socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Torsten Heinemann, Christine Resch (Hrsg.): (K)ein Sommermärchen

Cover Torsten Heinemann, Christine Resch (Hrsg.): (K)ein Sommermärchen. Kulturindustrielle Fußball-Spektakel. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2010. 235 Seiten. ISBN 978-3-89691-795-9. 24,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Entstehungshintergrund

Die Herausgeber, Torsten Heinemann und Christine Resch, sind Soziologen aus Frankfurt am Main. Das Buch umfasst 21 Beiträge, davon 6 von Heinz Steinert, der jeweils theoretisch überbaut, was seine Mitstreiter – 7 Studierende, 2 Doktoranden, 6 wissenschaftliche Mitarbeiter - faktisch behaupten. Heinz Steinert, emeritierter Professor für Soziologie sowohl in Frankfurt/Main als auch in Wien/Donau scheint der Spiritus Rector des Sammelbandes zu sein.

Das Buch ist während der Fußball-WM 2010 erschienen. Gegenstand ist die Fußball-Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz. Angeregt wurde man durch die Ereignisse rund um die Fußball-WM 2006 in Deutschland. Für das Turnier in den Alpenländern beschloss man die Achse Frankfurt – Wien zu schmieden und „Ereignis-Forschung“ zu betreiben, eine noch wenig ausbuchstabierte empirische Disziplin. Das Ergebnis der Bemühungen ist das vorliegende Buch.

Wie kommt kollektive Begeisterung zustande?

Zentrales Erkenntnisinteresse: Wie wird anlässlich eines Fußball-Großereignisses öffentliche Begeisterung, die im wesentlichen aus „organisierter Regression“ (S. 27), „zugelassener Infantilisierung“ (S. 76) und „Konzentration schlechten Benehmens“ (S. 151) besteht, sozialtechnologisch hergestellt und also zum Produkt der „Kulturindustrie“? Welchen Anteil haben der Fußball und seine Organisatoren daran? Welchen Anteil hat die Medienberichterstattung, vor allem die Inszenierungskunst des Fernsehens? Welchen Anteil hat das das Event-Management mit seinen „Fan-Meilen“, „Fan-Festen“ und vor allem dem „Public-Viewing“? Wir erfahren, dass „Public Viewing“ im großen Stil tatsächlich eine Erfindung der WM 2006 in Deutschland ist. Damit geht Deutschland, wie einst Mexiko 1986 mit seiner „La-Ola-Welle“, in die Annalen der „Verbiederung der Fußballkultur“ ein.(vgl. S. 225) Public Viewing ist, technokratisch betrachtet, die Antwort der modernen Übertragungstechniken auf den Umstand, dass bei der WM 2006 nur ca. 800 TSD Eintrittskarten zur Verfügung standen „bei etwa 35 Millionen Interessenbekundungen“. (S. 99). Der unerwartet große Erfolg des Public Viewing wird nur dürftig und semi-soziologisch erklärt: „kostenloser Stadion-Ersatz“ und die Gelegenheit, einen „Fernsehabend in Gesellschaft und im Freien“ zu verbringen. (vgl. S.109) Kein Wort über die ungestillte Sehnsucht nach „geteilten Gefühlen“ und dem „Zusammen-Erleben“ von Gemeinschaftsereignissen im Spätkapitalismus.

Der Hintersinn manipulierter Begeisterung

Es gibt verschiedene inhaltliche Qualitäten der Spannung und Begeisterung, die in Großereignissen wie Fußballturnieren, aber auch in anderen Festen und Feiern aufgebaut und entladen werden: Begeisterung „kann narzisstisch sein (Begeisterung und Freude über die eigene Person – das Paradigma ist der ekstatische Tanz); erotisch (Begeisterung über attraktive andere – das starke Beispiel wäre die Orgie); oder aggressiv (Begeisterung in der kollektiven Identifikation gegen einen gemeinsamen Feind – von der Wirtshausschlägerei bis zur Kriegsbegeisterung).“(S. 33) Fußball-Meisterschaften sind traditionell aggressiv geladen. Also gilt der Gewaltprävention eine besondere Aufmerksamkeit. Das Buch spricht von „Sicherheitswahn“ und schildert einige Exzesse der „Crowd Control“ während der EM 2008. (vgl. S. 137ff) Das alles ist nicht neu und bereits mehrfach thematisiert. Interessant wird es da, wo die Gewaltprävention als Vorwand beschrieben wird, um den modernen Stadionbesucher als Ko-Produzent seiner Überwachung und Fremdsteuerung zu konditionieren. Die Erfolge sind offensichtlich: Heute gleicht der Eintritt in ein Fußballstadion der Abführung von Schwerbrechern durch die Polizei. Die Stadiongänger nähern sich mit hoch erhobenen Händen den Eingangsschleusen; sie lassen sich von oben bis unten abtasten und enteignen: „Trinkflaschen dürfen nicht mit hinein!“, um sich dann im Innenraum ihre Getränke zu überteuerten Preisen zu kaufen. Im total videoüberwachten Stadion bewährt sich das gehorsame Wesen des domestizierten Stadionbesuchers auch stimmungstechnisch: Er ist bereit, auf Befehl zu jubeln, zu winken, zu hüpfen („Wer nicht hüpft, der ist kein Deutscher!“) und „die Welle“ zu machen. „Freiwillige Entmündigung“ (S. 130) nennt das Buch diese Dressur. - Wer ein Stadion betritt, wird zum idealen Rattenfänger-Kunden erzogen. Nicht zuletzt dieser Effekt, meint Steinert, sei für den Staat Grund genug, große Fußballturniere durch Infrastruktur- und Sicherheits-Ausgaben zu subventionieren. (vgl. S. 232) – Zumindest eine für den kritischen Geist reizvolle Hypothese!

