbänden (u.a. Ulrich Schneider, Jürgen Gohde) und der Kirchen (u.a. Josef Homeyer, Kardinal Lehmann). Die Leitfrage "Sozialstaat auf dem Prüfstand" wird erwartungsgemäß vielfältig beantwortet. A. Merkel betont die Forderung nach mehr Wettbewerb im Sozialstaat und für die Gesundheitspolitik mehr Selbstbeteiligung. Es werden die hohen Steuer- und Abgabebelastungen beklagt: "Die Bürger haben finanziell kaum Luft zum Atmen" (S. 90). Gefordert wird ein Paradigmenwechsel, weil der "alte Sozialstaat" zu erheblichen Effizienzverlusten, Kostenexplosionen und Anspruchshaltungen an den Staat" geführt habe ( S. 92). Die "alte soziale Frage" als Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit sei erledigt und statt dessen müsse man sich heute der "neuen sozialen Frage" zuwenden. Ausgleich der Regionen Machverteilung zwischen organisierten und nicht organisierten Interessen, Familie und Arbeitswelt, Generationengerechtigkeit und Verbreiterung der Bildungschancen ( S. 92 f. ).

Aber wo soll es lang gehen?

Antworten hängen von der Analyse der Probleme ab. H. Geißler, der die Solidarität zwischen Reichen und Armen, Männern und Frauen, Deutschen und Ausländern gefährdet sieht, schreibt: "Die Ursache für diese Verletzungen der Menschenwürde ist die zunehmende Macht des Geldes, des internationalen Kapitals". ( S. 239) Gerhard Schröder fordert die Modernisierung des Sozialstaates und erläutert die mit der Hartz - Kommission eingeleiteten "Reformen" der Arbeitsverwaltung: "Es kann nicht sozial gerecht sein, wenn unser Arbeitsrecht dazu führt, dass Ältere keine Arbeitsplatze mehr finden, weil Unternehmen sich nicht langfristig binden wollen". (S. 28) Aber ist dann die Reduzierung der Laufzeit des Arbeitslosengeldes ein Instrument, Gerechtigkeit wiederherstellen zu wollen? Ein Widerspruch, der nicht geklärt wird.

Neben den "politischen" Beiträgen des Buches, die noch einmal die unterschiedlichen sozialpolitischen Grundlagen dokumentieren, haben vor allen die mehr wissenschaftlich orientierten Beiträge Gewicht. Die Stichworte "Arbeit" von Friedhelm Hengsbach, "Armut" von Ulrich Huster, "Dienstleistung" von Rudolf Bauer, "Gesundheit" von Ellis Huber, "Reichtum" von Richard Hauser sind Beiträge, die auf wenigen Seiten die angesprochenen Probleme gut beleuchten und lesenswert sind.

Fazit: 330 Seiten mit unterschiedlicher Qualität

Das vorgelegte Werk stellt wichtige Aspekte der aktuellen Diskussion um den Sozialstaat, Solidarität, Subsidiarität, Armut und Reichtum zusammen. Die Beiträge sind gut lesbar und setzen bei den LeserInnen meist keine Vorkenntnisse voraus. Der Gesamteindruck leidet allerdings darunter, daß die Herausgeber nur Einzelaspekte zusammenstellen und kein roter Faden erkennbar ist. So werden Kernfragen nicht beantwortet:

  • Der ideologische Charakter der aktuellen Sozialstaatsdebatte, bei der die Vertreter des Neoliberalismus die Meinungsführerschaft haben, wird offenbar aus wohlfahrtskorporatistischen Erwägungen nicht thematisiert.
  • Die Finanzierungsdefizite der Sozialversicherung, als von der Politik zu verantwortendem Problem, in dem die Kosten deutschen Einheit unzulässsigerweise erheblich durch die Sozialversicherung mitfinanziert werden, bleiben dethematisiert. Dass erhebliche Steuerentlastungen zugunsten größere Unternehmen und höherer Einkommensgruppen nicht zu mehr Arbeit geführt, sondern nur riesige Löcher in die Staatskassen gerissen haben, bleibt unerwähnt.
  • Wieviel Markt verträgt der Sozialstaat?
  • Welchen Beitrag leistet der Sozialstaat zur Lösung gesellschaftlicher Probleme? Was ist dran an der "Kostgänger" Behauptung?

Bei diesen und anderen Kernfragen wäre eine kritische Auseinandersetzung mit der herrschenden Ideologie und Politik notwendig gewesen. Leider verdeckt die als Lexikon angelegte Publikation diese Kontroverse.

Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hofemann
Fachhochschule Köln, FB Sozialpädagogik

Es gibt 7 Rezensionen von Klaus Hofemann.

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Zitiervorschlag
Klaus Hofemann. Rezension vom 15.07.2003 zu: Konrad Deufel, Manfred Wolf (Hrsg.): Ende der Solidarität? - Die Zukunft des Sozialstaats. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2003. ISBN 978-3-451-20402-9. Mit einem Vorwort von Johannes Rau. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/989.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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