socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Sven Lind: Fortbildungsprogramm Demenzpflege

Cover Sven Lind: Fortbildungsprogramm Demenzpflege. Demenzkranke Menschen erfahrungsbezogen pflegen lernen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. ISBN 978-3-456-84907-2.

plus CD-ROM mit PPT-Datei. E-Book-ISBN: 978-3-456-94907-9.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die aktuellen Informationsangebote zu den Themen Demenz und Demenzpflege sind kaum noch überschaubar. Die Neuerscheinung „Fortbildungsprogramm Demenzpflege“ wendet sich an Pflegende und Dozenten, die lehren und lernen wollen, wie man demenzkranke Menschen „erfahrungsbezogen pflegt“, und Demenzbegleiter anleiten wollen. Modular aufgebaut wird dabei in 23 Fortbildungselementen notwendiges Wissen dargestellt, um an Demenz erkrankte Menschen gekonnt zu betreuen und zu begleiten.

Autor

Diplom-Psychologe Dr. phil. Sven Lind (Jg. 1947), der über eine mehrjährige Tätigkeit auf einer gerontopsychiatrischen Modellstation in einem Altenpflegeheim in München verfügt, ist freiberuflich tätig. Im Rahmen seiner „Gerontologischen Beratung“ (vgl. www.gerontologische-beratung-haan.de) bietet er verschiedene Dienstleistungen an, darunter Projektarbeit, Fortbildungen, Expertisen, Beratungen, Planung und Durchführung von Tagungen, Referenten- und Lehrtätigkeit sowie Literaturhinweise und -recherchen. Zu seinen Angeboten gehören auch, quer durch Deutschland, Fortbildungen und Workshops zum Thema Demenz.

Lind veröffentlichte in diversen Fachzeitschriften eine Vielzahl von Beiträgen zu den Themen Demenzpflege und -versorgung, stationäre Altenhilfe, betreutes Wohnen, Kurzzeit- und Tagespflege, Angehörige im Heim sowie Sozialpolitik. Darüber hinaus publizierte er die beiden Monographien „Umgang mit Demenz. Wissenschaftliche Grundlagen und praktische Methoden“ (Münster 2000) (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/32.php) und „Demenzkranke Menschen pflegen. Grundlagen, Strategien, Konzepte“ (Bern 2003) (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/1105.php, www.socialnet.de/rezensionen/1241.php und www.printernet.info/rez_det.asp?id=268).

Die Ansichten und Positionen von Sven Lind sind, wie in den angegebenen Rezensionen nachzulesen ist, stark umstritten. Als ein Vertreter der empirischen Wissenschaften und insbesondere der Hirnforschung eng verbunden, ist Lind ein strikter Gegner aller Konzepte, welche die Hirnforschung nicht als alleinigen Erklärungsansatz für die Phänomene der Demenz ansehen. Von daher fordert er Wirksamkeitsbeweise für Demenzkonzepte, die der Methodik der Naturwissenschaften entsprechen.

Sein neuestes Buch widmet der Autor „allen Pflegenden und Betreuenden in den stationären Einrichtungen der Altenhilfe […], die tagtäglich den Demenzkranken eine Lebenswelt bestehend aus Sicherheit, Geborgenheit und Wohlbefinden gestalten“ (S. 19).

Entstehungshintergrund

Das vorliegende „Fortbildungsprogramm“ entstand im Rahmen des Entwicklungsprojektes Demenzpflege und Dimenzmilieu in stationären Einrichtungen der Altenhilfe in Nordrhein-Westfalen (1. Februar 2007 bis 30. Juni 2009), an dem folgende Einrichtungen beteiligt waren: Seniorenhaus St. Laurentius (Aachen), Evangelisches Altenzentrum Ohligs (Solingen), Marienheim Hinsbeck (Nettetal), Albert-Schmidt-Haus (Essen), Caritas-Altenzentrum St. Heribert (Köln), Seniorenzentrum St. Josefshaus (Köln), Haus am Dolzer Teich (Detmold), AWO Otto-Jeschkeit-Altenzentrum (Engelskirchen), VinzenzHaus (Kaarst), St. Antonius-Haus (Siegburg).

Wesentliche Inhalte der Fortbildungselemente 21 bis 23 hat der Autor in gekürzter Fassung bereits in den Fachzeitschriften „Die Schwester / Der Pfleger“ und „Pflegezeitschrift“ veröffentlicht.

Aufbau

Nach einem Überblick über das „Rahmenkonzept“ (S. 25-30) gliedert sich das Buch in die folgenden 23 Abschnitte beziehungsweise „Fortbildungselemente“, die ihrerseits jeweils in eine Vielzahl von Unterpunkten unterteilt sind:

  1. Grundlagen
  2. Mitarbeiterorientierter Ansatz – Stress und Stressminderung in der Demenzpflege
  3. Mitarbeiterorientierter Ansatz – Rahmenbedingungen und Konzepte
  4. Der Intuitive Ansatz – Das Einfühlungsvermögen
  5. Der Intuitive Ansatz – Ablenkungsstrategien
  6. Konditionierungsmodelle
  7. Biografische Orientierung – Grundlagen
  8. Biografische Orientierung – Strategien
  9. Stimulus-Anpassung – Teil 1: Sensorische und soziale Stimulierung
  10. Stimulus-Anpassung – Teil 2: Weitere Stimulierungsformen
  11. Stimulus-Anpassung – Teil 3: Strategien
  12. Beobachtungen
  13. Pflegeverweigerung bzw. Ablehnung der Pflege
  14. Kontaktaufnahme
  15. Kommunikation bei der Pflege
  16. Umgang mit Realitätsverzerrungen
  17. Pflegestrategien bei Gedächtnis- und weiteren geistigen Minderleistungen
  18. Kernelemente der Demenzpflege I
  19. Kernelemente der Demenzpflege II
  20. Aspekte des Demenzmilieus – eine Einführung
  21. Mahlzeitenmilieu
  22. Tagesstrukturierung
  23. Das räumliche Milieu.

Ergänzt wird die Darstellung durch ein Literaturverzeichnis (S. 311-320) sowie ein Adressenverzeichnis und Hinweise auf Internetlinks (S. 321-329). Dem Buch beigefügt ist eine CD-Rom, die von Lehrenden als Powerpointpräsentation begleitend zur Lektüre des „Fortbildungsprogramms Demenzpflege“ zu Unterrichtszwecken eingesetzt werden kann.

Inhalt

Heike von Lützau-Hohlbein, 1. Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz (Berlin), hat zu dem Buch ein Geleitwort beigesteuert, in dem sie unter anderem festhält: „Pflege und Betreuung von Demenzkranken ist mehr als Waschen, Essen und Betten. Ein Demenzkranker braucht Begleitung und Betreuung. Dabei heißt es, den Blick zu wenden auf das, was alles noch geht und möglich ist, und nicht auf das, was nicht mehr leistbar ist. Pflegende sollten sich als Helfer in Situationen verstehen, die von den Menschen mit Demenz nicht mehr selbständig bewältigt werden können. Dazu gehört viel Wissen und Einfühlungsvermögen und eine gestärkte Sicherheit im Umgang mit den Hilfsbedürftigen. Dafür gibt dieses vorliegende Fortbildungsprogramm wichtige Impulse. […] Das Pflegeheim ist das letzte Zuhause der Menschen mit Demenz. Sie sollen sich dort wohl- und sicher fühlen, so [wie] wir es uns alle wünschen, wenn wir hilfs- und pflegebedürftig werden. In diesem Fortbildungsprogramm werden umsetzbare Hilfen aufgezeigt, wie die schwierige Aufgabe der Pflege und Betreuung von Demenzkranken besser gelingen kann“ (S. 22).

Zur Bedeutung seines Buches schreibt der Autor im Vorwort: „Es sind die vielfältigen Erfahrungen der Pflege Demenzkranker, die hier zusammengefasst worden sind. Dieser Reichtum an praktischem Wissen gibt dieser Vorgehensweise auch den Namen – es ist ein . […] Das vorliegende Fortbildungsprogramm verknüpft diese Erfahrungen der Pflege mit dem Wissensstand der Neurowissenschaften und der Verhaltensbiologie. Dieser Ansatz vermag nicht nur in groben Zügen das Verhalten der Demenzkranken und der Pflegenden zu erklären, er kann zugleich auch die erforderlichen Rahmenbedingungen für die Gestaltung einer Lebenswelt für Demenzkranke praxisnah benennen“ (S. 24).

Den Rahmen der vorliegenden Veröffentlichung bilden unter anderem die folgenden Schwerpunktsetzungen:

  • Das Fortbildungsprogramm Demenzpflege zielt ausschließlich auf die Personengruppe der Demenzkranken vom Alzheimer-Typ im mittelschweren Stadium ab.
  • Das Fortbildungsprogramm ist überwiegend auf die Pflege und Betreuung in stationären Einrichtungen der Altenhilfe ausgerichtet.
  • Die Hauptzielgruppe des Buches besteht aus den Pflegenden in den Heimen, die sich und ihre MitarbeiterInnen und KollegInnen in dem Themenbereich Demenzpflege fortbilden möchten.
  • Alle angeführten Vorgehensweisen und Strategien haben unter anderem das gemeine Ziel, deutlich zur Vermeidung oder doch zumindest zur Verminderung des Stresses bei der Pflege und Betreuung beizutragen.

