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Michael Winterhoff, Isabel Thielen: Persönlichkeiten statt Tyrannen

Cover Michael Winterhoff, Isabel Thielen: Persönlichkeiten statt Tyrannen. Oder: Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2010. ISBN 978-3-579-07630-0. 19,95 EUR.

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Zu dem Titel liegt eine Leseprobe vor.

Das Hörbuch als Aktionsmittel

Die Produktion von Audiobüchern boomt. In der Marktanalyse freilich wurde das Hörbuch lange als ein akustisches als Ergänzung (oder Konkurrenz) zum visuellen Mittel betrachtet und überwiegend in den Unterhaltungsbereich der Kinder- und Jugendliteratur verwiesen. Im vermehrtem Maße werden Hörbücher als Komplement für Fachliteratur angeboten. Die Nutzung des Hörbuchs erreicht damit nicht nur einen Ersatzcharakter, etwa für blinde Menschen, sondern auch einen informativen und kommunikativen Wert im Rahmen von Ausbildung, Lehre und Forschung.

Autoren, Thema und Entstehungshintergrund

Der Bonner Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Michael Winterhoff und die Münchner Juristin und Psychologin, Isabel Thielen, haben unter der ISBN 978-3-579-06867 das Buch „Persönlichkeiten statt Tyrannen. Oder: Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen“ (2010) vorgelegt. Beate Sonsino hat die Veröffentlichung in Socialnet rezensiert.

Der Gütersloher Verlagshaus legt dazu das Hörbuch mit vier CD vor. Es handelt sich dabei nicht um eine gekürzte Fassung des Buches, sondern die von Helge Heynold, Schauspieler und Wortredakteur des Hessischen Rundfunks (hr2) gelesenen Texte entsprechen dem Wortlaut der Winterhoff-, Thielenschen Veröffentlichung. Die Hörfassung dürfte für Rezipienten interessant sein, die unterwegs sind und sich die Literatur auf diesem Wege aneignen wollen; oder auch für die Seminararbeit, etwa in der Lehrerbildung und –fortbildung. Die Buchtexte teilen sich auf die vier CD wie folgt auf: CD 1 bringt den Einführungsteil „“Die Tyrannen und das Berufsleben“, „Mikrokosmos und Arbeitsmarkt – Wenn der Ernst des Lebens beginne“ und das erste Kapitel von „Schöne neue Arbeitswelt?“ (ca. 79 Min.). In der CD 2 liest Helge Heynold das zweite bis vierte Kapitel zu den Aspekten „Ausbildungsmisere“, „Ausbilder“ und „Bewerbungen“ und den Teil „Was dahinter steckt – Wieso junge Erwachsene sich wie Kleinkinder verhalten“. Auf der CD 3 wird dieses Kapitel mit einem Exkurs über „Führungskräfte mit nicht entwickelter Psyche“ fortgesetzt, sowie die Teile: „Was Chefs und Ausbilder ändern können und müssen, sowie das erste Kapitel über „Die Rolle der Eltern – Dabei sein ist nicht immer alles“. Schließlich wird in der CD 4 darauf Bezug genommen „Was vor der Bewerbungsphase geschehen muss – Änderungen in den Konzepten der Kindergarten- und Schulzeit“, und das Schlusswort. Anstelle eines Glossars der einschlägigen Begriffe und Diskussionsaspekte führt das Autorenteam „Beziehungsstörungen im Überblick“ auf.

Diskussion

Michael Winterhoff und Isabel Thielen gehen die Thematik anders an, als dies etwa in Ratgebern, in wissenschaftlichen Untersuchungen und im öffentlichen Diskurs behandelt wird. Es sind nicht die sattsam bekannten und seit Jahrtausenden immer wiederholten Klagen von Erwachsenen darüber, dass die Jugend nichts tauge, mit ihr keine Gesellschaft zu machen sei und mit ihr sowieso alles den Bach runter gehen würde. Sie bringen auch keine Zeigefingerargumente gegen Familie, Kindergarten und Schule. Die vielfach beklagte und belegbare fehlende Ausbildungsreife von immer mehr Jugendlichen und jungen Erwachsenen deklarieren sie als eine in der Gesellschaft produzierte fehlende psychische Reife. Es seien nicht allein die mangelhaften Grundfertigkeiten, wie etwa Rechtschreib- und Rechenkenntnisse, die eine erfolgreiche berufliche Ausbildung behinderten, sondern vor allem die sozialen Fähigkeiten, wie etwa der Mangel an Beziehungsfähigkeit, Leistungsbereitschaft, egozentrische Einstellungen, Durchhaltevermögen, Konzentrationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Toleranz und Einordnungsbereitschaft. Wo aber, so fragen die Autoren, lernen Kinder und Jugendliche Sozialverhalten? Wenn bereits im Kindergarten und in der Schule diese Werte klein- und die materiellen, egoistischen Wünsche und Vorstellungen großgeschrieben werden? Wenn beim Lernen das Kognitive, das Schwarz-auf-Weiß-Erworbene absolut und das emotionale, moralische Lernen auf die Nebenfächer verwiesen wird? Wenn der „zerstückelte Schüler“, der in der ersten Stunde Mathe, in der zweiten Bio, in der dritten Deutsch, in der vierten Physik… eingetrichtert bekommt? Wenn die Schlagwörter von der Generation „Kannnix“, „Denknix“ und „Egofix“ die Diskussion in den Medien bestimmen? Wenn in der Bildungspolitik Oberflächenretuschen anstelle von ganzheitlichen Reformen angestellt werden? Solange in der Erziehung und Bildung, in der Familie, im Kindergarten, in der Schule und im Freizeitverhalten, nicht die Beziehungsebene als Lernauftrag in den Vordergrund gestellt und in der Gesellschaft den Gleisbauarbeiten und Reparaturbetrieben der Vorzug vor einer Änderung des Fahrplans gegeben wird, solange werden wir mit dem Dilemma leben müssen, dass die jungen Menschen, die unsere Zukunft bedeuten, in immer größerer Zahl in gesellschaftshemmender Weise zu „Tyrannen“ werden. Der Zusammenhang von psychischer Reife und Arbeitsfähigkeit lässt sich nur als eine ganzheitliche, gesellschaftliche Aufgabe erkennen.

Das Autorenteam stellt die vielfach pessimistische Diagnose in zahlreichen Beispielen dar, ohne natürlich zu verschweigen, dass es auch positive Entwicklungen gibt. In der Tendenz allerdings zeigen sie auf, dass die Reifungsprozesse von jungen Menschen in vielfacher Hinsicht Anlass zur gesellschaftlichen Sorge geben. Sie rufen dabei weder nach dem Ordre mufti, noch nach den allzu einfachen Erwachsenenrezepten nach (Unter-) Ordnung; vielmehr diskutieren sie kenntnisreich und überzeugend, dass fehlende (Aus-)bildungsreife etwas zu tun hat mit den Prozessen, die vor dem Ausbildungsakt liegen und die nur bewältigt werden können, wenn der Verantwortungsgedanke als gemeinschaftliche und gesellschaftliche Aufgabe verstanden wird.

Fazit

Wir brauchen ein „Netzwerk Kultur“ (vgl. dazu: Peter Mörtenböck / Helge Mooshammer, Netzwerk Kultur. Die Kunst der Verbindung in einer globalisierten Welt, Bielefeld 2010, vgl. die Rezension), also in unserem Bildungs- und Erziehungsdenken und –handeln die Einsicht, dass die individuelle und gesellschaftliche Entwicklung in der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden Einen Welt Bildungsfähigkeit als ganzheitliche Kompetenz ohne psychische Reife nicht zu haben ist. Es ist gut, dass man die Argumente dafür nicht nur lesen, sondern auch hören kann. Vielleicht hören sie alle diejenigen, die in den Erziehungs- und Ausbildungsinstanzen tätig sind und gesellschaftlich und politisch dafür arbeiten.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.09.2010 zu: Michael Winterhoff, Isabel Thielen: Persönlichkeiten statt Tyrannen. Oder: Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2010. ISBN 978-3-579-07630-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9954.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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