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Ulrich van der Heyden, Joachim Zeller (Hrsg.): Kolonialismus hierzulande

Cover Ulrich van der Heyden, Joachim Zeller (Hrsg.): Kolonialismus hierzulande. Eine Spurensuche in Deutschland. Sutton Verlag GmbH 2008. 447 Seiten. ISBN 978-3-86680-269-8. 24,90 EUR.
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Der koloniale Blick nach Innen

Über Kolonialismus, Imperialismus und Rassismus in den vielfältigen Formen gibt es mittlerweile eine Reihe von Studien, denen das Bemühen eigen ist, eine objektive und historisch korrekte Darstellung dieser „Zeit der Qualen Ausbeutung und Eurozentrismen“ zu leisten und die deutsche „Kolonialforschung“ kritisch zu beleuchten. Es war der „wissenschaftliche Rassismus“, der die rassistischen und kulturellen Höherwertigkeitsvorstellungen der „Weißen“ legitimierte. Exemplarisch dafür können die Arbeiten genannt werden, wie sie von der Kolonialwissenschaftlichen Abteilung des Reichsforschungsrates und der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Leipzig mit den interdisziplinären Arbeitsgruppen „Koloniale Völkerkunde“, „Koloniale Sprachforschung“ und „Koloniale Rassenforschung“ als „Gemeinschaftsarbeit“ legitimiert wurden (vgl. dazu: Beiträge zur Kolonialforschung, Berichte über die Arbeitstagung im Januar 1943 in Leipzig, Tagungsband I, 240 S.). Nur so lässt sich verstehen, was den in seiner Zeit wissenschaftlich anerkannten und geachteten Missionar, Sprachforscher, Ordentlicher Professor an der Berliner Humboldt-Universität, Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften und Direktor des „International African Institute“ in London, Diedrich Westermann (1875 – 1956) in einem Beitrag 1939 voller Überzeugung formulieren ließ: „Das Geschick des Afrikaners ist für alle absehbare Zeit mit dem des Europäers aufs engste verbunden, ja es ist von ihm abhängig, er ist der Schüler und Arbeitnehmer, wir die Lehrer und Arbeitgeber, aber auch: wir sind die Herren und er ist der Untergebene“ (vgl. dazu: Jos Schnurer, Der Afrikaforscher Diedrich Westermann (1875-1956). Informationen – Quellen – didaktische Überlegungen zu einer „very important person“, in: Geschichte, Politik und ihre Didaktik, 3 / 4 – 1995, S. 294 – 301; sowie: ders., „Der Europäer kann gar nicht in Afrika leben, ohne die Eingeborenen zu erziehen…“, in: Geschichte – Erziehung – Politik (GEP), 1/1996, S. 11 – 22). Es geht um die „Weißseinsforschung“, wenn wir heute kritisch über Kolonialismus und Rassismus reflektieren (vgl. dazu: Maureen Maisha Eggers / Grada Kilomba / Peggy Piesche / Susan Arndt (Hrsg.), Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Unrast-Verlag, Münster 2005,550 S.). Denn Kolonialismus und Rassismus, das erfahren wir tagtäglich – und begegnet uns alltäglich. Es bedarf also der ernsthaften Reflexion darüber, weshalb die überwiegende Mehrheit der Menschen in den so genannten Industrieländern des Nordes der Erde in Wohlstand leben, während die Mehrzahl der Menschen in den Ländern des Südens, den so genannten Entwicklungsländern, arm sind. Im Bericht der Südkommission, die 1987 mit dem Ziel eingerichtet wurde, herauszufinden, wie sich die Situation der ehemaligen Kolonialländer in den Zeiten der Globalisierung darstellt, wird deutlich formuliert: "Di„ Volkswirtschaften des Nordens sind in der Regel stark und widerstandsfähig, die des Südens meist schwach und wehrlos. Die Länder des Nordens können im großen und ganzen ihr Schicksal selbst bestimmen, die des Südens sind Einwirkungen von außen preisgegeben und haben keine echte Souveränitit (Stiftung Entwicklung und Frieden (Hrsg.), Die Herausforderung des Südens. Über die Eigenverantwortung der Dritten Welt für dauerhafte Entwicklung, Bonn-Bad Godesberg 1991, 430 S.).

Die Spurensuche muss bei uns beginnen

„Die dritte Welt beginnt bei uns“, so titelte Wilfried Hoffer und Gernot Schley 1982 in einer ZDF-Fernsehserie ihren Bericht über den vielfach mühsamen und schmerzhaften Blick „von uns nach draußen“ und die Suche nach dem „fernen Nächsten“ (Ausstellung im Landeskirchlichen Museum Ludwigsburg: Der ferne Nächste. Bilder der Mission – Mission der Bilder 1860 – 1920, 1996, 233 S.). Einen wissenschaftlichen Blick werfen in einem opulenten Buch 68 Historiker, Natur- und Literaturwissenschaftler, Ethnologen und Ethnografen, Kultur- und Politikwissenschaftler, Geografen und Wirtschaftswissenschaftler, Journalisten und Archivare (immer sind dabei natürlich auch -/innen genannt), das vom Afrika- und Kolonialhistoriker, Politologen und Autor Ulrich van der Heyden und vom Historiker und Kunstwissenschaftler Joachim Zeller herausgegeben wurde:

Die Herausgeber sammeln einen illustren Kreis von Experten in Sachen Kolonialismus um sich, die zu den vielfältigen Frage- und Problemstellungen der deutschen (und europäischen) kolonialen Vergangenheit etwas zu sagen haben. Der Titel „Kolonialismus hierzulande“ gibt dabei die Zielrichtung der 79 Beiträge vor. Es geht um eine Bestandsaufnahme der Spuren, Hinterlassenschaften und Blickfänge in Deutschland zur Kolonialzeit.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zehn Kapitel gegliedert und reich bebildert.

