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Joachim Zeller: Weiße Blicke - Schwarze Körper

Cover Joachim Zeller: Weiße Blicke - Schwarze Körper. Afrika im Spiegel westlicher Alltagskultur. Sutton Verlag GmbH 2010. 250 Seiten. ISBN 978-3-86680-412-8. 34,90 EUR.

Reihe: Edition Tempus.
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Kolonialismus der Bilder – nur in der Kolonialzeit?

Von der „Weißseinsforschung“ wird gesprochen – der Tatsache nämlich, dass koloniales, rassistisches Denken und Handeln nicht vom Himmel fiel und auch nicht wieder verschwand, als die ehemaligen Kolonialländer (faktisch) unabhängig und selbständig wurden (vgl. dazu u.a.: Maureen M. Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (Hrsg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster 2006). Und in der erfreulicherweise zunehmenden kritischen Auseinandersetzung mit Kolonialismus und Neokolonialismus zeigt sich die Bereitschaft, die Ursachen und Auswirkungen des (europäischen) kolonialen und imperialen Denkens und Handelns objektiv(er) darzustellen und zu bewerten. Die Darstellungen von Macht und Dominanz als wesentliche Elemente kolonialen und (global-) kapitalistischen Strebens reichen dabei tatsächlich bis in das globale Heute hinein (vgl. dazu: Eva Hartmann / Caren Kunze / Ulrich Brand (Hrsg.), Globalisierung, Macht und Hegemonie. Perspektiven einer kritischen Internationalen Politischen Ökonomie, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2009, vgl. die Rezension). Um so wichtiger ist es, danach Ausschau zu halten und selbstkritisch danach zu fragen, „wie wir geworden sind, wie wir sind“; vor allem, um uns zu ändern – vor allem deshalb, um den notwendigen Perspektivenwechsel in der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden, globalen Einen Welt mitgestalten zu können (vgl. dazu: Matthias Horx, Das Buch des Wandels. Wie Menschen Zukunft gestalten, DVA, München, 3. Aufl., 2009, vgl. die Rezension).

Autor, Entstehungshintergrund und inhaltliche Strukturen

Der Berliner Historiker, 1958 in Swakopmund / Namibia, der ehemaligen deutschen Kolonie Südwest-Afrika geborene Joachim Zeller, hat sich daran gemacht, ausgewählte koloniale Dokumente, überwiegend Aufnahmen, die als Ansichts-(post)karten in vielfacher Weise die kolonialen und imperialen Auffassungen der Zeit öffentlich dargestellt und verbreitet haben. Der Hamburger Sammler Peter Weiss zeigt sie in seinem Museum (www.postcard-museum.com). Diese und weitere Dokumente benutzt der Autor, um daran „einige Aspekte der Imagologie des `Eigenen` und des `Fremden` zu verdeutlichen, was er „visueller Kolonialismus“ bezeichnet.

Es sind die in den Postkarten vieltausendfach verbreiteten Motive, fotografischen Einstellungen und Darstellungen, die zum einen die „exotischen Sehnsüchte“ der Europäer aufnehmen, zum anderen die wohligen Gewissheiten von „kultureller Überlegenheit“ ausdrücken, die in den zahlreichen Forschungs- und Abenteuerberichten Ausdruck fanden; etwa, wenn der honorable und anerkannte Sprach- und Afrikaforscher, Missionar, Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften und Direktor des Londoner International African Institute, Diedrich Westermann (1875 – 1956) in einem Beitrag „Der afrikanische Mensch und die europäische Kolonisierung“ (1939) schreibt: „Das Geschick des Afrikaners ist für alle absehbare Zeit mit dem des Europäers aufs engste verbunden, ja es ist von ihm abhängig, er ist der Schüler und Arbeitnehmer, wir die Lehrer und Arbeitgeber, aber auch: wir sind die Herren und er der Untergebene“ (vgl. dazu: Jos Schnurer, Der Afrikaforscher Diedrich Westermann, in: Geschichte, Politik und ihre Didaktik, 3 / 4 – 1995, sowie: „Der Europäer kann gar nicht in Afrika leben, ohne die Eingeborenen zu erziehen…“, in: GEP, Geschichte – Erziehung – Politik 1/96). In 18 Kapiteln stellt Zeller die volkstümliche Einstellung in Frage, dass ein Bild mehr als tausend Worte sagt, indem er uns auffordert, Bilder zu kommentieren und gegen den (historischen und manipulativen) Strich zu lesen. Der „visuelle Kolonialismus“ will damit nicht nur zu einer redliche(re)n Auseinandersetzung mit den abgebildeten und den wirklichen kolonialen Situationen beitragen, sondern auch gegenwartsbezogen und zukunftsorientiert bewusst machen, dass „eine Verständigung zwischen Afrika und Europa … ohne eine Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe nicht funktionieren“ kann. Zeller gliedert sein reich illustriertes, mit mehr als 400 Abbildungen versehenes, großformatiges Buch in 18 Kapitel, in denen er den Blick des Weißen zum Exoten dokumentiert: Sie reichen vom Wilden, über die Witzfigur, bis zum „Schauneger“ in den Menschenzoos und Völkerschauen in den europäischen Großstädten; aber auch zu den glamourösen Sehnsüchten nach sexueller Stärke und den entsprechenden Ängsten der europäischen Männer darüber; nicht zuletzt auch zu den imperialen Raum-Hoffnungen und Allmachtstreben der europäischen Mächte; und zu den Schmuckelementen, wie sie die europäischen Majestäten und Feudalaristokraten gern als „Hofmohren“ nutzten; und schließlich zu den Bemühungen um gesellschaftliche und nationale Anerkennung der Afro-Deutschen heute.

