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Jan Mewes: Ungleiche Netzwerke - vernetzte Ungleichheit

Cover Jan Mewes: Ungleiche Netzwerke - vernetzte Ungleichheit. Persönliche Beziehungen im Kontext von Bildung und Status. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 229 Seiten. ISBN 978-3-531-17209-5. 39,95 EUR.

Reihe: Netzwerkforschung.
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Thema

Die Auswirkungen sozialer Ungleichheit nicht nur auf der formellen Ebene (wie etwa Arbeitsmarkt und politische Beteiligung), sondern auch auf der informellen Ebene von Beziehungen und Freundschaften sind ein eher noch weniger erforschtes Feld. Mit der vorliegenden empirischen Studie geht der Autor der Frage nach, inwieweit die Strukturen persönlicher Netzwerke an die Strukturen sozialer Ungleichheit gekoppelt sind.

Entstehungshintergrund und Autor

Jan Mewes arbeitete von 2005-2008 im DFG Forschungsprojekt ‚Transnationalisierung sozialer Beziehungen‘ an der ‚Graduate School of Social Sciences‘ der Universität Bremen und verfasste in der Zeit seine hier vorliegende, leicht überarbeitete Dissertation. Darin untersucht er vor allem die Frage der Schichtgebundenheit sozialer Beziehungen, also wie und wie weit die Schichtzugehörigkeit von Individuen die Strukturierung ihrer sozialen Netzwerke beeinflusst. Derzeit ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt „Ethnic Diversity and Welfare State Solidarity“ an der Bremen International Graduate School of Social Sciences (BIGSSS) tätig.

Aufbau und Inhalte

Der Nutzen sozialer, persönlicher Beziehungen sei weitgehend bekannt, so Mewes in seiner Einleitung, doch während zumeist der Schwerpunkt empirischer Studien auf die Erforschung des Nutzens und der Auswirkungen sozialer Netzwerke auf soziale Ungleichheit gelegt werde, möchte er mit Hilfe der Netzwerkforschung herausfinden, ob und inwieweit Gestaltung und Inhalte sozialer Netzwerke durch die soziale Ungleichheit strukturiert werden. Dieses erkenntnisleitende Interesse verfolgt Mewes sehr umsichtig und detailliert in dem vorliegenden Buch.

Anfänglich werden Begrifflichkeiten geklärt und vor allem Definitionen und Operationalisierungen zur „sozialen Beziehung“ eingeführt. Soziale Ungleichheit als theoretisches Konzept wird nach einer angemessenen Erörterung möglicher Alternativen vor allem mit Blick auf die Schichtkonzeptionalisierung thematisiert; dazu werden noch genauer die Gelegenheitsstrukturen persönlicher Beziehungen fokussiert und die notwendigen Ressourcen und Fähigkeiten zur Pflege dieser Beziehungen betrachtet. In allen Fällen geht es um deren Schichtgebundenheit. Da die Schichtzugehörigkeit wiederum häufig mit Bildungsvariablen gemessen wird, werden damit viele der später dargestellten Zusammenhänge weniger als Schicht-, denn als Bildungseffekte ermittelt, worauf Mewes allerdings auch selbst abschließend hinweist.

Das darauf folgende Kapitel zur soziologischen Netzwerkanalyse beinhaltet die Auseinandersetzung mit den Parametern der Netzwerkforschung, als da sind: Größe, Zusammensetzung, Dichte, Multiplexität, Spannweite und Kontakthäufigkeit.

Seine forschungsleitenden Hypothesen entwickelt Mewes im fünften Kapitel. Die nächsten beiden empirischen Teile der Arbeit beinhalten u.a. die Operationalisierungen der beiden zentralen Schichtindikatoren Bildung und sozioökonomischer Status. Die herangezogenen Datensätze stammen in Ermangelung eines einheitlichen allumfassenden Aussagefundus aus durchaus heterogenen Surveys, aus dem ALLBUS, aus dem Familiensurvey, aus dem niederländische Verwandtschafts- Panel sowie aus dem ‚Survey Transnationalisierung‘, und zwar aus verschiedenen Jahrgängen zwischen 2001 und 2006. Die Diskussion der empirischen Analysen ist sehr akribisch und sorgfältig, etwa wenn Mewes die empirische Relevanz des Homophilie Prinzips in Netzwerken überprüft: Weisen die in einem bestimmten Netzwerken zusammengeschlossenen Individuen einen ähnlichen Bildungsstand auf? Dazu untersucht Mewes, ob und wie sich die beiden Variablen Bildung und sozioökonomischer Status auf bestimmte Einstellungen auswirken, hier bezogen auf den Themenkomplex Freundschaft und Verwandtschaft. Ähnlich sorgfältig stellt er weitere Ergebnisse zur Zusammensetzung von informellen Beziehungsnetzwerken dar (Verwandte, Nichtverwandte), zur Größe (nach Bildungsvariablen, nach Berufsstatus) und diskutiert die jeweiligen Determinanten auf der Basis differenzierter Regressionen. Diese Vorgehensweise wird bei allen betrachteten Parametern der Netzwerkanalyse unternommen.

