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Barbara Rinken: Spielräume in der Konstruktion von Geschlecht und Familie?

Cover Barbara Rinken: Spielräume in der Konstruktion von Geschlecht und Familie? Alleinerziehende Mütter und Väter mit ost- und westdeutscher Herkunft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 349 Seiten. ISBN 978-3-531-16417-5. 39,95 EUR.

Reihe: VS Research.
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Entstehungshintergrund und Aufbau

Barbara Rinken hat ihre 2008 erschienene Dissertation an der Universität Bremen für diese Veröffentlichung leicht überarbeitet. Neben einer theoretischen Reflexion und einer Darstellung des Forschungsstandes zu den im Titel genannten Begriffen bzw. sozialen Phänomenen enthält die Arbeit Ergebnisse von 20 qualitativen Interviews, die zur Hälfte bei westdeutschen, zur anderen Hälfte bei ostdeutschen Alleinerziehenden durchgeführt wurden, davon wiederum die Hälfte jeweils Männer und Frauen.

Inhalte

Einleitung

Das Buch behandelt die Frage, inwieweit die „traditionellen Geschlechter- und Familienleitbilder bis heute in der Gesellschaft fortwirken und was diese Bilder für Alleinerziehende bedeuten“ (S. 13). In diesem Zusammenhang interessieren die Autorin besonders die Unterschiede zwischen ost- und westdeutschen Leitbildern.
>Barbara Rinken geht sozialkonstruktivistisch vor, d.h. alle Begriffe werden auf ihre Entstehung, Funktion und potentielle Alternativen hinterfragt. Sie benennt die wachsende Zahl und den ebenfalls wachsenden Anteil Alleinerziehender unter den Familien mit Kindern unter 18 Jahren. Schon in der Einleitung werden die Begriffe Familie und Alleinerziehende klar definiert. Demnach – und dies ist für die weiteren Erörterungen wichtig – ist Familie JEDE Lebensgemeinschaft von mindestens zwei Personen, die mehrere Generationen umfasst. Ein Ehepaar ist also – so die daraus folgende Erkenntnis - nur dann eine Familie, wenn der Mann eine weitaus jüngere Frau geheiratet hat, um seine Pflege im Alter sicherzustellen. Hingegen bildet ein schwules oder lesbisches Paar mit eigenen oder angenommenen Kindern ebenso eine Familie wie eine Mutter oder ein Vater mit einem Kind.

Theoretischer Bezugsrahmen

In diesem Kapitel stellt die Autorin einen ersten Bezug zu den Theorien her, die ihre Arbeit geleitet haben. Überzeugend bringt sie die wesentlichen Aussagen für ihre Fragestellung nach der Konstruktion von Interaktionen und Diskursen aus verschiedenen Wissensgebieten auf den Punkt und skizziert die für sie wesentlichen Aussagen aus Geschlechterforschung, Lebenslauf- und Sozialisationsforschung sowie den Diskurs über Diskurse. Deutlich wird die Konstruktion von Geschlecht und Familie als „fortwährender Herstellungsprozess auf den Ebenen von Diskursen/Leitbildern, Institutionen und Interaktionen“ (S. 57).

Geschlechter- und Familienleitbilder

In diesem Kapitel werden die Aussagen zu Geschlecht und Familie konkreter, beginnend mit einem historischen Abriss der Familienleitbilder und –politik mit besonderer Betonung der Unterschiede zwischen DDR und BRD nach dem Krieg und den Entwicklungen nach der Wende. Die unterschiedlichen und sich wandelnden Einstellungen zur Müttererwerbstätigkeit, die Begrifflichkeit des Kindeswohls und die Leitbilder von Mütterlichkeit und Väterlichkeit werden einer Analyse unterzogen mit dem Resultat, dass zwar sozialer Wandel konstatiert wird, aber ebenso das Festhalten an traditionellen Vorstellungen von Mütterlichkeit, Väterlichkeit und Familie.

Der Forschungsstand zu Alleinerziehenden

Auf der Folie dieser einführenden Beiträge werden nun die speziellen Lebensbedingungen und Belastungen von Alleinerziehenden aufgrund der vorhandenen Empirie dargestellt. Die Definition von Alleinerziehenden als alleinverantwortlich und für die ökonomische Versorgung zuständig wird anhand des Datenmaterials ebenso wiederholt wie der Hinweis auf die Heterogenität der Alleinerziehenden. Anhand der empirischen Daten sieht die Autorin auch nochmals eine Bestätigung ihrer These vom Nebeneinander unterschiedlicher Vorstellungen und Leitbilder.

Das Untersuchungsdesign

Im Untersuchungsdesign schildert die Autorin detailliert ihr methodisches Vorgehen, das sowohl einen Fragebogen zur Ermittlung sozialstruktureller Merkmale wie auch ein qualitatives Interview einschloss. Ihr Ziel war es, mit diesen Methoden „zu rekonstruieren, wie sich die Subjekte in einer geschlechterstrukturierten Welt einordnen, wie sie Geschlechterverhältnisse (re)produzieren oder auch modifizieren“ (S. 173). Die Auswahl des Samples sollte eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse innerhalb des Samples ermöglichen, keine Repräsentativität. Priorität hatte für die Autorin die gleiche Anzahl von Befragten in Ost- und Westdeutschland sowie von Männern und Frauen. Ausgeschlossen aus den qualitativen Interviews wurden hingegen:

  • Alleinerziehende, deren Kinder sich mehr als einen Tag in der Woche bei der früheren Partnerin/dem früheren Partner oder bei anderen relevanten Bezugspersonen, z.B. den Großeltern aufhalten,
  • Alleinerziehende unter 32 Jahren,
  • Alleinerziehende, die unter drei Jahren alleinerziehend sind.

Das Alter der Kinder und die Dauer des Alleinerziehens wurden bei der Bildung des Samples nicht berücksichtigt.

Empirische Ergebnisse I : Lebensbedingungen der Befragten

Bei den Lebensbedingungen werden die Umstände der Trennung vom Partner/von der Partnerin betrachtet, das Alter der Kinder, Form und Umfang der Kinderbetreuung, Ausbildung und Erwerbstätigkeit sowie die ökonomische Situation der Alleinerziehenden. Auch die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die individuellen Problemlösungsstrategien werden thematisiert. Wie nicht anders zu erwarten, kommen diejenigen Alleinerziehenden am besten mit ihrer Situation zurecht, die über eine gute Ausbildung, über Unterstützung in Form einer ausreichenden Kinderbetreuung, aber auch von Netzwerken, verfügen, und die erwerbstätig sind. Isoliert fühlen sich vor allem jene, die erwerbslos sind.

Empirische Ergebnisse II: Bilder von Geschlecht und Familie

In ihrem letzten Kapitel kommt die Autorin wieder auf ihre Ausgangsfrage (s.o) zu sprechen. Sie behandelt das Selbstverständnis der Alleinerziehenden zu Körper und Geschlecht und stellt hier auch wieder die Frage nach Ost-West-Unterschieden. Nach ihren Ergebnissen lässt sich in diesem Themenbereich jedoch kein Ost-West-Unterschied feststellen, dafür jedoch zwischen Männern und Frauen. Während Männer die Situation als Alleinerziehende als Erweiterung ihres Rollenrepertoires wahrnehmen können, haben alleinerziehende Mütter häufiger Probleme mit ihrer Geschlechtlichkeit. Wie Geschlechtlichkeit subjektiv erlebt wird, ist bei beiden Geschlechtern eng mit der Anerkennung des Alleinerziehens als gleichberechtigter Lebensform verbunden.
Bei den Einstellungen zur Geschlechtlichkeit der Kinder stellt die Autorin wiederum ein Festhalten an dichotomen Geschlechtervorstellungen fest, insbesondere bei den Frauen. Dieser resultiert teilweise aus dem sozialen Druck seitens der Umgebung auf Alleinerziehende – besonders Mütter mit gegengeschlechtlichen Kindern - , ihre Kinder zu „richtigen“ Mädchen und Jungen zu erziehen.
>Die Haltung der Alleinerziehenden zu ihrer Familienform differiert wiederum nach den sozialen Bedingungen, unter denen sie leben, wobei die Unterstützung durch ein Netzwerk (bzw. den Partner) ausschlaggebend ist.br />>Als Ergebnis ihrer Untersuchung fordert die Autorin die Anpassung des Arbeitsmarkts und des Sozialstaats an diese Familienform, damit diese nicht als defizitär definiert und auch subjektiv als gleichwertig zur Zwei-Eltern-Familie wahrgenommen werden kann. Von der Wissenschaft wird eine stärkere Abwendung von normierenden Vorstellungen von Geschlecht und Familie gefordert.