Auf diesem Weg der geschichtlichen Aufbereitung des kolonialen Denkens und Handelns kommt der Autor zwangsläufig zu der Auseinandersetzung mit den aktuellen Rassismen , die in unserer Gesellschaft virulent sind; nicht immer bewusst ausgedrückt, sondern im alltäglichen Rassismus sich unreflektiert zeigend. Das Bilderbuch stellt mit den vielfältigen Zugangsweisen und Fragestellungen nach unserem Verhältnis zum „Fremden“ und zum „Anderen“ deshalb eine heilsame Provokation dar, als Aufforderung zum Perspektivenwechsel in unserem vielfach allzu sicher eingenisteten Gewissheiten und Überheblichkeiten. Der einfachen Formel – „Ein Mensch ist ein Mensch“ – könnten wir leichter habhaft werden, gelänge es, unseren (weißen) Blick als humanen einzurichten. Denn der Alltagsrassismus treibt nach wie vor seine abstrusen Bilderfrüchte, und in der Werbung unreflektierte Auswüchse. Ob wir von „Negerküssen“ reden, das Lied von den „Zehn kleinen Negerlein“ singen (der Hannöversche Erziehungswissenschaftler Wulf Schmidt-Wulffen hat übrigens ein interessantes Buch in Arbeit, in dem er die verschiedenen Versionen der Verse und Zeichnungen aus allen Herren Ländern darstellt), oder sexistische (verführerische) Hochglanzfotos in den Illustrierten und Werbeanzeigen, immer stellt nach wie vor das Exotische, Faszinierend-Fremde oder Abschreckend-Bedrohliche das Motiv dar – übrigens trotz von mittlerweile in der deutschen Gesellschaft scheinbar angekommenen Schwarzen Deutschen, etwa in der deutschen Fußballnationalmannschaft.

Fazit

Der „visuelle Kolonialismus“, als „Kolonialismus der Bilder“ entlarvt, darf nicht als eine vergangene, historische Reminiszenz gedeutet werden. Bei der Frage „Wie sind wir geworden, wie wir sind“ hat Geschichte natürlich eine Bedeutung; und sie setzt sich fort in unserer alltäglichen Gegenwart. Damit es gelingt, den globalen und humanen Perspektivenwechsel zu vollziehen, in unserem Alltagsdenken und –handeln genau so wie in unserer Existenz als zôon politikon, ist die Auseinandersetzung mit der „visual history“, dem „iconic turn“ und der kritischen Nachfrage nach der Bedeutung und Manipulationskraft eines Ab-Bildes notwendig. Joachim Zeller leistet diese Aufklärungsarbeit mit seinem Buch!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 16.08.2010 zu: Joachim Zeller: Weiße Blicke - Schwarze Körper. Afrika im Spiegel westlicher Alltagskultur. Sutton Verlag GmbH 2010. ISBN 978-3-86680-412-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9924.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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