Das Ergebnis seiner Studie lautet: In der Tat wirken sich systematische soziale Ungleichheiten auch auf der informellen Ebene von Beziehungen aus und führen zur weiteren Anhäufung sozialer Benachteiligungen. Damit gelingt Mewes ein (auch so intendierter) erster empirischer Nachweis des Zusammenhangs von Schichtzugehörigkeit und Netzwerkwerkstruktur, dessen vollständige Erklärung weiteren Werken vorbehalten bleiben muss, so der Autor selbst. Das ihm vorliegende Datenmaterial mit Querschnittsdaten erlaubte keine weiteren Aussagen; insbesondere könne erst eine Längsschnittuntersuchung Aussagen darüber ermöglichen, wie der Prozess der schichtbezogenen Initialisierung und Beibehaltung persönlicher Beziehungen verläuft.

Diskussion

Eine beeindruckende Studie! Schade finde ich, was nicht in Mewes‘ Zuständigkeitsbereich fällt, dass die Daten der herangezogenen deutschen Surveys sich nur auf deutsche Staatsangehörige beziehen, denn schließlich hat die soziale Ungleichheit in Deutschland doch einen sehr deutlichen ‚Migrationshintergrund‘ bzw. hier eher ‚Migrationszusammenhang‘. Auch weisen manche Daten darauf hin, dass eine Betrachtung sozialer Ungleichheit bei diesem Thema hätte durchaus nutzbringend mit einem stärkeren Genderfokus erfolgen können. Das soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Jan Mewes eine sehr verdienstvolle Arbeit vorlegt, die den vielfältigen Mechanismen und Praxen sozialer Ungleichheit im informellen Bereich akribisch und mit einem ausgesprochenen Blick fürs Detail nachgeht. Sein vorliegendes Buch kann auch für die Lehre zu sozialer Ungleichheit gut herangezogen werden. Denn in der Tat weisen die Ausführungen und Ergebnisse in dem vorliegenden Band klar darauf hin, wie vielfältig und komplex der Prozess sozialer Ungleichheit ist, der sowohl durch die bekannten strukturellen Gegebenheiten soziale Benachteiligungen bewirkt als auch sich im scheinbar „privaten“ Bereich niederschlägt. Einstellungen und Beziehungen gehen mit sozialem Status einher; dass das empirisch immer wieder neu identifizierbar ist, stellt Jan Mewes hier mit Hilfe der Netzwerkforschung dar.

Fazit

Das für Angehörige unterer Schichten erhöhte Risiko der "doppelten Exklusion" wird in diesem Band eindrucksvoll empirisch aufgezeigt, setzt sich ihre gesellschaftliche Benachteiligung doch auch auf der Ebene persönlicher Beziehungen fort. Diesen Nachweis erbringt Jan Mewes gekonnt mit Hilfe der Netzwerkforschung.


Rezension von
Prof. Dr. Marianne Kosmann
Lehrt an der FH Dortmund Soziologie für die Soziale Arbeit, mit den Schwerpunkten „Soziologie sozialer Ungleichheit, Geschlechterverhältnisse, Soziologie sozialer Probleme und Empirische Sozialforschung“.


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Zitiervorschlag
Marianne Kosmann. Rezension vom 27.12.2010 zu: Jan Mewes: Ungleiche Netzwerke - vernetzte Ungleichheit. Persönliche Beziehungen im Kontext von Bildung und Status. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17209-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9935.php, Datum des Zugriffs 20.09.2020.


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