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Georg Theunissen, Michael Schubert: Starke Kunst von Autisten und Savants

Cover Georg Theunissen, Michael Schubert: Starke Kunst von Autisten und Savants. Über außergewöhnliche Bildwerke, Kunsttherapie und Kunstunterricht. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2010. 176 Seiten. ISBN 978-3-7841-1985-4. 22,00 EUR, CH: 33,50 sFr.
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Entstehungshintergrund

„In den vergangenen Jahren sind mehrfach aus meinem Hallenser Arbeits- und Forschungsbereich Fachbücher über Kunst, Behinderung und ästhetische Praxis erschienen“, so Georg Theunissen in der Einleitung zu diesem Buch (S. 7). Dieses Buch ist das erste, dass „sich als erste Monographie im deutschsprachigen Raum explizit der Kunst von Autisten und (autistischen) Savants verschrieben hat“ (ebd.). Es beschränkt sich auf bildnerische Darstellungen (Malerei) und lässt andere Kunstformen außen vor.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in drei Teile.

Teil 1 widmet sich stark dem zentralen Anliegen des Buches: die Eröffnung einer neuen Perspektive, nämlich Autismus im Lichte der Stärken-Perspektive. Anstatt auf umfangreiche Definitionen von autistischen Spektrumsstörungen einzugehen, greifen die Autoren auf Studien und Erkenntnisse aus den USA zurück, die sich viel eher an der Stärken- und Fähigkeitenperspektive orientieren. Den Autoren zufolge ist auch die Annahme, dass mit der autistischen Behinderung häufig eine intellektuelle Beeinträchtigung einhergeht, inzwischen insofern überholt, als die angenommene Häufigkeit überhöht ist (S. 13). Die Autoren beleuchten auch die Selbstvertretungsinitiativen betroffener Menschen und stellen dazu fest: „alles in allem haben wir es mit einer rasanten, kaum mehr überschaubaren Entwicklung auf dem Gebiete der Selbstvertretung autistischer Menschen zu tun, welche auch unsere Breitengrade erfasst hat“ (S. 20). Allerdings wird in diesem Zusammenhang auch konstatiert, dass diese Bewegungen in Deutschland nur wenig wahrgenommen werden. Eine Diskussion um den Begriff der Stärken sowie ein kritisches Resümee schließen das Kapitel ab.

Teil 2 stellt Personen und Persönlichkeiten (Autisten und Savants) im Einzelnen vor. Dabei geht es zum einen um die Personen, zum anderen um deren Werke. In einem ersten Schritt werden auf historische Berichte Bezug genommen und zwei Persönlichkeiten dargestellt. Die Begriffe Savants (und neurologische Befunde dazu) und Kunst werden in dem folgenden Kapitel diskutiert ebenso wie die Problematik, ob und wie Kunst miteinander verglichen werden kann. Mit der Überschrift „über die Vielfalt einer außergewöhnlichen und unkonventionellen Bildnerei“ beginnt dann die Vorstellung der ausgewählten Künstlerinnen und Künstler, was auch deutlich macht, dass es hier nicht um strenge kunsthistorische Maßstäbe geht, sondern um die Anerkennung von individuellen Ausdrucksformen und künstlerischen Leistungen, die sich eben so unterschiedlich darstellen. Die ausgewählten 12 Persönlichkeiten stammen aus unterschiedlichen Ländern und Kontinenten: von den USA über England, Schottland, Holland und Deutschland spannt sich der Bogen.
Jede(r) Künstler(in) wird in einem eigenen Kapitel dargestellt mit Beispielen aus den Werken. Diese werden erläutert und interpretiert. (Farbige) Abbildungen vermitteln den Lesern Eindrücke von den Werken. In einer Schlussbemerkung kommen die Autoren zu der Auffassung, dass es keine „autistische Kunst“ gibt (S. 112) im Hinblick auf eine möglicherweise spezifische Stilart. Wohl gibt es aber spezifische Merkmale, die häufiger bei diesem Personenkreis anzutreffen sind wie spezifische Themen, bestimmte Objekte, fotografische Gestaltungen u.a.

Im dritten Teil gehen die Autoren auf die pädagogische Kunsttherapie ein. Ihre Anmerkungen beziehen sich in erster Linie auf den schulischen Unterricht, aber sie weisen zu Beginn auch darauf hin, dass die Ausführungen auch für die außerschulischen Arbeitsfelder gelten. Insbesondere im Kontext der UN-Konvention „kann das Anliegen der therapeutisch-ästhetischen Erziehung nicht hoch genug eingeschätzt werden“ (S. 118). Dabei betrachten die Autoren die Lehrpläne der Bundesländer und stellen fest, dass zwischen den Bundesländern erhebliche Unterschiede bestehen. Einige Bundesländer haben zwar in den Lehrplänen einen Stichwortkatalog dazu, legen aber keine Richtlinien zur Umsetzung fest. Andere Bundesländer sind da viel präziser. Außerdem fehlt es häufig auch an qualifizierten Lehrkräften, damit der Unterricht nicht zu einer „Stegreif-Didaktik“ (S. 120) mutiert.
Das Anliegen der Autoren ist die Entwicklung einer Stärken-Perspektive für die schulische und außerschulische Betrachtung. Dazu stellen sie ein Unterrichtsmodell mit verschiedenen Phasen dar, in dem es um die künstlerische Bildung von Schülerinnen und Schülern mit Störungen aus dem Autismusspektrum geht. Dabei geht es um ein Lernen mit allen Sinnen, um die Persönlichkeitsentwicklung und nicht vordergründig „nur“ um bestimmte Fertigkeiten und Fähigkeiten oder Ausdrucksvermögen. Gleichzeitig sollen auch autismusspezifische Aspekte wie Gemeinschaftsfähigkeit und Kommunikation damit berücksichtigt werden.

Diskussion

Die Autoren kritisieren die defizitorientierte Sichtweise auf autistische Menschen und führen in diesem Zusammenhang die charakteristischen Kurzmerkmale (Beeinträchtigungen der sozialen Interaktion und zwischenmenschlichen Beziehungen; Beeinträchtigungen der Kommunikation; eingeschränktes Repertoire an Interessen und Aktivitäten, S. 15f.) als Beispiele an. Diese sind aber keine Charakteristika von Personen, sondern dienen als Kurzcharakteristika zur Beschreibung eines Phänomens.

Ebenso unschlüssig wie die Autoren bleibt auch der Rezensent, was die Darstellung und Herausstellung von Kunst von Menschen mit Störungen aus dem autistischen Spektrum betrifft. Im Juni 2010 fand die erste bundesweite Ausstellung von Kunst von Menschen mit Störungen aus dem autistischen Spektrum (http://initiative-akku.org) in den Documenta-Hallen in Kassel statt (im Buch auch auf S. 112 erwähnt). Muss es ausdrücklich betont und herausgestellt werden, dass es sich bei der Ausstellung wie auch bei diesem Buch um Kunst von Menschen mit Störungen aus dem autistischen Spektrum handelt? Ist es nicht so, dass Kunst vielmehr für sich sprechen muss, Menschen davon angesprochen werden und die Exponate für sich eine bestimmte Sprache darstellen? Die Antwort hierzu bleibt in der Schwebe – Argumente gibt es für beide Meinungen. Die Autoren des Buches haben einige typisierende Merkmale herausgearbeitet, die für die Kunst dieses Personenkreises kennzeichnend sind; insofern ließe sich ein Plädoyer für die Zuordnung zu einem Personenkreis durchaus vertreten. Da wo Kunst auch als Ausdruckmedium, als Mittel zur Kommunikation und als Moment der Persönlichkeitsbildung im Sinne einer umfassenden Bildung angesehen wird, da bedarf es einer eindeutigen Zuordnung zu einem spezifischen Personenkreis, denn die Autoren stellen zu Recht heraus, was dieses speziell für autistische Menschen bedeutet.

Soweit der Rezensent es übersieht, gibt es in Deutschland eine Reihe spezialisierter Einrichtungen für autistische Menschen, die schon seit vielen (teilweise über 20) Jahren mit künstlerischen Mitteln als Ausdrucksmedium und als kreatives Moment der Lebensgestaltung arbeiten (z.B. Pflege- und Lebensgemeinschaft in Wuppertal, Weidenhof in Hitzacker, Haus Burberg in Düsseldorf, Haus Agathaberg in Wipperfürth und andere). Diese finden in diesem Buch leider keine Erwähnung bzw. es wird auf deren Erfahrungen nicht zurückgegriffen. Dabei handelt es sich in diesen Einrichtungen nicht um Kunst im Verborgenen, sondern auch um eine öffentlichkeitswirksame Arbeit mit diversen lokalen Ausstellungen.

Das Buch müsste ergänzt werden im Hinblick auf andere künstlerische Ausdrucksformen, wobei das nicht Aufgabe dieses Buches sein kann und muss, sondern weiteren Publikationen vorbehalten ist. Allerdings –darauf weisen die Autoren auch hin- führen die künstlerischen Begabungen und Ausdrucksmöglichkeiten nicht zur kompletten Kompensation der autistischen Behinderung. Insofern muss vor einer überhöhten Erwartungshaltung insgesamt gewarnt werden.

Fazit

Ein Buch, das eine lohnenswerte Diskussion anstoßen kann und hoffentlich auch anstößt. Im Sinne der Stärken-Perspektive ist auch ausdrücklich zu wünschen, dass sich die Künstlerinnen und Künstler selber aktiv an der Diskussion beteiligen. Für die Sozialpädagogik/ Heilpädagogik wird die Frage, ob diese Kunst einer besonderen Herausstellung bedarf und ob in jedem Exponat ein tiefer Sinn zu suchen ist, auch möglicherweise Anlass dafür sein, das Selbstverständnis in Zeiten von Assistenz und Selbstbestimmung der Klienten neu zu diskutieren.

Schade ist, dass das Buch im DIN-A-5 Format erschienen ist. Auch wenn die Abbildungen entsprechend dem Original farbig bzw. s/w sind, so sind die Originale überwiegend mit Sicherheit größer. Die Detailtreue und die Akribie, die in vielen Werken steckt, lassen sich in diesem Format nur mit einer Lupe nachvollziehen. Hier wäre das DIN-A-4 Format (analog zum Katalog der akku-Ausstellung) lohnenswert und den Werken angemessener gewesen.


Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 11.01.2011 zu: Georg Theunissen, Michael Schubert: Starke Kunst von Autisten und Savants. Über außergewöhnliche Bildwerke, Kunsttherapie und Kunstunterricht. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2010. ISBN 978-3-7841-1985-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9923.php, Datum des Zugriffs 03.12.2020.


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