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Matthias Richter: Risk behaviour in adolescence

Cover Matthias Richter: Risk behaviour in adolescence. Patterns, determinants and consequences. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 123 Seiten. ISBN 978-3-531-17336-8. 34,95 EUR.

Reihe: VS research.
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Thema

Dass die jeweils herrschende Generation die heranwachsende mit Skepsis betrachtet, ist ein vertrautes Phänomen. Eine zentrale Frage dabei ist, wie die jungen Menschen Verantwortung für ihr Handeln und seine Folgen übernehmen.

Eine Alltagsbeurteilung, die sich durch Erfahrungen im sozialen Nahraum und Medienberichte bildet, täuscht hier schnell. Soziologische Untersuchungen zeichnen in den regelmäßigen Jugendberichten und Jugendstudien ein differenzierteres Bild. Im Fokus der vorliegenden sozialwissenschaftlichen Veröffentlichung von Matthias Richter steht ein Untersuchungsansatz zum gesundheitsbezogenen Risikoverhalten junger Menschen, die in Deutschland leben.

Entstehungshintergrund

„Risk Behaviour in Adolescence“ wurde im Jahr 2009 als Habilitationsschrift an der Universität Bielefeld angenommen. Matthias Richter war wissenschaftlicher Mitarbeiter beim deutschen Jugendgesundheitssurvey und hat den Einfluss sozialer Ungleichheit auf das Gesundheitsverhalten junger Menschen untersucht. Dr. Richter wurde als Professor für Medizinische Soziologie und Sozialforschung an die Universität Bern berufen. Das vorliegende Buch stellt sozialwissenschaftliche Texte zusammen, die Richter seit 2003 aus der Forschungsgruppe um Klaus Hurrelmann heraus veröffentlicht hat. Die Texte sind in englischer Sprache verfasst. Empirische Datenbasis ist die Health Behaviour in School-aged Children (HBSC)-Studie, die 1982 als multizentrische Studie von finnischen, norwegischen und österreichischen Sozialwissenschaftlern initiiert wurde. Zentrales Erhebungsinstrument ist ein gemeinsam (weiter)entwickelter Fragebogen zum Gesundheitsverhalten junger Menschen. Mittlerweile nehmen 34 Länder, vorrangig aus dem westlichen Kulturkreis mit insgesamt über 160000 befragten Schülern an den Erhebungen teil. Richters Analysen beziehen sich in erster Linie auf deutsche und internationale Erhebungen aus den Jahren 2001-2002. Untersucht werden die Antworten von Schülern im Alter von 11, 13 und 15 Jahren.

Aufbau und Inhalte

Das Buch enthält 5 Kapitel, die in klassischer Weise aufeinander folgen.

Die Einführung begründet den Forschungsansatz. Frühere Erhebungen und Analysen haben aus heutiger Sicht den Zusammenhang der sozialen Herkunft mit dem Gesundheitsverhalten junger Menschen zu wenig beachtet. Ziel ist, den Einfluss des soziokönomischen Status auf das Gesundheitsverhalten möglichst differenziert einzuschätzen.

Das zweite Kapitel umreißt den begrifflichen Rahmen der Untersuchung, beginnend mit einer Arbeitsdefinition von risk behaviour, das als langfristig dysfunktionaler Copingversuch gegenüber Stress verstanden wird, der aus alterstypischen Entwicklungsaufgaben entsteht.

Im dritten Abschnitt werden Erhebungsmethode und Design der Health Behaviour in School-aged Children (HBSC)-Studie beschrieben. In Deutschland haben in den Jahren 2001-2002 ca. 5600 Schüler im Alter zwischen 11 und 15 Jahren an der Befragung teilgenommen. Methodisch aufwendig war die Einschätzung des sozioökonomischen Status der Herkunftsfamilien, da dieser durch Indikatoren geschätzt werden musste, zu denen die Schüler ohne Befragung der Eltern valide Auskunft geben konnten. Neben dem Einfluss des sozioökonomischen Status sollte in der Studie auch der Zusammenhang abgeschätzt werden, in dem die Zugehörigkeit zur peer-group und die erlebte schulbezogene Zufriedenheit mit dem Gesundheitsverhalten junger Menschen stehen. Als gesundheitsbezogenes Risikoverhalten erfragt wurden

  • Tabak- und Alkoholgebrauch
  • Gebrauch von Cannabis
  • Mobbing in der Schule (Bullying)
  • Essensgewohnheiten bezogen auf Frühstück, Obst und Gemüse
  • Konsum von Limonaden
  • Fernsehkonsum

Der Gesundheitszustand der befragten jungen Menschen wurde durch vier Indikatoren operationalisiert:

  • ein Selbstrating des subjektiven Gesundheitszustandes,
  • die Lebenszufriedenheit,
  • Größe und Gewicht (verrechnet zum Body Mass Index) und
  • erlebte körperliche oder psychische Beschwerden.

Die Datenauswertung in Kapitel 4 des Buches erfolgt durch Prozentangaben und ist meist gut nachvollziehbar. Eine detailliertere Aufstellung wäre beim Thema Mobbing zu wünschen gewesen; die Untergruppen der Täter, Opfer und Oper-Täter lassen sich quantitativ nicht klar unterscheiden. Die statistische Zusammenhangsanalyse mit den Indikatoren des soziökonomischen Status und der schulbezogenen Zufriedenheit erfolgt sehr differenziert. Interessant ist natürlich auch der internationale Vergleich der Antworten

Die Diskussion der Ergebnisse im Schlusskapitel geht vertieft auf den komplexen Zusammenhang ein, der sich in den Befragungsergebnissen zwischen dem gesundheitsbezogenen Risikoverhalten junger Menschen und dem sozioökonomischen Status ihrer Herkunftsfamilien zeigt. Die Zusammenhänge erweisen sich als kompliziert und vielschichtig. Während beispielsweise der Fernsehkonsum deutlich mit dem sozioökonomischen Status kovariierte, zeigte sich für Tabak- und Alkoholkonsum kein klarer Zusammenhang. Offensichtlich lohnt hier der Blick aufs Detail.

Fazit

Das Buch gibt einen guten Eindruck von der Komplexität und dem Wert sozialwissenschaftlicher Forschung. Die Ergebnisse zum Zusammenhang von Gesundheitsverhalten und sozioökonomischen Status sind teilweise unerwartet und werfen für die weitere Forschung und die Prävention neue relevante Fragen auf. Es ist sehr zu wünschen, dass Matthias Richter diesen an seinem neuen Wirkungsort weiter nachgeht.


Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 15.03.2011 zu: Matthias Richter: Risk behaviour in adolescence. Patterns, determinants and consequences. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17336-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9934.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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