Davon ausgehend, dass Demenzkranke vom Alzheimer-Typ im mittelschweren Stadium eine Fülle von Verhaltensweisen besonders im Bereich der Realitätsverzerrungen zeigen, die Mitarbeitern ohne Erfahrungen im Umgang mit dieser Personengruppe in der Regel nicht vertraut sind, sieht die Zielkonzeption des Fortbildungsprogramms Demenzpflege von Sven Lind folgende Schwerpunktsetzung vor:

  • Stärkung der Verhaltenssicherheit im Umgang mit Demenzkranken
  • Ausweitung und Differenzierung des Interaktions- und Reaktionsspektrums bei der Pflege, Betreuung und Milieugestaltung
  • Sensibilisierung für die Bedürfnisse und Motive Demenzkranker
  • Gewährleistung der körperlichen und psychischen Unversehrtheit der Demenzkranken.

Da die Pflegenden und Betreuenden maßgeblich zum Wohlbefinden und auch zur Gestaltung einer angemessenen Lebenswelt beitragen, stehen sie neben den Demenzkranken hierbei immer auch im Mittelpunkt der Ausführung.

Die 23 Fortbildungselemente lassen sich in drei Abschnitte untergliedern:

  1. In den Fortbildungselementen 1 bis 11, die sich als „Grundlagen und Kernelemente der Demenzpflege“ verstehen, fügt Lind die Erkenntnisse der Neurowissenschaften und der Verhaltensbiologie des Menschen mit den Erfahrungen der Pflege und Betreuung Demenzkranker zu einem Bezugsrahmen zusammen, der zur Orientierung und Anleitung in der Praxis dient.
  2. Im Mittelpunkt der Fortbildungselemente 12 bis 19, in denen es um „Strategien und Vorgehensweisen bei der Pflege und Betreuung“ geht, stehen Aspekte der unmittelbaren Pflege und Betreuung Demenzkranker. Hierbei fasst Lind Erfahrungen im Umgang mit Demenzkranken auf der Grundlage des Wissenstandes der Forschung zu konkreten Empfehlungen und Handlungsanweisungen zusammen.
  3. Die Fortbildungselemente 20 bis 23, „Modelle des Demenzmilieus und der räumlichen Gestaltung“, thematisieren schließlich die Lebenswelt Demenzkranker mit ihren unterschiedlichen Milieuelementen und Strukturprinzipien. Auch hierbei entwickelt und erläutert Lind Handlungsempfehlungen und Leitkonzepte, die auf gesammelten Erfahrungswissen und der Erkenntnissen der humanen Verhaltensbiologie beruhen.

Damit eine Demenzpflege optimal realisiert werden kann, gilt es nach Ansicht von Lind in naher Zukunft die Faktoren der organisatorischen und personellen Rahmenbedingungen für eine angemessene Demenzpflege in der Praxis zu ermitteln: „Erst wenn der Alltag in den Heimen die Umsetzung dieses Fortbildungsprogramms zulässt, wenn sich also Theorie und Praxis im Einklang befinden, kann eine demenzspezifische Lebenswelt entstehen, die Wohlbefinden bei den Demenzkranken und Arbeitszufriedenheit bei den Mitarbeitern hervorruft“ (S. 30).

Diskussion

Auch wenn man sich den Ansichten und Positionen von Sven Lind im Hinblick auf die Bedeutung und den Stellenwert der Neurowissenschaften und der Verhaltensbiologie des Menschen nicht in allen Punkten anschließen mag, bietet sein „Fortbildungsprogramm Demenzpflege“ für Pflegende eine große Menge notwendigen Wissens, um an Demenz erkrankte Menschen gekonnt zu betreuen und zu begleiten.

Das Buch eignet sich dabei sowohl zum Selbststudium als auch als Grundlage für hausinterne Fortbildungen von MitarbeiterInnen (Pflegende, Demenzbegleiter, MitarbeiterInnen der Hauswirtschaft und des begleitenden oder sozialen Dienstes) und ehrenamtlichen HelferInnen, ebenso wie von den Verantwortlichen in den Heimen (Geschäftsführung, Heim- und Pflegedienstleistung).

Die beigefügte Powerpointdatei erlaubt es Lehrenden, zentrale Inhalte leicht zu präsentieren.

Fazit

Mit seinem „Fortbildungsprogramm Demenzpflege“ hat Sven Lind ein praxisorientiertes und -erprobtes Lehr- und Arbeitsbuch zur Pflege von demenzkranken Menschen für Pflegende und Lehrende vorgelegt, das zugleich den pflegewissenschaftlichen Diskurs beflügeln kann.


Rezensent
Dr. Hubert Kolling
E-Mail Mailformular


Alle 176 Rezensionen von Hubert Kolling anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 16.05.2011 zu: Sven Lind: Fortbildungsprogramm Demenzpflege. Demenzkranke Menschen erfahrungsbezogen pflegen lernen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. ISBN 978-3-456-84907-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9941.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung