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Peter Oberender (Hrsg.): Wettbewerb im Gesundheitswesen

Cover Peter Oberender (Hrsg.): Wettbewerb im Gesundheitswesen. Duncker & Humblot (Berlin) 2010. 111 Seiten. ISBN 978-3-428-13305-5. 58,00 EUR, CH: 98,00 sFr.

Reihe: Verein für Socialpolitik: Schriften des Vereins für Socialpolitik - N. F., Band 327.
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Thema

Das Gesundheitswesen in Deutschland mit seiner umfassenden Versorgung im Krankheitsfall und seinen Leistungen in der Prävention und Rehabilitation ist seit vielen Jahren ein bedeutendes Feld der wirtschaftspolitischen Debatte. Dabei greifen zwei wesentliche Entwicklungslinien ineinander über. Einerseits entwickelt sich das Gesundheitswesen als Ganzes immer mehr zu einer Gesundheitswirtschaft, wo Wachstums- und Entwicklungsprozesse eine begleitende Wettbewerbsordnung benötigen. Andererseits ist der innere Kern des Gesundheitswesens das solidarisch finanzierte System der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), einem stetigen Reformdruck ausgesetzt. Die gesundheitspolitische Debatte wird dabei vor allem von der Frage beherrscht, wie Wettbewerbsregeln einerseits und die Garantie sozialer Sicherheit andererseits ausgestaltet werden können. Dies ist das Thema des vorliegenden Bandes. Seine Beiträge zeigen, den Blick vornehmlich auf die Praxis gerichtet, die unterschiedliche Ausprägungen der Wettbewerbsorientierung im deutschen Gesundheitswesen auf. Hierbei konfrontieren sie auch mit der Frage, welche langfristige Ausrichtung die Gesundheitsversorgung einnehmen soll.

Herausgeber und AutorInnen

Für die Herausgabe des Buches, das in den „Schriften des Vereins für Socialpolitik, Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“ als Neue Folge Band 327 erscheint, zeichnet sich Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Oberender verantwortlich. Der Herausgeber (* 14. Juni 1941 in Nürnberg) war (bis 2007) Inhaber des Lehrstuhls VWL IV – Wirtschaftstheorie der Universitär Bayreuth. Er ist aktuell noch Direktor der dortigen „Forschungsstelle für Sozialrecht und Gesundheitsökonomie“, Direktor des „Instituts für angewandte Gesundheitsökonomie“ (IaG) sowie Inhaber und Seniorpartner der Unternehmensberatung „Oberender & Partner“, eines auf Gesundheitsökonomie und Krankenhausmanagement spezialisierten Beratungsunternehmens. Außerdem war Peter Oberender Mitglied des Wissenschaftsrates, in dessen Arbeitsgruppe „Public Private Partnership in der Hochschulmedizin“ er immer noch Vorsitzender ist. Er ist auch Mitglied der Bayerischen Bioethik-Kommission, stellvertretender Vorsitzender des Bundesschiedsamtes für die vertragsärztliche Versorgung und Vorsitzender des Bundesschiedsamtes für die zahntechnische Versorgung.

Am 26. Januar 2007 hielt Oberender, der als Hochschullehrer eine Vielzahl von Publikationen zur theoretischen wie angewandten Gesundheitsökonomie vorgelegt hat, offiziell seine Abschiedsvorlesung unter dem Thema „Ordnungspolitik – Quo vadis?“. Er blieb der Universität Bayreuth weiterhin als Lehrbeauftragter für den von ihm initiierten Studiengang „Gesundheitsökonomie“ treu. In der Gesundheitspolitik vertritt er eine Minderheitsposition, die er selbst als liberal bezeichnet. So stellt er etwa – unter Verweis darauf, dass der „so genannte Arbeitgeberanteil Lohnbestandteil ist“ – die paritätische Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung in Frage, kritisiert die Budgetierungen im Gesundheitswesen als „künstliche Eindämmung eines möglichen Marktwachstums im Gesundheitswesens“ und fordert die „Umorientierung von einer Politik der Planwirtschaft hin zu einer marktwirtschaftlichen Gesundheitspolitik bei einem ausreichenden Schutz ökonomisch Schwacher und chronisch Kranker“ (für weitere Angaben vgl. www.de.wikipedia.org/wiki/Peter_Oberender).

