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Friederike Heinzel, Argyro Panagiotopoulou (Hrsg.): Qualitative Bildungsforschung im Elementar- und Primarbereich

Cover Friederike Heinzel, Argyro Panagiotopoulou (Hrsg.): Qualitative Bildungsforschung im Elementar- und Primarbereich. Bedingungen und Konetxte kindlicher Lern- und Entwicklungsprozesse. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2010. 277 Seiten. ISBN 978-3-8340-0707-0. 22,00 EUR, CH: 38,00 sFr.

Reihe: Entwicklungslinien der Grundschulpädagogik - Band 8.
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Thema

Im vorliegenden Band werden Konzepte, Methoden und Ergebnisse der qualitativen Bildungsforschung im Elementar- und Primarbereich vorgestellt, die für Lehrende, Forschende, Studierende an Hochschulen sowie für Pädagoginnen und Pädagogen in Bildungseinrichtungen des Elementar- und Primarbereiches von Interesse sind. Einerseits finden sich im Sammelband forschungsmethodologische Reflexionen und andererseits Dokumentationen aktueller Forschungsprojekte.

Herausgeberinnen

Friederike Heinzel, Dr. phil., studierte Erziehungswissenschaft, Politikwissenschaft und Germanistik und ist Professorin am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Kassel. Einen ihrer Arbeitsschwerpunkte bildet die Verbindung von Kindheits- und Grundschulforschung.

Argyro Panagiotopoulou, Dr. paed, studierte Sprachwissenschaft und griechische Philologie und ist als Professorin am Institut für Grundschulpädagogik der Universität Koblenz-Landau tätig. Sie arbeitet u. a. zum Schwerpunkt „sprachliche Bildung im Elementar- und Primarbereich“.

Entstehungshintergrund

Aufgrund der wachsenden Bedeutung frühkindlicher und grundlegender Bildung möchten die Herausgeberinnen der Frage nach dem spezifischen Beitrag qualitativer Bildungsforschung zur Erforschung kindlicher Bildungs- und Lernerfahrungen nachgehen.

Aufbau

Das Buch ist nach der Einleitung der Herausgeberinnen in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil befinden sich acht Aufsätze, die methodologische Fragen und verschiedene Forschungszugänge zum Elementar- und Primarbereich aufzeigen. Im zweiten Abschnitt des Buches werden zehn Forschungsprojekte vorgestellt.

In der Einleitung stellen die beiden Herausgeberinnen ihr Verständnis von Bildungsforschung im engeren und weiteren Sinne dar und geben einen Überblick über die verschiedenen Aufsätze, die in dem Sammelband vorhanden sind.

1. Konzepte, Strategien und Grenzen qualitativer Bildungsforschung

Natascha Naujok gibt in ihrem Beitrag einen Einblick in die Entwicklung des interpretativen Paradigmas im Zusammenhang mit der interaktionistischen Perspektive, welches in der Unterrichtsforschung Verbreitung gefunden hat.

Birgit Brandt stellt in ihrem Aufsatz die Unterrichtsform des Gruppenpuzzles im Mathematikunterricht vor mit dem Ziel, Interaktionsprozesse rezeptionstheoretisch zu analysieren.

Monika Wagner-Willi beschäftigt sich anhand der dokumentarischen Videointerpretation von sozialen Situationen in der Grundschule - es geht um Rituale - mit spezifischen Fragen einer videobasierten qualitativen Grundschulforschung.

Ergebnisse aktueller ethnografischer Forschungsarbeiten aus England, Dänemark, Finnland und Italien werden von Christina Huf und Argyro Panagiotopoulou auf ihre Relevanz für den Elementar- und Primarbereich geprüft.

Den Umgang mit ethnischer Differenz und damit verbundene Schwierigkeiten, diese durch die Forschung nicht zu reifizieren, zeigen selbstreflexiv Isabell Diehm, Melanie Kuhn und Claudia Machold bei Ethnografien im Kindergarten auf.

Andreas Brenne verweist in seinem Beitrag auf Forschungszugänge in der Kunstpädagogik und stellt exemplarisch vier qualitative Studien zur kunstpädagogischen Praxis in der Grundschule sowie seine eigene Studie zur ästhetischen Rezeption und Produktion von Karnevalsbräuchen im Kunstunterricht der Primarstufe vor.

Im Zentrum des Textes von Petra Freudenberger-Lötz steht die qualitative Forschung in der Religionspädagogik, insbesondere die Forschungswerkstatt zu theologischen Gesprächen mit Kindern in der Grundschule, welche an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe stattgefunden hat.

Friederike Heinzel setzt sich in ihrem Beitrag mit theorieorientierter und theoriebildender qualitativer Grundschulforschung auseinander.

2. Forschungsprojekte über kindliche Lern- und Entwicklungsprozesse - vor der Einschulung und in der Grundschulzeit

Helga Kelle und Julia Jancsó berichten über ihre Forschungen, in denen Kinder als Mitwirkende in medizinischen Vorsorgeuntersuchungen betrachtet werden.