Wie wird kollektive Begeisterung abgebaut?

Einen besonderen Akzent legt das Buch auf die Frage: Was geschieht, wenn die „Party“ vorbei ist? Wie kommen die Fußballanhänger wieder „herunter“ von ihrer euphorischen Hochgestimmtheit, wenn die eigene Mannschaft ausgeschieden ist? Gibt es eine Stille nach dem Aus? Diverse Mechanismen der Enttäuschungsverarbeitung werden erörtert:

  • Leugnung (der Niederlage): „Wir sind trotzdem die Besseren.“ „Wir sind Europameister! Europameister der Pechvögel.“
  • Schicksal: „Die launische Fortuna wollte uns nicht zur Seite stehen.“
  • Projektionen: Nicht wir sind schuld, andere sind schuld: der unfaire Gegner, das unfähige Schiedsrichtergespann, der schlechte Rasen, das Wetter etc.
  • Objektwechsel: Man wechselt aus Rachegelüsten die Anhängerschaft. „Ab sofort sind wir gegen die Mannschaft, die uns rausgeworfen hat und drücken jeder Mannschaft die Daumen, die gegen unseren Bezwinger spielt.“
  • Tröstungen: „Wer hätte vor Turnierbeginn gedacht, dass wir so weit kommen würden.“ „Unsere Mannschaft war besser als erwartet.“ „Beim nächsten Mal werden wir es schaffen.“
  • Relativierung: „Es gibt andere Probleme und Ereignisse, die wichtiger sind als Fußball.“ „Ist doch nur ein Spiel.“

Neuer Partyotismus oder alter Nationalismus?

Hat die Stimmung und Euphorie, die bei globalen und kontinentalen Fußballturnieren aufgebaut wird, eine tendenziöse Richtung oder ist sie bloß „Spaß an der Freude“? Die Antwort des Buches: „Nationalismus ist das Bindeglied der öffentlichen Begeisterung.“ (S. 66) Auch der fröhliche Patriotismus des Jahres 2006 in Deutschland, der wegen seiner Feierlaune „Partyotismus“ getauft wurde, war nichts als Chauvinismus hinter karnevalesker Fassade, behaupten die Autoren. (vgl. S. 200ff) Folglich begeisterte die Österreicher beim Turnier 2008 am meisten die Vorstellung, die Deutschen könnten frühzeitig und unter ihrer tätigen Mithilfe aus dem EM-Turnier ausscheiden und nach Hause fahren. Offenbar verkommt unter der nationalistischen Prämisse jede Fußballbegeisterung zur Schadenfreude und zum „boshaften Triumph“. (vgl. S. 65) – Aber vielleicht ist diese Sichtweise auch nur der subjektiven Schwarzrotgold-Allergie geschuldet, die die Herausgeber wiederholt bekennen.

Zweifelhafte Geschäfte

Dass die EM 2008 auch ein Geschäft war, betonen und analysieren drei Beiträge des Buches. Vor allem für den Veranstalter, den Europäischen Fußballverband UEFA, der einen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro bilanziert. Die Haupteinnahmequellen sind Lizenzverkäufe für die Übertragungsrechte (an die Fernsehanstalten) und Werbeeinnahmen. Der Ticketverkauf macht nur rund 10% des Umsatzes aus. Zu Beginn des modernen Fußballspiels waren es 100%.

Wie schon die WM 2006 für Deutschland, so zeitigte auch die EM 2008 für Österreich keine nennenswerten positiven volkswirtschaftlichen Effekte. (vgl. S. 190 f) Im Einzelhandel ist weder der Umsatz noch die Zahl der Beschäftigten gestiegen, obwohl beides prognostiziert worden war. Also veranschlagt man immaterielle Image-Zugewinne („Österreich als weltoffenes und gastfreundliches Land“ – war das Land, das vom Tourismus lebt, vorher das Gegenteil?) mit einem Gegenwert von 150 Millionen Euro, um überhaupt auf eine ausgeglichene ökonomische Bilanz für das Gastgeberland zu kommen.

Fazit

Nein, ein erneutes „Sommermärchen“ war die Fußball-Europameisterschaft 2008 in der Schweiz und in Österreich nicht. Dafür war das Wetter viel zu unbeständig und der Wille, „Deutschland 2006“ zu wiederholen, viel zu aufdringlich. Im übrigen ist der Begriff „Sommermärchen“ ein ideologischer Augenwischer-Begriff: Für 4 Wochen „ermunterte die Herrschaft das Volk, verrückt zu spielen“. (S. 228) Aha, so war das also!

Am Ende des Turniers 2008 waren die Deutschen wieder einmal vorne mit dabei und „Vize-Europameister“. Das ist ein ganz besonderer Titel, erklärt uns das Buch: „Sollte die spanische Mannschaft (als Europameister, KH) einmal verhindert sein, das Amt auszuüben, wird die deutsche die Vertretung übernehmen.“ (S. 87) Ja, auch das gibt es gelegentlich im Buch: Humor und Witz, wenngleich ein wenig bemüht.


Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
E-Mail Mailformular


Alle 91 Rezensionen von Klaus Hansen anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 20.09.2010 zu: Torsten Heinemann, Christine Resch (Hrsg.): (K)ein Sommermärchen. Kulturindustrielle Fußball-Spektakel. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2010. ISBN 978-3-89691-795-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9931.php, Datum des Zugriffs 05.04.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung