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Andreas Hepp, Marco Höhn u.a. (Hrsg.): Medienkultur im Wandel

Cover Andreas Hepp, Marco Höhn, Jeffrey Wimmer (Hrsg.): Medienkultur im Wandel. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2010. 474 Seiten. ISBN 978-3-86764-212-5. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR, CH: 54,90 sFr.

Deutsche Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft: Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft - Band 37.
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Entstehungshintergrund und Thema

Der Tagungsband ist das Ergebnis der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft, die 2009 in Bremen stattgefunden hat. Er stellt unterschiedliche medienwissenschaftliche Forschungsergebnisse und Studien vor. Die Entwicklung der Medien und der Wandel der Medienkultur, wie z.B. durch die Etablierung des Internets, sowie durch die globale Verbreitung von Kommunikation, stellen die Medienwissenschaft vor neue Untersuchungsfelder, die den kulturellen Wandel und den Wandel von Medienkommunikation beschreiben können.

Aufbau

Der Tagungsband vereint achtundzwanzig verschiedene Artikel, die sieben verschiedenen Rubriken zugeordnet sind. Das Herausgebertrio Andreas Hepp, Marco Höhn (beide Universität Bremen) und Jeffrey Wimmer (TU Ilmenau) führt im ersten Text in das Thema ein. Hierbei gehen sie auf die forschungsgeschichtliche Schreibung der Medienwissenschaften ein und sehen im Fachgebiet sieben verschiedene Theoriezugänge, die aber in der Gliederung keinen Niederschlag finden.

1. Theorien der Medienkulturforschung

David Morley verortet die Diskussion um die „neuen Medien“ in seinem Text Kulturen, Wandel und Technologien in einen historischen Zusammenhang, besonders in Bezug auf ihre „magischen Heilsbringerfunktionen“. Er stellt das Konzept des „technology-in-use“ dem Innovations-Zentrismus entgegen und macht klar, dass ein Nebeneinander von Technologien existiere und dass viele „revolutionäre Neuerungen“ lediglich Weiterentwicklungen gewesen seien.

Robin Mansell wirft in ihrem Aufsatz Macht, Medienkultur und die neuen Medien einen historischen Blick auf die Entwicklung von Informations und Kommunikationsmittel. Sie verweist auf ihre dialektische Beziehung, zwischen Teilhabe (an politischen Entscheidungen, in Netzwerken) und Abhängigkeit (bzgl. von Information), und dass neue Medien sowohl zur kollektiven Intelligenz und Empowerment wie auch zur staatlichen Überwachung und Entmachtung seiner Bürger dienen können.

Tanja Thomas versucht in ihrem Artikel Perspektiven kritischer Medienkulturtheorie und -analyse diese praktisch am Format des Lifestyle-TVs aufzuzeigen. Sie sieht eine in diesem Format inhärente Tendenz zur Individualisierung und Vergesellschaftung, in dem eine prinzipielle Wahlfreiheit mit dem Mythos des individuellen Aufstiegs bei Leistungsbereitschaft medial inszeniert werde.

Friedrich Krotz stellt in seinem Beitrag Kommunikations- und Medienwissenschaft unter den Bedingungen von Medienkultur Begriffe von Kommunikation, Medienkultur und Mediatisierung aus verschiedenen Blickwinkeln vor. Für ihn steht die Bedeutung von Kommunikation für das Werden der Kultur an zentraler Stelle.

2. Historische Dimension des Medienkulturwandels

Hans Adler bekräftigt in seinem Aufsatz Werte der Aufklärung – Aufklärung der Werte seine These, dass die Medien seit der Epoche der Aufklärung einen Funktionswandel durchlaufen haben: Von Werte-Vermittlern zu Werte-Setzern. Damit haben die Medien eine konstituierende Funktion übernommen.

Holger Böning und Michael Nagel zeigen den Kultur- und Medienwandel seit der frühen Neuzeit aus der Sicht der historischen Presseforschung und „…wie ein neues Medium den Alltag vollkommen verändern kann“ (121). Dabei ist es in ihrer Untersuchung nicht unbedingt die technische Neuerung, wie der Druck, die einen solchen Wandel auslöse, sondern eine schleichende Mentalitätsveränderung, die dazu führe, wie z.B. die Entstehung einer bürgerlichen Öffentlichkeit durch kritische Debatten im späten 17. Jahrhundert.

Irene Neverla beschreibt die Zeit als Schlüsselkategorie der Medienkultur und ihrer Wandlungsprozesse anhand der Forschungsfelder Aktualität, Medien als Zeitgeber und der Zeitgestaltung im Alltag. Die Zeitkultur habe sich seit dem Mittelalter über die ocassionelle Zeitordnung, die zyklische des 18. und 19. Jahrhundert, die abstrakt-lineare der Moderne zu einer polychronen Zeitkultur entwickelt, in denen die Medienkultur heutzutage sowohl „Symptom aber auch Agens“ (144) sei.

3. Politische Diskurskulturen und transkulturelle Kommunikation

Ein sechsköpfiges Autorenkollektiv um Dominika Biegoń stellt seine Studie Politische Diskurskulturen und die Legitimation (inter-) nationaler politischer Ordnungen vor, in der, anhand von Zeitungsartikeln aus Deutschland, Schweiz, Großbritannien und der USA, die Frage nach der Legitimation des Nationalstaates, sowie von überstaatlichen Organisationen wie EU oder G8 untersucht werden und kommen zu dem Ergebnis, dass dieser Diskurs in den Ländern unterschiedlichen Mustern zu folgen scheint.

Stig Hjavard sieht in seinem Artikel Die Mediendynamik der Mohammed-Karikaturen Krise eine performative Beteiligung und konstituierende Rolle der Medien, die in einer (re-)politisierten lokalen Presse, hier in Jütland/Dänemark, angestoßen wurde, aber im globalen Mediensystem eine nicht mehr kontrollierbare Dimension erhalten habe.

Hartmut Wessler und Maria Röder untersuchen in Politische Diskurskulturen im interkulturellen Vergleich den Einfluss kultureller Faktoren und Prägungen im Vergleich von Talkshows in Deutschland und im arabischen Raum. Die beiden Autoren stellen in ihrer Analyse fest, dass unterschiedliche Diskurskulturen vorliegen und plädieren für eine kontextualisierte Beschreibung solcher.

Katharina Kleinen-von Königslow sieht in ihrer Untersuchung verschiedener Medien zu Kollektive Identität in der politischen Diskurskultur Ost- und Westdeutschlands die nationale Gemeinschaft als Objekt kollektiver Identifikation, die jedoch teilweise in unterschiedlichen Mustern der Identifikationsherstellung, sowie bei speziellen Themen divergieren können.

4. Journalismuskulturen

Matthias Karmasin und Daniela Kraus arbeiten in Culture„s Consequences die Unterschiede der Journalismuskultur in Deutschland und Österreich heraus. Sie sehen Gemeinsamkeiten und Unterschiede, die sie aus ihrer jeweiligen historischen Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg und mit den verschiedenen Ausbildungssystemen erklären.

Thomas Hanitzsch stellt in seiner Untersuchung Professionelle Milieus im journalistischen Feld aus der Studie „World of Journalism“ fünf Milieus fest, die in allen 17 untersuchten Ländern wiederzufinden seien, warnt jedoch davor, diese Studie überzuinterpretieren.

Vinzenz Wyss und Guido Keel betrachten Schweizer Journalismuskulturen im Vergleich und sehen anhand von zwei im Abstand von zehn Jahren abgehaltenen Befragungen robuste Muster und Unterschiede zwischen der deutschen und französischen Schweiz.

5. Medien, Migration und diasporische Medienkulturen

Andreas Hepp [et al.] stellen in Mediale Migranten Unterschiede zwischen „Herkunftsorientierte“ (z.B. Türken), „Ethnoorientierte“ (z.B. Deutsch-Türken) und „Weltorientierte“ (u.a. Europäer) dar, die in einer Wechselbeziehung zwischen kultureller Identität und kommunikativer Vernetzung stehen und regen dazu an, dass diese Typologie eine differenzierte Forschung begleiten kann.

Caroline Düvel untersucht die Dimensionen des Medienkulturwandels anhand einer Analyse kommunikativer Vernetzungsprozesse bei jungen russischen Diasporaangehörigen und kommt zu dem Schluss, dass durch den Einsatz neuer Medien eine erweiterte, aus dem diasporischen Milieu hinausgehende Vernetzung stattfinde und hier in der Forschung ein Perspektivwechsel auszumachen sei.

Ricarda Drüecke [et al.] untersuchen in ihrem Artikel Der Schleier als identitätsstiftendes Symbol in medialen Räumen die unterschiedlichen medialen Identitätsräume (geopolitische, identitätsstiftende und Zwischenräume) und erkennen in Bezug auf den Diskurs um den Schleier eine defizitäre Berichterstattung in den europäischen Medien. Dabei liege das Potential neuer Blickwinkel in den Migranten, die sich dem Zwischenraum zugehörig fühlen.

Annett Heft [et al.] stellen die Ergebnisse einer LfM Studie zu Medienkulturen junger Migranten in Deutschland vor, die die Kulturation russischer sowie türkischer Migrantenjugendlicher untersucht. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass türkische Jugendliche häufiger als russische sich auf Herkunftsmedien informieren, aber insgesamt deutsche Medienangebote bei beiden Gruppen einen höheren Stellenwert haben als angenommen.

6. Netz- und Spielkulturen

Uwe Hasenbrink [et al.] stellen einen Aspekt ihrer Studie Das Social Web in den Medienrepertoires von Jugendlichen und jungen Erwachsenen vor. Neue Medien werden von ihnen in ihr Alltagsleben eingebunden und dienen der Kontaktpflege. Aufgrund der Intensität der Nutzung ergeben sich daraus zwangsläufig Konsequenzen für die etablierte Medien.

Jeffrey Wimmer sieht in »More than a game« Computerspiele als ein Leitmedium unserer Gesellschaft und plädiert für einen Blick auf die Kultur des Computerspielens, da es sich um ein höchst komplexes kommunikatives Phänomen handle.

Computerspiele verweisen nach Wimmer auf Identitätsräume, die sowohl de- als auch einen reterretorialen Charakter besitzen. Caja Thimm verfolgt den Wahlkampf von Obama in ihrem Beitrag President 2.0? und macht das Potential der sogenannten neuen Medien für die politische Kommunikation deutlich. Sie beschreibt wie, über Blogger-Activism, Online-Grass-Rooting und die Präsenz in der Online Szene, Obama eine Verbindung zu seinen Wählern aufgebaut hat.

Sigrid Baringhorst [et al.] stellen in Unternehmenskritische Kampagnen im Netz ein Gegenmodell zu den pessimistischen Visionen des Mediengebrauchs und zu Crouchs „passiven Konsumenten“ auf. Die Autoren sehen das Potential des aktiven Konsumenten, bzw. des aktiven Netzbürgers, im politischen Diskurs.

7. Medienkulturelles Rollenhandeln in Journalismus und Alltag

Bjørn von Rimscha und Gabriele Siegert haben eine Studie (Unterhaltung jenseits des Klischees) zum Rollenverständnis von Unterhaltungsproduzenten im deutschsprachigen Raum durchgeführt und fordern die Forschung dazu auf, aufgrund der Heterogenität der Unterhaltungsproduktion auch die unterschiedlichen Segmente dieser Branche zu berücksichtigen.

Anhand von individuellen Biografien entwirft Bernd Blöbaum in seiner Studie Irgendwas mit Medien das Rollenverständnis von in den Medien arbeitenden Menschen, während Claudia Riesemeyer eine ähnliche Studie in Traumjob oder Albtraum? mit Auslandskorrespondenten durchgeführt hat. Beide stellen das Selbstverständnis der jeweiligen Berufsgruppen dar.

Der letzte Artikel Medienalltag und Beziehungen von Christine Linke hat die Kommunikation von zehn Paaren in Bezug auf Medien untersucht und kommt zu dem Schluss, dass sich bei Paaren ein gemeinsames kommunikatives Repertoire etabliert und fortwährend weiterentwickelt habe.

Diskussion

Dieser Tagungsbund ist von hoher Dichte und vereint interessante Artikel von namhaften Autoren. Er zeigt die aktuelle Forschung zum Themengebiet der Medienkultur auf, beschreibt ihre Entwicklung und begleitet ihren Wandel. Die thematische Aufteilung der Rubriken ist schlüssig und stellt die enorme Bandbreite der Medienwissenschaft dar. Im Zentrum steht eine kontextualisierte Sichtweise auf die Medien.

Die theoretische Einführung in der ersten Rubrik ist überzeugend und wird mit den Autoren Morley und Mansell aus London international angeführt. Die historische Betrachtung im zweiten Teil zeigt auf, dass Veränderung und Wandel stets einen Diskurs um die Medien begleitet habe. Besonders hervorzuheben ist der Artikel von Neverla zum Aspekt der Zeit, deren Management in der heutigen Welt einen enormen Stellenwert übernommen hat. Die Herrschaft über die Zeit spielt heutzutage eine enorme Rolle, so dass „Echtzeitfernsehen“ einen Aspekt der Entschleunigung beherberge (vgl. 144). Dieser Aspekt des modernen Lebens gehört auch in anderen Bereichen untersucht.

In der dritten Rubrik zeigen die Autoren, wie die Kommunikation in der internationalen und globalen Welt agiert, dass auf der einen Seite das Lokale auf das Globale wirkt, wie bei der Affäre um die Mohammed Karikaturen, aber die unterschiedlichen Spezifika der Medien lokal noch immer auszumachen seien, so dass das Lokale neben dem Globalen stehe, diese jedoch in der vernetzten Welt immer stärker interagieren. Dies führt zwangsläufig zu nicht einkalkulierbaren Risiken im Medienhandeln, die nur mit Hilfe von kulturellem Verständnis und Aufklärung überwindbar scheinen.

Die folgenden vier Rubriken untersuchen jeweils verschiedene Medienteilnehmer, wie Journalisten, Medienschaffende, Nutzer mit Migrantionshintergrund und allgemein Netzuser. Die kurz vorgestellten Studien geben einen Einblick auf die sich verändernde Welt und zeigen die Menschen, die daran involviert sind.

Fazit

„Medienkultur im Wandel“ ist ein wichtiger Beitrag in der Diskussion um die Medien und wie sie unsere Welt verändern. Dabei beleuchten die Autoren, dass diese Phänomene weder neu sind, noch dass sie zu dystopischen Zuständen führen müssen. In einer verständlichen Sprache und mit fundierten Untersuchungen stellt sich dieser Band kritisch, aber nicht ablehnend dem Wandel, zeigt wie die Medienkultur funktioniert und welches Potential ihre stete Weiterentwickelung hat. Das Buch ist nicht ausschließlich für ein Fachpublikum interessant, sondern für alle, die sich mit Medien auseinandersetzen.


Rezension von
Michael Christopher
Filmwissenschaftler, Theaterwissenschaftler und Mitherausgeber der Zeitschrift manycinemas
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Zitiervorschlag
Michael Christopher. Rezension vom 21.01.2011 zu: Andreas Hepp, Marco Höhn, Jeffrey Wimmer (Hrsg.): Medienkultur im Wandel. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2010. ISBN 978-3-86764-212-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9933.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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