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Nadine Trefzger: Alles ausser gewöhnlich

Cover Nadine Trefzger: Alles ausser gewöhnlich. Autismusspektrumstörungen und die Förderung mit dem multimodalen Modell. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2009. 572 Seiten. ISBN 978-3-8370-7925-8. 61,00 EUR, CH: 101,00 sFr.
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Entstehungshintergrund

Ein sehr umfangreiches Buch mit insgesamt 572 Seiten, und das im DIN A-4 Format. Der Titel macht neugierig und weist zugleich darauf hin, dass es nicht um die Favorisierung eines bestimmten Ansatzes geht, sondern um einen integrativen Ansatz. Anlass des Buches ist eine betroffene Schweizer Familie, die mit dem dortigen sozialen Fördersystem und den angebotenen Förderkonzepten für den autistischen Sohn unzufrieden ist. Die Mutter – Autorin des Buches- (eigentlich im medizinischen Bereich qualifiziert) entwickelte eine große Initiative und qualifizierte sich quasi selbst durch umfangreiches Studium von Fachliteratur und Internettexten. Auf dieser Grundlage entstand das so genannte multimodale Modell als Ergänzung und Alternative zu herkömmlichen Förderansätzen für Menschen mit Autismusspektrumstörungen und daraus dieses Buch.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in drei Teile.

Teil 1 beginnt erst einmal mit der Darstellung der Familiensituation, wie es in vielen Familien typisch ist, wenn sich herausstellt, dass ein Kind eine autistische Behinderung hat. Damit verbunden ist die Suche nach Unterstützung und baldiger Hilfe, nach der „richtigen“ Therapie und baldiger Hilfe und der (häufigen) Erkenntnis, dass es DIE Therapie nicht gibt. Die Verfasserin unternimmt hier einen Vergleich von Therapieansätzen, indem sie ABA (Applied behavior analysis; ein verhaltenstherapeutisches Vorgehen), RDI (Relationship development intervention) und Floortime (beides interaktionistische Therapieansätze) mit dem von ihr entwickelten Multimodalem Modell tabellarisch vergleicht. Dabei geht es aber nicht um einen „Beweis“ für das jeweils bessere Modell, sondern um eine Gegenüberstellung der wichtigsten Aspekte in einer Übersicht, zumal das Multimodale Modell noch in keiner Weise evaluiert ist.
Außerdem führt die Autorin sehr ausführlich in die Thematik der autistischen Störung ein. Dazu gehört sowohl die persönliche Motivation zur Entstehung des Buches wie aber auch Erklärungsansätze zur Genese von Autismusspektrumstörungen. Ebenso werden die typischen Merkmale von Autismus dargestellt und beschrieben. Alleine dieser Teil nimmt fast 110 Seiten in Anspruch, was einerseits auf die Ausführlichkeit des Buches insgesamt hinweist, auf der anderen Seite auch deutlich macht, dass sich die Verfasserin umfassend mit der Thematik allgemein auseinandergesetzt hat.

Teil 2 trägt die Überschrift „Das autistische Kind unterstützen“. Der Fokus in diesem Kapitel liegt auf verhaltenstherapeutischen Ansätzen (explizit ABA). Hinzu kommen auch verhaltenstherapeutische Ansätze zur Sprachförderung. Eine Ergänzung und damit schon einen ersten Hinweis auf das multimodale Modell ist die Einführung des „Relationship Development Intervention RDI®“, ein interaktionistischer Ansatz. Der in Deutschland sicher nicht weit verbreitete Ansatz des RDI wird in seinen Grundzügen ausführlich dargestellt. Dem schließen sich auf 40 Seiten Beschreibungen der Übungen an. Ergänzt wird dieser Abschnitt noch durch die Darstellung von Floortime, ein ebenfalls interaktionistischer Ansatz, der an das (auf dem Fußboden = Floortime) spielende Kind anknüpft und versucht, aus dieser Situation eine wechselseitige Interaktion herzustellen. Kurz erwähnt wird zudem der TEACCH-Ansatz.

Den dritten Teil des Buches bildet die Umsetzung des multimodalen Modells, wobei es hier nicht um das Modell an sich, sondern um den Einsatz des Modells anhand von konkreten Einheiten geht. Zuerst geht es um die Zusammenstellung eines Förderteams, denn die Komplexität des Ansatzes bringt es mit sich, dass dieses Therapiekonzept dauerhaft nicht von einer Person alleine zu leisten ist. Die Verfasserin empfiehlt dazu den Einsatz von StudentInnen oder NachbarInnen, die quasi ehrenamtlich zu gewinnen seien. Eine Teamformierung, die sich auf das Kind einlassen kann und sich mit den besonderen Bedürfnissen und Vorlieben auskennt, benötigt Zeit. Für die erfolgreiche Implementierung des multimodalen Modells veranschlagt die Verfasserin daher etwa 1 Jahr. Im Ergebnis bedeutet dies: es existiert ein stabiles Team, das Kind hat tragende Beziehungen zu den Teammitgliedern aufgebaut und sich an die „Förderung“ gewöhnt und nimmt diese gerne an.
Dabei geht es um die Mischung zwischen Spiel als Kontakt- und zugleich therapeutischem Medium, indem verhaltenstherapeutisch orientiert Verstärker gesucht werden. Es geht um einen ganzheitlichen Ansatz, der hier in der Organisation und Kombination verschiedener bekannter Ansätze mündet.

Sechs Anhänge sind schließlich noch beigefügt.

  1. Anhang I enthält Vorschläge zu Datenblättern und Protokolle.
  2. Anhang II wirbt für ein von der Autorin ins Leben gerufene „Online-Therapie-Supportsystem“.
  3. Anhang III ist eine Einschätzungsskala zu Autismus (Cars – Childhood Autism Rating Scala).
  4. Anhang IV stellt einen Lehrplan für ein strukturiertes Modell dar, wo verschiedene Förderebenen (Sprache, Gedächtnis, Logik etc.) mit verschiedenen Inhalten untersetzt werden (z.B. Aufmerksamkeit: Augenkontakt für 5 Sekunden bei Nennung des Namens).
  5. Anhang V geht auf die Vorbereitung einer geplanten Einschulung ein und
  6. Anhang VI enthält eine Checkliste sozialer Fertigkeiten.

Das Literaturverzeichnis enthält sehr viel englische/ amerikanische Literatur und ist mit 8 Seiten (in einer kleinen Schriftart gesetzt) sehr umfangreich. Schließlich ist dem Buch noch ein Glossar mit Fachbegriffen beigefügt.

Diskussion

Bei diesem Buch fallen der ungeheure Fleiß und das enorme Engagement der Verfasserin sehr deutlich auf. Dabei mag es eine Rolle gespielt haben, dass sie sich selbst für leicht autistisch im Sinne einer Asperger-Störung hält. Ihr Anspruch ist es gewesen, ein zusammenhängendes Buch zum Thema Autismusspektrumstörungen zu schreiben, was Eltern einerseits die Problematik mit einem autistischen Kind noch einmal erklären und ihnen andererseits viele Hinweise zur Förderung geben soll. Dabei gilt es natürlich auf die diversen Besonderheiten bei Autismusspektrumstörungen differenziert einzugehen und Rücksicht zu nehmen. Insofern ist das Buch auch in einer Mischung aus Lehrbuch und Ratgeber anzusiedeln und entsprechend von Satz und Layout gestaltet. Wichtige Begriffe bzw. zentrale Aussagen werden fett hervorgehoben; an den Enden von zentralen Kapiteln gibt es schlagwortartige Zusammenfassungen („auf den Punkt gebracht“).