Neben dem Herausgeber haben zu dem Sammelband die folgenden Personen Beiträge beigesteuert: Dr. h.c. Josef Beutelmann (Vorstandsvorsitzender der Barmenia Versicherungen, Wuppertal), Franz Knieps (ehemaliges Bundesgesundheitsministerium, Bonn / Berlin), Dr. Ilona Köster-Steinebach (Kassenärztliche Vereinigung Bayern, München), Dr. Marcel Mangen (ehemaliger Vorstand Jansen-Cilag GmbH, Neuss), Dr. Axel Munte (Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern, München), Dr. Fritz Oesterle (Vorstandsvorsitzender der Celesio AG, Stuttgart), Prof. Dr. h.c. Herbert Rebscher (Vorstandsvorsitzender der DAK, Hamburg), Ulrich Weigeldt (Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands, Berlin) und Dr. Jürgen Zerth (Universität Bayreuth).

Entstehungshintergrund

Am 23. und 24. März 2009 widmete die Arbeitsgruppe Wettbewerb des Wirtschaftspolitischen Ausschusses im „Verein für Socialpolitik“ – mit mehr als 3.650 persönlichen und 38 korporativen Mitgliedern die größte Vereinigung von Wirtschaftswissenschaftlern im deutschsprachigen Raum (vgl. www.socialpolitik.org) – ihre Jahrestagung 2009 in Leipzig der Frage „Wettbewerb im Gesundheitswesen“. Die auf der Tagung gehaltenen Referate werden mit dem vorliegenden Band einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wobei sie erste Ausgangspunkte einer intensiveren wissenschaftlichen Debatte über die Wettbewerbspolitik im (deutschen) Gesundheitswesen sein sollen.

Aufbau

Das Buch enthält beziehungsweise untergliedert sich in die folgenden 8 Beiträge:

  1. Peter Oberender und Jürgen Zerth: Wettbewerb im Gesundheitswesen: Eine Einschätzung nach dem Gesundheitsfonds (S. 11-21)
  2. Franz Knieps: Das Gesundheitswesen im Spannungsfeld von Solidarität und Wettbewerb (S. 23-33)
  3. Herbert Rebscher: „Wettbewerb als Entdeckungsverfahren“ im Gesundheitswesen – Chancen, Bedingungen, Grenzen (S. 35-57)
  4. Josef Beutelmann: Wettbewerb und Zukunft der PKV [Privaten Krankenversicherung] (S. 59-70)
  5. Axel Munte und Ilona Köster-Steinebach: Wettbewerb in der ambulanten Versorgung (S. 71-89)
  6. Ulrich Weigeldt: Statement [zur Bedeutung der Hausarztverträge] (S. 91-95)
  7. Marcel Mangen: Veränderung der Wettbewerbsparameter in der Gesundheitswirtschaft aus Sicht der Pharmaindustrie (S. 97-101)
  8. Fritz Oesterle: Der Pharmamarkt – Markt mit unfreiem Wettbewerb (S. 103-111).

Inhalt

In ihrem grundlegenden Eingangsreferat führen Peter Oberender und Jürgen Zerth in die Bedingungsfaktoren für eine Wettbewerbsordnung im Gesundheitswesen ein, wobei sie auch explizit Bezug nehmen auf die Umsetzung der Wettbewerbsordnung in Deutschland nach Einführung des Gesundheitsfonds. Ihrer Ansicht nach sind „die Fragen einer Wettbewerbsordnung im Gesundheitswesen auch nach dem GKV-WSG [Gesetzliche Krankenversicherung-Wettbewerbsstärkungsgesetz (zum 01.01.2009)] noch nicht abschließend gelöst“ (S. 20). Fraglich sei vor allem, ob es mit dem Gesundheitsfonds in Verknüpfung mit dem Vertragswettbewerb der Krankenversicherungen gelingen kann, eine nachhaltige und qualitätsorientierte Versorgungsstruktur zu implementiere.

Anhand eines gesundheitspolitischen Rückblicks auf die Entwicklungstendenzen der deutschen Gesundheitspolitik vom strengen Kollektivsystem zu einem System wachsender wettbewerblicher Vertragsmöglichkeit analysiert Franz Knieps den Stand der Gesundheitspolitik , zeigt Handlungsmöglichkeiten zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf und gibt einen Ausblick auf kommende Veränderungen. Nach Ansicht des Autors, der den Weg zu einer wettbewerblichen Neuorientierung „als laufenden Prozess“ sieht, ist der Kurs in Richtung Wettbewerb „unumkehrbar, allerdings durchaus unterschiedlich ausgestaltbar“ (S. 32).

Die Suche nach der effizienten Mittelallokation beherrscht die gesundheitspolitische Debatte. Die gesundheitsökonomisch diskutierten Steuerungs- und Honorierungssysteme dienen dabei ausschließlich der Suche nach geeigneten Anreizen, um Qualität und Wirtschaftlichkeit der Versorgung zu optimieren. Herbert Rebscher erörtert Möglichkeiten und Grenzen einer „Effizienzorientierung“ im Gesundheitswesen, wobei er die Idee eines „Wettbewerbs als Entdeckungsverfahren“ zugrunde legt.

Mit einem Plädoyer für eine ganzheitliche Wettbewerbsordnung, die sowohl für die Gesetzliche Krankenversicherung als auch für die Private Krankenversicherung (PKV) gültig ist, schließt sich Josef Beutelmann an. Seines Erachtens haben die bisherigen gesundheitspolitischen Debatten zu wenig die Probleme der langfristigen Absicherung der Herausforderungen durch den demographischen Faktor und insbesondere den medizinisch-technischen Fortschritt betont. Von daher fordert er eine Begrenzung der GKV auf ihre Kernaufgaben und eine stärkere Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten kapitalgedeckter Vorsorge. Das klare Fazit des Autors: „Das Gesundheitssystem braucht nicht weniger, sondern mehr PKV!“ (S. 70).

Die Notwendigkeit einer Justierung der Wettbewerbsordnung zwischen stationären und ambulanten Leistungserbringern betonen Axel Munte und Ilona Köster-Steinebach. Ihres Erachtens müsse es gerade eine Aufgabe einer Wettbewerbsordnung im Gesundheitswesen sein, die „Qualitätsaspekte“ der Versorgung in den Vordergrund zu stellen.

In einem Statement skizziert Ulrich Weigeldt die Bedeutung der Hausarztverträge. Hierbei betont er die Notwendigkeit einer genauen Bereinigungsklausel zwischen Kollektiv- und Individualverträgen, die seines Erachtens als notwendige Bedingung einer Wettbewerbslandschaft fungieren müsse. Bislang habe der Widerstand der etablierten Strukturen – und von deren politischen Förderern – die Entwicklung eigenständiger Versorgungsstränge immer wieder verzögert, aber letztlich nicht verhindern können.

Nach Ansicht von Marcel Mangen bietet die wachsende Intensivierung selektiver Vertragsangebote in der Gesundheitsversorgung die Chance für ein pharmazeutisches Unternehmen, sich als „Systemanbieter“ zu definieren. Dabei stehe nicht mehr nur der Wirkstoff oder die Applikationsform eines Medikaments im Vordergrund, vielmehr gewinne im Sinne einer Orientierung am Patientenpfad eine „ganzheitliche Wettbewerbssicht“ an Bedeutung.

Nach der Darstellung von Fritz Oesterle stellt die Versorgungssicherheit und die Stabilität einer Versorgung mit adäquaten Medikamenten den Apothekengroßhandel und die Apotheken vor wachsende Herausforderungen. Seines Erachtens seien daher gerade die unterschiedlichen Regulierungsformen im Kontext der Arzneimitteldistribution streng auf Kompatibilität und Entwicklungsstabilität zu überprüfen.

Diskussion

Der vorliegende Band beleuchtet unter ökonomischen Gesichtspunkten aktuelle Fragen der Wettbewerbsorientierung im Gesundheitswesen und entwirft mögliche Lösungsstrategien. Die Beiträge zeigen unterschiedliche Ausprägungen der Wettbewerbsorientierung im Gesundheitswesen auf, wobei insbesondere verschiedene Ausprägungen im Verhältnis der Krankenversicherungen untereinander beziehungsweise im Verhältnis Krankenversicherung und Leistungserbringer problematisiert werden.

Die Publikation ist unter Fachwissenschaftlern gut aufgehoben und wird dort auch für entsprechenden Diskussionsstoff sorgen. Wer sie unterdessen als Laie zur Hand nimmt, um sich generell über das deutsche Gesundheitswesen und seine (aktuellen) Probleme zu orientieren, wird sich mit der Lektüre eher schwer tun. Hilfreich für dieses Publikum wäre in jedem Fall ein Abkürzungsverzeichnis gewesen.

Fazit

Wer sich für das Thema Wettbewerb im (deutschen) Gesundheitswesen unter primär wirtschaftswissenschaftlichen Gesichtspunkten interessiert, findet in dem von Peter Oberender herausgegeben Band anregende Beiträge, über deren praktische Umsetzung im Einzelnen durchaus politisch gestritten werden sollte.


Rezensent
Dr. Hubert Kolling
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Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 20.09.2010 zu: Peter Oberender (Hrsg.): Wettbewerb im Gesundheitswesen. Duncker & Humblot (Berlin) 2010. ISBN 978-3-428-13305-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9893.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


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