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brand eins: Lernen lassen. Abenteuer Bildung

Cover brand eins: Lernen lassen. Abenteuer Bildung. tredition GmbH (Hamburg) 2009. 256 Seiten. ISBN 978-3-86850-657-0. 12,00 EUR.
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Bildung heißt, die Welt begreifen

Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir; wer kennt nicht diesen Spruch, den man gelegentlich heute noch über den älteren Schulportalen findet. Es ist die Einsicht, dass Lernen nichts zu tun hat mit dem Nürnberger Trichter, mit der kopfgesteuerten Anhäufung von scheinbar unverzichtbarem Wissen, oder was man in der jeweiligen Zeit und Kultur dafür hält, dass die Klassifizierung der „Wissenden“ und „Unwissenden“ in Notenschemata und gegliederten Schulsystemen nichts zu tun hat mit der tatsächlichen Fähigkeit der Menschen, das Leben zu gestalten und zufrieden zu leben. Die Frage, was denn Bildung eigentlich ist, beschäftigt in allen Zeiten die Menschen; und die Antworten und Definitionen beruhen nicht selten auf dem, was Macht ausmacht. Werden die Wissens- und Bildungserwartungen in der Gesellschaft anders definiert als der mächtige Mainstream dies will, drohen diejenigen, die sich einen Perspektivenwechsel kaum vorstellen können und von dem Status quo profitieren, mit dem Untergang der Kultur und dem Ende der gesellschaftlichen Entwicklung. Da ist es wohltuend und herausfordernd, Menschen zu hören, die „gegen den Strich bürsten“ und Denken wagen, was in der allgemeinen gesellschaftlichen Auffassung nicht gedacht werden darf.

Entstehungshintergrund

Die 1999 gegründete, monatlich erscheinende Wirtschaftszeitschrift „brand eins“ wird im allgemeinen von Managern und Führungskräften aus der Wirtschaft, den Medien und der Werbung gelesen. Sie beschäftigt sich jeweils mit einem Schwerpunktthema, wie etwa Kapital, Arbeit, Geld, Qualität, aber auch mit kulturpolitischen und ästhetischen Aspekten. Obwohl die Redaktion angibt, dass von der gut aufgemachten und professionell gestalteten Zeitschrift jeweils rund 100.000 Exemplare verkauft werden, ist brand eins in der breiten Bevölkerung kaum bekannt; und in der bildungskritischen Szene wird die Zeitschrift, wegen der Adressatenlistung als „Wirtschaftsmagazin“, eher gemieden. Das ist ein Fehler! Denn die Autorinnen und Autoren, die in und für brand eins schreiben und publizieren, stammen eben nicht (nur) aus dem Managementbereich und der konservativen Ecke der gesellschaftlich Oberen, sondern aus der gesellschaftlichen Praxis und können als Experten auf ihrem Gebiet bezeichnet werden. Die Redaktionsgruppe „brand eins Wissen“ bringt Publikationen heraus, etwa als Sammelbände von Beiträgen, die in der Zeitschrift über die Jahre hinweg erschienen sind. Das Thema „Lernen lassen. Abenteuer Bildung“ wird soeben in einem als gefälliges Arbeitsmaterial in grauer Bindung und haptischen Fühlung gebundenem Buch vorgelegt. Die Chefredakteurin der brand eins Wissen GmbH & Co. KG, Susanne Risch, zeichnet für die Auswahl der Beiträge verantwortlich.

Aufbau und Inhalt

Insgesamt 24 Beiträge thematisieren in journalistisch gekonnter Form Themen, wie

  • „Leben heißt lernen“ (Peter Lau),
  • „Die Vermessung der Welt“ (Frank Burger),
  • „Die Stunde der Idioten“ (Wolf Lotter),
  • „Denkende Hände „ (Andreas Molitor),
  • „Der große Graben“ (Jens Tönnesmann),
  • „Qualität kommt von Qual“ (Wolf Schneider“),
  • „Qualifikation ist ein anderes Wort für Lebenschancen“ (Peter Laudenbach).

Die Autorinnen und Autoren diskutieren mit Experten und stellen deren Meinungen in Interviews dar, wie etwa

  • „Wir denken, um die Wahrheit zu beweisen“ (Christiane Sommer mit Edward de Bono),
  • „Offene Fenster“ (Ralf Grauel mit Wolf Singer),
  • „Entdecke die Möglichkeiten“ (Gesine Braun mit Claus Otto Scharmer).

Andere Beiträge haben den Charakter vons Lebens- und Erfahrungsberichten, z. B. über

  • die Konzeption des „Early-Excellence-Modells“ im Kids-Club der Kindertagesstätte Schillerstraße in Berlin-Charlottenburg (Ralf Grauel),
  • das französische Konzept „“La main à la pâte“ als Zugang für das frühe naturwissenschaftliche Denken (Kerstin Friemel),
  • „Auf der Suche nach der Begeisterung“, die die Lehrerin Hertha Beuschel-Menze mit der „Lernbox“ initiierte (Mathias Irle);
  • die Auseinandersetzungen von Lehrerinnen, Lehrern, Schülerinnen, Schülern und Eltern mit der „Zeit der Zeugnisse“, den quälenden, konfliktreichen Auseinandersetzungen und existentiellen Nöten und den Sinn und Unsinn von Leistungsbewertung (Andreas Molitor),
  • die Tagebuchaufzeichnungen einer Lehrerin (Elisabeth Gründler).

Und es gibt Berichte über neue Führungsstile und Produktionsmethoden, wie

  • „Die gläserne Firma“ (Jens Bergmann),
  • „Freie Radikale“ (Harald Willenbrock).

Schließlich gibt es Darstellungen über Lebensschicksale, wie etwa das der erwachsenen Analphabetin Ursula Spranger (Helga Bendl), sowie den Auseinandersetzungen mit der alternden Gesellschaft: „Die Kultur des Alterns“ (Interview von Sacha Karberg mit dem Altersforscher Paul Baltes), bis hin zu dem persönlichen Bekenntnis des Theaterautors und Regisseurs Robert Wilson: „Vom Leben lernen“.

Fazit

Die Textsammlung ist kein wissenschaftliches Kompendium, mit ausgewiesenen Forschungsmethoden und Quellenverweisen, sondern ein Sammelwerk zum Nachdenken, Diskutieren und Argumentieren; vor allem gegen die ewiggestrigen Einwände: Das haben wir noch nie so gemacht – Da könnte ja jeder kommen – Das haben wir noch nie so gemacht! Es sind Aufforderungen zum Denken und zum Ausprobieren von Lebenschancen, die der Querdenker Hans A. Pestalozzi als „positive Subversion“ bezeichnet hat. Dabei wird weder zur Revolution aufgerufen, sondern schlicht und einfach zum Umdenken in allen Bereichen des menschlichen Lebens, vor allem in dem der schulischen und außerschulischen Bildung. Es ist ein Plädoyer „für Lernen, Denken-Dürfen, Wissen-Wollen – und für einen neuen Bildungsbegriff“. Es wäre zu wünschen, würde die Sammlung der Texte auf den Schreibtischen von Ausbildern, Personalentscheidern, Lehrerinnen, Lehrern und Politikern liegen und deren Essenzen in der alltäglichen Bildungs- und Erziehungsarbeit beherzigt werden.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.08.2010 zu: brand eins: Lernen lassen. Abenteuer Bildung. tredition GmbH (Hamburg) 2009. ISBN 978-3-86850-657-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9955.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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