Diskussion

Barbara Rinken hat mit ihrer Untersuchung eine differenzierte Analyse einiger Fragen zur Familienform der Ein-Elter-Familie oder des Alleinerziehens, wie sie es vorzugsweise nennt, vorgenommen. Die Studie ist theoretisch gut fundiert, die Fragestellung klar, methodisch ist sie differenziert und auf dem aktuellen Stand. Problematisch ist das Sample. Zwar betont die Autorin die Heterogenität des Alleinerziehens, sie engt dann aber die Realität des Alleinerziehenden auf einige Parameter ein bzw. nimmt erforderliche Eingrenzungen nicht vor:

Ausgeklammert werden alle Familien, in denen der Kontakt des Kindes mit dem nicht im Haushalt lebenden Partner einen Tag pro Woche überschreitet. Fakt ist, dass viele nicht im Haushalt lebende Väter durchaus mehr Verantwortung für ihre Kinder übernehmen als einen Tag in der Woche und dass sie auch ökonomisch der alleinerziehenden Mutter zur Seite stehen. Gleiches gilt für viele Großeltern. Und es gibt diejenigen Mütter und Väter, die weder ausreichende Kontakte haben noch regelmäßig Unterhaltszahlungen erhalten. Neben allen Geschlechter- und Familienbildern sind das die wesentlichen Parameter, die das Leben der Ein-Elter-Familie bestimmen.

Junge Mütter fallen aus dem Sample heraus – sie sind eine Gruppe, die der Sozialpolitik besonders viel Handlungsbedarf aufgibt. Die Auslassung dieser Kriterien könnte noch nachvollziehbar sein, wenn man von der Notwendigkeit einer Reduktion von Komplexität ausgeht. Problematisch ist jedoch die Außerachtlassung des Alters der Kinder. So befinden sich im Sample Alleinerziehende mit Kindern von 3 bis 20 Jahre. Nun weiß ein jeder und eine jede, dass die Belastung mit der Pflege, Erziehung und Bildung von Kindern je nach Alter der Kinder eine höchst unterschiedliche ist. Ein Kind mit drei setzt Alleinerziehende schachmatt, wenn es z.B. krank ist– ein zehnjähriges kann auch schon mal alleine bleiben. Das Leben mit Jugendlichen wiederum stellt ganz neue Anforderungen an alle Eltern.

Die Dauer des Alleinerziehens bei den Befragten liegt zwischen 3 und 16 Jahren (S. 178). Der Faktor Zeit wird von der Autorin in keiner Weise reflektiert. Tatsache ist aber, dass vermutlich die Dauer des Alleinerziehens eine wesentliche Komponente für die Befindlichkeiten, Selbsteinschätzungen und Leitbilder ist. Dieser Gesichtspunkte bleiben leider außen vor.

Fazit

Trotz der benannten Mängel ist das Buch lesenswert, weil die Autorin ein neues Licht auf die von ihr gestellten Fragen wirft. Ihre theoretischen Einführungen sind kompakt und hilfreich. Das Nebeneinander von institutionell und forschungsmäßig widersprüchlichen Auffassungen zu Väterlichkeit und Mütterlichkeit und zu Familienformen wird sowohl unter den Alleinerziehenden wie auch innerhalb der einzelnen Befragten belegt. Ein wesentlicher Grund dafür ist die fehlende sozialpolitische Anerkennung dieser Familienform, die Alleinerziehende zusätzlichen Belastungen aussetzt. Auf die Mutterideologie eingeschworene WissenschaftlerInnen tun ein Übriges, um die Anerkennung und das Selbstbewusstsein von erwerbstätigen Alleinerziehenden im Hinblick auf ihre enormen psychischen und sozialen Leistungen zu gefährden. Die Ost-West-Differenz unter den Befragten ist für die Befindlichkeit der Alleinerziehenden jedoch nicht so essentiell wie die unterschiedlichen Lebensbedingungen und die eigene Geschlechtszugehörigkeit.

Diese Erkenntnisse können Forschung und Sozialpolitik befruchten. Für eine weitergehende Analyse müssten allerdings auch andere Fragen gestellt werden: Was befähigt Frauen und Männer zu einer akzeptierenden Haltung gegenüber sich selbst und dem/der Anderen, so dass die Kinder auch nach Trennungen ein gutes Umfeld vorfinden, in dem sie stressfrei heranwachsen können? Was kann Familienpolitik tun, um hier mehr Anreize für Einigungsprozesse zu schaffen?


Rezension von
Prof. Dr. Hilde von Balluseck
Sozialwissenschaftlerin, emeritierte Hochschullehrerin an der Alice Salomon Hochschule Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialisation, Geschlecht und Sexualität, Migration, Frühpädagogik, etablierte 2004 den ersten Studiengang für ErzieherInnen in Deutschland und war von 2008 bis Ende 2015 Chefredakteurin des Internetportals ErzieherIn.de


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Zitiervorschlag
Hilde von Balluseck. Rezension vom 10.11.2010 zu: Barbara Rinken: Spielräume in der Konstruktion von Geschlecht und Familie? Alleinerziehende Mütter und Väter mit ost- und westdeutscher Herkunft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-16417-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9936.php, Datum des Zugriffs 26.10.2020.


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