Das multimodale Modell ist demnach eine Mischung aus verhaltenstherapeutischen Verfahren und interaktionistischen Ansätzen, wobei sich die Verfasserin hier auf bestimmte Ansätze festlegt. Entsprechend der heute vorhandenen Methodenvielfalt wären andere Ansätze, die von der Intention aber gleich ausgerichtet sind, genauso denkbar und möglich. Es entspricht heute dem allgemeinen Standard, dass es nicht nur eine Therapiemethode, sondern verschiedene Therapieansätze - auch einen Methodenmix - geben kann, allerdings jeweils Dies wird jeweils individuell auf die Bedürfnislagen der jeweiligen Person und in einer allgemeinen ethischen Rechtfertigung (worauf auch die Verfasserin besonders hinweist) begründet. Insofern ließe sich an dieser Stelle lange darüber diskutieren, warum der sonst so verbreitete TEACCH-Ansatz auf nur 5 Seiten erwähnt wird. Auch ist die Abgrenzung zwischen Therapie und Förderung nicht eindeutig, was aber nach heutigem Verständnis auch nicht zwingend sein muss, da die Übergänge fließend sind.

Der Aufbau des Buches irritiert ein wenig, da z.B. das Multimodale Modell erst auf Seite 440 definiert wird, während vorher schon die ganze Zeit die Rede davon ist. Gleichwohl ist die Autorin in ihrer Darstellung sehr gründlich und ausführlich, so dass der Leser an jeder Stelle des Buches immer um die Zusammenhänge weiß und sich gut zu Recht findet.

In dem Buch werden verschiedene Dinge miteinander vermischt: einerseits geht es um die Diskussion von Therapie- und Förderansätzen, gleichwohl wird das Buch auch als „Anklage“ gegen das unzureichende Schweizer Fördersystem für Autismus-Spektrums-Störungen genutzt. Außerdem werden in vielen Kapiteln des Buches Grundlagenbegriffe wie Interaktion, Aufmerksamkeit etc. erklärt und dargestellt.

Was die Verfasserin mehrfach betont ist, dass autistische Kinder liebenswürdige Kinder sind, die Anerkennung von ihren Familien und Zuwendung und Zuneigung benötigen. Ob dieses Plädoyer persönlich begründet ist oder auf Beobachtungen beruht, bleibt unklar.

Fazit

Weniger wäre hier vielleicht mehr gewesen – so ein Fazit zu diesem Buch. Das soll den ungeheuren Fleiß und das große Engagement der Verfasserin nicht schmälern, aber die Nutzbarkeit des Buches wäre bei einem geringeren Umfang und bei einer eindeutigeren Akzentuierung sicherlich höher gewesen. Die Darstellung des multimodalen Modells hätte mehr Raum haben können und die umfangreichen Anhänge hätten auf das wesentliche reduziert werden können. Die Zielgruppe des Buches scheint nicht so ganz klar: für Fachleute ist das Buch an vielen Stellen viel zu breit in der Darstellung, Selbstverständlichkeiten werden erklärt und manche Darstellung gerät zu ausführlich. Für Eltern erscheint mir das Buch zu komplex, denn sie müssen sich mit einer differenzierten fachlichen Terminologie auseinandersetzten, viele (gut erklärte) Denkmodelle „mitdenken“ beim Lesen und dann leider doch feststellen, dass es eben den Königsweg in der therapeutischen Förderung nicht gibt, sondern es sich um individuell abgestimmte Förderkonzepte handeln muss. Die auf dem Markt vorhandenen Elternratgeber sind für manche Eltern sicher besser geeignet als dieses umfangreiche Werk.

Es bleibt auch die Frage, was das Besondere an dem Multimodalen Modell ist, wenn die individuelle Orientierung an den Bedürfnissen des Einzelnen, die Ressourcenwahrnehmung und die ethische Orientierung jeglichen Personen gegenüber heute allgemeiner Standard ist. Da der Anschaffungspreis des Buches mit 61,00 € recht hoch ist, wird sich manch potentiell Interessierter sicher überlegen, ob diese Investition lohnt.


Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 07.01.2011 zu: Nadine Trefzger: Alles ausser gewöhnlich. Autismusspektrumstörungen und die Förderung mit dem multimodalen Modell. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2009. ISBN 978-3-8370-7925-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9921.php, Datum des Zugriffs 03.12.2020.


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