Christina Huf stellt ihre Forschungsergebnisse zu sozialen Praktiken englischer SchulanfängerInnen im Umgang mit den Vorgaben ihrer Lehrerin vor.

Anna Rebecca Cuhls und Aryro Panagiotopoulou betrachten den Umgang mit Heterogenität und Förderung von Literalität am Schulanfang in einer finnischen Einheitsschule.

Wibke Hortsch hat Angebote zur Sprach(en)bildung für Kinder mit Migrationshintergrund in einer finnischen Vorschule untersucht und stellt erste Ergebnisse einer Feldstudie vor.

Nadine Christmann und Kerstin Graf haben die sprachliche Förderung für Vorschulkinder mit Migrationshintergrund in Deutschland und Luxemburg anhand von Alltagsszenen verglichen.

Constanze Weth beschreibt ihn ihrem Aufsatz Hypothesen über Schrift von in Frankreich aufgewachsenen marokkanischen Grundschulkindern.

Sandra Bußmann hat literale Lernprozesse von Vor- und Grundschulkindern im Alltag ihrer so genannten benachteiligten Familien untersucht.

Norbert Kruse und Anke Reichardt stellen Ergebnisse eines Lehrforschungsprojektes mit Studierenden zur Rechtschreibförderung im sozialen Raum der Klasse dar, welches sie in Kassel in einer Grundschule durchgeführt haben.

Sabine Dorow und Georg Breidenstein berichten von einer Fallstudie zur Praxis der Wochenplanarbeit an einer Freien Schule.

Doreen Weide und Sabine Reh widmen sich in ihrem Beitrag der Frage, wie Kinder ihre Zeit in der Ganztagsschule wahrnehmen.

Diskussion

Im Buch mit dem Untertitel „Entwicklungslinien und Forschungsbefunde“ wird ein breiter Überblick über forschungsmethodologische Fragestellungen der qualitativen Bildungsforschung gegeben. Aufgrund der vielfältigen Zugänge erhält die Leserin/der Leser einen Einblick in die Vielfalt der Themen qualitativer Bildungsforschung und kann unterschiedliche Strategien, Vorgehensweisen und Methoden erkennen. Interessant sind solche Ausführungen wie die von Friederike Heinzel über das Verhältnis von Theorie und Methode in der qualitativen Forschung oder die Gedanken von Isabell Diehm u. a., dass Forschungen zu ethnischen Differenzen diese nicht nur sichtbar machen, sondern auch befördern können, weil auf sie aufmerksam gemacht wird.

Es ist ein spannendes Buch, welches die Vielfalt der Zugänge zur qualitativen Forschung aufzeigt. Im Bericht von Petra Freudenberger-Lötz ist auch zu erfahren, wie die Professionalität von Lehramtsstudierenden durch qualitative Forschungen in einer Forschungswerkstatt gefördert wird.

Die im zweiten Teil des Sammelbandes vorgestellten Projekte qualitativer Forschungen geben vielfältige Einblicke in die Lebenswelt von Kindern und so manche Sichtweise Erwachsener. So zeigen die Forschungen von Helga Kelle und Julia Jancsó zur Performance von Kindern in Vorsorgeuntersuchungen, wie Kinder ermuntert werden, ihre Kompetenzen in den Vorsorgeuntersuchungen darzustellen und wie oft sie dabei als eigensinnige Akteure nicht wahrgenommen werden. Anhand der Ergebnisse der verschiedenen Aspekte der Forschungen lassen sich für Pädagoginnen und Pädagogen vielfältige Rückschlüsse für die eigene professionelle Arbeit mit Kindern ableiten.

Insgesamt sind die einzelnen Beiträge recht kurz, manchmal hätte ich mir noch ausführlichere Darstellungen gewünscht. Jeder Aufsatz endet mit einem Fazit bzw. Ausblick. Man erhält so einen Überblick über die verschiedenen Forschungsansätze, beim Wunsch nach weiteren Informationen (besonders zu den vorgestellten Projekten) bleibt die Hoffnung, dass diese auch veröffentlicht werden bzw. schon erhältlich sind.

Die Liste der Autorinnen und Autoren ist recht lang und es zeigt sich, dass hier eine Mischung von Hochschullehrerinnen und Hochschullehrern sowie Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern vertreten ist.

Fazit

Der theoretisch anspruchsvolle Sammelband bietet einen doppelten Nutzen: eine Darstellung verschiedenster forschungsmethodologischer Fragen der qualitativen Bildungsforschung und die Vorstellung unterschiedlicher Projekte aus dem In- und Ausland, welche den Elementar- und den Primarbereich in den Fokus nehmen.


Rezensentin
Prof. Dr. paed. Michaela Rißmann
Fachhochschule Erfurt
Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
Professur "Erziehungswissenschaften, Erziehung und Bildung von Kindern"
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Zitiervorschlag
Michaela Rißmann. Rezension vom 13.09.2011 zu: Friederike Heinzel, Argyro Panagiotopoulou (Hrsg.): Qualitative Bildungsforschung im Elementar- und Primarbereich. Bedingungen und Konetxte kindlicher Lern- und Entwicklungsprozesse. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2010. ISBN 978-3-8340-0707-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9915.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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