Im ersten Teil geht es um die Darstellung von ausgewählten kolonialen Orten in Deutschland. Köln, Bremen, Weimar, Hannover, Osnabrück, Düsseldorf, Leipzig, Freiburg, München. Es sind überwiegend vergessene, weggewischte und verdrängte Zusammenhänge, die von den Autorinnen und Autoren in Erinnerung gebracht werden.

„Mit Deutschland `über See`“ werden im zweiten Teil die frühen kolonialen Spuren aufgedeckt, von den Welsern in Augsburg, bis hin zu den Geschützschmieden in Emden.

Die Beiträge im dritten Teil handeln von der „geographischen Erforschung der Welt“, als koloniale Wegbereiter, mit den Afrikaforschern Friedrich Konrad Hornemann (vgl. auch: Busse / Meier-Hilbert / Schnurer, Hrsg., Spurensuche in der Afrikaforschung – Von F. K. Hornemann bis heute. Ausgewählte Ergebnisse zur Afrikaforschung an der Reiseroute von F. K. Hornemann, Paulo Freire Verlag, Oldenburg, 2007), Heinrich Barth, Ferdinand von Richthofen, Hans Meyer und anderen, ergänzt durch einen Blick in Erdkundebücher.

Im vierten Kapitel geht es um „koloniale Infrastruktur“, mit Informationen über die propagandistische, institutionelle, schulische, museale und wissenschaftliche Darstellung des Kolonialgedankens.

Fünftens wird der „Kolonialpolitik“ ein breites Feld eingeräumt. Es sind die Ereignisse, wie etwa der Helgoland-Sansibar-Vertrag von 1890 und Akteure, deren Bedeutung für die deutsche Kolonialpolitik von Bedeutung waren, bis hin zu der Entdeckung der „kolonialen Wurzeln der Pfadfinderbewegung“.

Im sechsten Teil werden die teilweise (noch) sichtbaren Helden-, Mahnmale, Plätze, Straßen und Gräber thematisiert und damit die dahinter sich verbergenden Ideologien und Rassismen aufgedeckt.

Siebtens wird der „visuelle Kolonialismus“ vorgestellt, wie sie in Völkerkundemuseen, Ausstellungen, bis hin zu präsenten Figuren, wie etwa dem „Coburger Mohr“ und anderen Firmen- und Werbeanzeigen.

Im achten Kapitel wird die vielfältige Palette des Kolonialismus in der Literatur aufgefächert, mit dem Schwerpunkt der zahlreichen literarischen Erzeugnisse zu Deutsch-Südwestafrika, in der Geschichtsschreibung der Ullstein-Weltgeschichte und der kolonialrevisionistischen „Ostafrika“-Abenteuer- und Erlebnisromane.

„Koloniale Topoi“ bezeichnen die Autoren im neunten Kapitel ihre Beiträge zu ausgewählten Symbolen, wie etwa Röchlings Schlachtengemälde „Germans to the Front“, anlässlich der Niederschlagung des Boxeraufstandes in China, die „Schutztruppen“ – Ideologie in den ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika, von Überlegungen, „Wie erzieht man am besten den Neger zum Plantagen-Arbeiter“, bis zur ideologischen Parole „Volk ohne Raum“.

Im zehnten und letzten Kapitel schließlich geht es um „Das Schwarze Deutschland“, mit Berichten über die so genannten „Kolonialschauen“ in den Zoologischen Gärten, mit Darstellungen über schwarze deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg, von Hausangestellten, Studenten, Ärzten und Musikern, und von dubiosen Beweismitteln in der NS-Rassenkunde von der „Ungleichheit der Rassen“.

Fazit

Die Spurensuche nach kolonialen Zeugnissen, Quellen und existenten Fundsachen aus der deutschen Kolonialzeit und -geschichte wird von den Autorinnen und Autoren als Fingerzeig dargestellt, in überwiegend kurzgefassten Berichten über eingegrabene, verdeckte und verdrängte Mahnmale des deutschen, kolonialen Rassismus. Die sicherlich nicht vollständigen, von den Expertinnen und Experten ausgewählten Beispiele der deutschen Kolonialherrschaft, lassen sich lesen als eine Aufforderung, in Wissenschaft und Gesellschaft sich intensiver mit den Folgen, Wirkungen und andauernden Auswirkungen des deutschen und europäischen Kolonialismus auseinander zu setzen. So lässt sich die Quellensammlung auch verstehen als ein gelungenes Exempel für öffentliche Aufklärung. Die Frage, wie wir geworden sind, wie wir sind, ist ohne eine verantwortliche Konfrontation mit dem Kolonialismus nicht zu beantworten!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 18.10.2010 zu: Ulrich van der Heyden, Joachim Zeller (Hrsg.): Kolonialismus hierzulande. Eine Spurensuche in Deutschland. Sutton Verlag GmbH 2008. ISBN 978-3-86680-269-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9952.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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