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Anne Wildfang: Terrorismus. Definition, Struktur, Dynamik

Cover Anne Wildfang: Terrorismus. Definition, Struktur, Dynamik. Duncker & Humblot (Berlin) 2010. 304 Seiten. ISBN 978-3-428-13298-0. 31,00 EUR, CH: 48,00 sFr.

Max-Planck-Institut für Ausländisches und Internationales Strafrecht : Schriftenreihe des Max-Planck-Instituts für Ausländisches und Internationales Strafrecht, Freiburg i. Br. - K, Kriminologische Forschungsberichte - Band 149.
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Thema und Entstehungshintergrund

Auf der diesjährigen Herbstkonferenz des Bundeskriminalamtes stellte dessen Präsident, Jörg Ziercke, fest, die Bedrohung durch islamistischen Terror in Deutschland sei „präsenter denn je“. Über 1000 gewaltbereite Islamisten soll es in Deutschland derzeit geben. Die größte Terror-Gefahr gehe dabei von den radikalisierten „Rückkehrern“ aus (Quelle: FAZ.NET, aufgerufen am 21.10.2010). Allerdings – so Jörg Ziercke – spiele die Ideologie bei der Radikalisierung von politischen Gewalttätern eine geringere Rolle als bisher angenommen. Die Täter kämen oft aus gestörten Familienverhältnissen, seien unzufrieden mit ihrer persönlichen Situation. In vielen Fällen habe familiäre Gewalt bei der Radikalisierung eine Rolle gespielt. Diese „abgehängten“ Jugendlichen fänden in radikalen Gruppen Strukturen und Rückhalt.

Um die von Jörg Ziercke angesprochene Gruppen- und Intergruppendynamik terroristischer Phänomene geht es auch im Buch von Anne Wildfang. Nicht die globalen politischen, wirtschaftlichen, kulturellen oder religiösen Hintergründe des Terrorismus, seine regionalen Brennpunkte (Jahrbuch Terrorismus 2009), transnationalen Vernetzungen (Schneckener, 2006) oder die Möglichkeiten seiner Bekämpfung stehen im Mittelpunkt der vorliegenden theoretischen Analyse. Anne Wildfang betrachtet den Terrorismus als Gruppenphänomen und ist bestrebt, mit diesem Fokus die primär (sozial-)psychologischen Faktoren terroristischer Gruppierungen zu analysieren.

Autorin

Anne Wildfang arbeitete zwischen 2004 und 2008 im Rahmen einer Promotionsförderung am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg. Das vorliegende Buch ist die Veröffentlichung ihrer Dissertation, die sie 2009 an der Universität Freiburg verteidigt hat.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst sechs inhaltliche Kapitel und ein ausführliches Literaturverzeichnis. Beginnen wir mit dem Kapitel 1 bzw. Kapitel A, in dem die Autorin in die Thematik und Problematik einführt und den roten Faden für die nachfolgenden Darstellungen erläutert: Das Forschungsinteresse der Kriminologen am Terrorismus sei bisher gering, obwohl die Kriminologie über erschöpfende Möglichkeiten verfüge, das komplexe Phänomen des Terrorismus untersuchen zu können (S. 1). Gründe für derartige Zurückhaltungen sieht die Autorin vor allem in den Problemen, auf empirisch verifizierbare Daten zurückgreifen zu können. Sicher, Terror ist – wie Peter Fuchs einmal schrieb - blindwütig, „weil er selbst keine Adresse hat. Auch kann an den Terror man nicht schreiben“ (Fuchs, 2002). Terroristische Gruppierungen agieren im sogenannten Dunkelfeld. Das macht deren Erforschung ebenso schwierig. Und dennoch existiert „eine unüberschaubare Masse an Daten, Literatur und Informationen, deren Qualität jedoch schwer einzuschätzen ist…“ (S. 2).

Um die kriminologische Erforschung des Terrorismus zu intensivieren, bedarf es aus der Sicht der Autorin eines geeigneten kriminologischen Theorieansatzes und der erfordert zunächst einmal ausführliche Begriffsarbeit (Kapitel B). Dass sich der Terrorismus nicht leicht definieren lässt, ist keine neue Erkenntnis. Walter Laqueur meinte gar, dass es „weder möglich noch der Mühe wert“ sei, derartige Versuche zu unternehmen (Laqueur, in: Hoffman, 2002, S. 50). Dennoch – hier ist der Autorin unbedingt zuzustimmen – muss man sich den Hintergründen der begrifflichen Schwierigkeiten stellen und die haben nicht nur mit der Singularität und Diversität des Terrorismus zu tun, sondern hängen zuvörderst mit den „jeweiligen Perspektiven des Betrachters“ (S. 9) zusammen. Terroristen, ihre Unterstützer, ihre Opfer, die bedrohte Öffentlichkeit, die Medien, die Politik und auch die Wissenschaftler haben diesbezüglich ganz unterschiedliche Sichtweisen auf das, was eben landläufig Terrorismus geheißen wird. Auf die damit zusammenhängenden Probleme, Interessenkollisionen und Definitionskonflikte geht die Autorin ebenso ausführlich ein wie auf mögliche terminologische Abgrenzungen (Staatsterrorismus, Extremismus, Befreiungsbewegungen, Guerilla, organisierte Kriminalität, Krieg). Ihre Argumente und die zur Begründung angeführten Referenzen sind für eingeweihte Terrorismusforscher/innen sicher nicht neu, führen aber zu einer praktikablen Arbeitsdefinition, die hier, trotz ihrer Länge und etwas holprigen Formulierung, zitiert werden soll: Terrorismus kann „als ein politisches, kriminelles, kollektives Gewaltphänomen beschrieben werden, welches sich gegen den Status quo einer Gesellschaft oder Ausschnitte dieser richtet. Eine terroristische Bewegung besteht in der Regel aus einer kleinen, organisierten Gruppe aus Aktivisten, welche aufgrund ihrer politischen Haltung aus dem Untergrund heraus operieren. Die terroristischen Ziele werden in der Regel durch die jeweilige Ideologie bestimmt, welche gleichzeitig als Rechtfertigung für ihr Vorgehen genutzt wird. Zur Zielerreichung üben sie Gewalt auf den gegnerischen Staat und dessen Einrichtungen bzw. Bürger aus, um ein Klima der Angst und Ohnmacht zu erzeugen. Um diese Atmosphäre zu verbreiten und zu maximieren, benutzen und instrumentalisieren Terroristen in der Regel die Medien für ihre Zwecke“ (S. 71).

Der zentrale Punkt in dieser Definition ist der Verweis auf den Terrorismus als „kollektives Gewaltphänomen“. Mit diesem Verweis liefert Anne Wildfang quasi den Schlüssel, mit dem ihrer Meinung nach der Terrorismus theoretisch – und aus kriminologischer Sicht - zu erklären ist.

Kapitel C widmet sich den „Erscheinungsformen terroristischer Gruppen“. Diese Kapitelüberschrift ist leicht irreführend. Anne Wildfang zeigt nämlich, dass sie die Basics der Gruppenforschung kennt und die entsprechenden einschlägigen Lehrbuchtexte gelesen hat. Ihr Bemühen, diese sozialpsychologischen Grundlagen auf die Strukturen und Prozesse in terroristischen Gruppen zu beziehen, kann man getrost überlesen; zumal die dazu herangezogenen Referenzen weit aussagekräftiger sind (z.B. Moghaddam & Marsella, 2002) bzw. mittlerweile substantiellere sozialpsychologische Analysen zum Terrorismus vorliegen (z.B. Kruglanski & Fishman, 2009). Eine Anmerkung, auch wenn sie pedantisch erscheinen mag, kann sich der Rezensent aber nicht verkneifen: Die von Anne Wildfang erwähnte berühmte Formel von Kurt Lewin „V= f (P,U)“ drückt nicht – wie die Autorin meint (S. 80) – die Grundfaktoren der Gruppendynamik oder „Prozesse der Gruppenaktivität“ aus, sondern wird von Lewin benutzt (vgl. z.B. Lewin, 1982; Original: 1939), um die Abhängigkeit des individuellen Erlebens und Verhaltens vom Lebensraum des Individuums zu beschreiben. Der Lebensraum wiederum ist nach Lewin eine Funktion der physikalischen und sozialen Gegebenheiten der unmittelbaren Umwelt einer Person und der psychologischen Repräsentanz der Umweltbeschaffenheiten in der Person. Als Empfehlung gilt auch hier, wie in manch ähnlichen Fällen: Lieber doch auf die Originalliteratur zurückgreifen!

Im Kapitel D diskutiert Anne Wildfang zunächst einschlägige Kriminalitätstheorien (z.B. Anomietheorien, Subkulturtheorien, Etikettierungsansätze etc.) und psychologische Theorien, um zu begründen, „dass Annahmen, Terrorismus sei durch psychische Störungen oder eine Kombination bestimmter Persönlichkeitsmerkmale bedingt, weder empirisch belegt werden konnten noch wahrscheinlich erscheinen“ (S. 135). Um die „Kollektivität“ terroristischer Phänomene, also den Terrorismus als Gruppen- und Intergruppenphänomen, zu erklären, sei es deshalb sinnvoller, auf die in der Sozialpsychologie bewährte Theorie der sozialen Identität (Tajfel, 1978) und auf das Konzept der Gruppendynamik zurückzugreifen. Dass eine pathologische Sicht auf den Terrorismus und auf terroristische Akteure nicht sehr hilfreich ist, dürfte mittlerweile wissenschaftlicher Konsens sein. Ob damit auch gleich die Suche nach einer „Kombination bestimmter Persönlichkeitsmerkmale“, durch die sich (potentielle) Terroristen auszeichnen könnten, zurückgewiesen werden sollte, mag man angesichts der (sicher kargen, aber dennoch vorhandenen) empirischen Datenlage bezweifeln (vgl. z.B. Kruglanski & Fishman, 2009; Lützinger, 2010). Dennoch liefert die Theorie der sozialen Identität – wie Anne Wildfang zu zeigen vermag – interessante Einsichten in die motivationalen Hintergründe von terroristischen Gruppenbildungen, den gruppeninternen Radikalisierungen und Abschottungsprozessen und der dynamischen Abwertung relevanter Fremd- und Feindgruppen usw. Aus den in der klassischen Theorie der sozialen Identität (SIT) beschriebenen und empirisch gut begründeten Annahmen, auf die sich auch Anne Wildfang stützt, lassen sich aber nur bedingt relevante Antezedenzien über die Entstehung und Prozesshaftigkeit terroristischer Gruppengewalt ableiten (siehe auch Hewstone, Rubin & Willis, 2002). Die SIT ist nun mal auf die Erklärung des sogenannten Intergroup Bias (als Oberbegriff für die zwei sich ergänzenden Prozesse der Ingroup-Favorisierung und der Outgroup-Ablehnung) fokussiert.

Anne Wildfang ist sich offensichtlich dieser Problematik bewusst und versucht im Kapitel E („Die terroristische Gruppe – Selbstschutzmaßnahme II und III“) gruppendynamische Ansätze (z.B. zur Konformität, zur Gruppenpolarisation oder zum Gruppendenken) mit den Annahmen der SIT zu verknüpfen, um die besagten Ursachen für terroristische Gruppengewalt aufzuklären. So ganz überzeugend ist das aber nicht. Vielleicht wäre es hilfreicher gewesen, auch neuere Entwicklungen im Rahmen der SIT oder auch konkurrierende Ansätze in den Blick zu nehmen (z.B. das Modell der Politiced Collective Identity, Simon & Klandermans, 2001, oder die Terror Management Theorie, Pyszczynski, Solomon & Greenberg, 2003).

In Kapitel F ihres Buches fasst Anne Wildfang ihre theoretischen Erörterungen zusammen und präsentiert in sehr übersichtlicher Weise auch die Konsequenzen ihres Ansatzes. Dabei wird noch einmal die für die Kriminologie sicher neue und fruchtbare Perspektive auf die gruppen- und intergruppenphänomenale Beschaffenheit des Terrorismus deutlich. Auch die sich aus dieser Perspektive ergebende kritische Sicht auf die Kontraproduktivität mancher Anti-Terror-Maßnahmen (z.B. S. 258) ist hervorzuheben. Auffallend ist aber auch, dass die von der Autorin gewählte Perspektive (auf den Terrorismus als Gruppen- und Intergruppenphänomen) nur eine mögliche ist und mit der Analyse z.B. makro-sozialer bzw. globaler Bedingungen des Terrorismus und der Funktion der Verbreitungs- bzw. Massenmedien ergänzt werden muss (vgl. auch Frindte & Haußecker, 2010).

Fazit

Anne Wildfang hat eine anregende theoretische Analyse terroristischer Gruppenphänomene vorgelegt; für Kriminologen sicher – folgt man der Autorin – eine interessante und bisher vernachlässigte Perspektive. Jenen, die sozialpsychologische Erklärungen des Terrorismus bisher vermisst haben, sei das Buch empfohlen.

Zitierte Literatur:

  • Frindte, W. & Haußecker, N. (Hrsg.) (2010). Inszenierter Terrorismus. Mediale Konstruktionen und individuelle Interpretationen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Fuchs, P. (2002). Kein Anschluß unter dieser Nummer oder Terror ist wirklich blindwütig. Quelle: www.fen.ch aufgerufen am 28.09.2009.
  • Hewstone, M., Rubin, M. & Willis, H. (2002). Intergroup bias. Annual Review of Psychology, 53, 575-604.
  • Hoffman, B. (2002). Terrorismus - der unerklärte Krieg. Neue Gefahren politischer Gewalt. Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung.
  • Jahrbuch Terrorismus 2009. Herausgegeben vom Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel. Opladen & Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich.
  • Kruglanski, A. W., & Fishman, S. (2009). Psychological factors in terrorism and counterterrorism: Individual, group, and organizational levels of analysis. Social Issues and Policy Review, 3, 1-44.
  • Lewin, K. (1982). Werkausgabe, Band 4, herausgegeben von C.-F. Graumann. Bern, Stuttgart: Hans Huber & Klett-Cotta.
  • Lützinger, S. (2010). Die Sicht der Anderen. Eine qualitative Studie zu Biographien von Extremisten und Terroristen. Köln: Luchterhand.
  • Moghaddam, F.M. & Marsella, A.J. (Eds.). Understanding terrorism: Psychological roots, consequences, and interventions. Washington, DC: American Psychological Association.
  • Pyszczynski, T., Solomon, S., & Greenberg, J. (2003). In the wake of 9/11 - The psychology of terror. Washington D. C.: American Psychological Association.
  • Schneckener, U. (2006). Transnationaler Terrorismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Simon, B., & Klandermans, B. (2001). Politicized collective identity: A social psychological analysis. American Psychologist, 56 (4), 319-331.
  • Tajfel, H. (1978). Differentiation between social groups. London, New York and San Francisco: Academic Press.
  • Ziercke, J. Herbsttagung des BKA. Quelle: www.faz.net; aufgerufen am 21.10.2010.

Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 29.10.2010 zu: Anne Wildfang: Terrorismus. Definition, Struktur, Dynamik. Duncker & Humblot (Berlin) 2010. ISBN 978-3-428-13298-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9890.php, Datum des Zugriffs 27.05.2020.


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