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Ulrike Lehmkuhl: Aggressives Verhalten bei Kindern und Jugendlichen

Rezensiert von Dr. Christian Brandt, 07.10.2003

Cover Ulrike Lehmkuhl: Aggressives Verhalten bei Kindern und Jugendlichen ISBN 978-3-525-46184-6

Ulrike Lehmkuhl: Aggressives Verhalten bei Kindern und Jugendlichen. Ursachen, Prävention, Behandlung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2003. 252 Seiten. ISBN 978-3-525-46184-6. 64,50 EUR.

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Einführung in die Themenstellung

Aggressives Problemverhalten von Kindern und Jugendlichen ist einerseits eine ernste empirische Tatsache, andererseits auch Projektionsfläche sozialer Verunsicherung der jeweils "herrschenden" Generationen. Um über stereotype Deutungsmuster hinauszukommen, ist zunächst eine methodisch angemessene Erhebung und Analyse empirischer Daten erforderlich. Die in der gegenwärtigen Debatte herangezogenen Statistiken sind häufig wenig transparent, hier ist eine kritische Auseinandersetzung mit den vorhandenen Datenquellen nötig. Für ein tieferes Verständnis ist zudem die sozialpsychologische Differenzierung und gesonderte Betrachtung verschiedener Formen aggressiven Verhaltens erforderlich. Genaueres Wissen über die Entwicklungspfade aggressiven Problemverhaltens ermöglicht den Aufbau wirksamerer Präventionsprogramme, insbesondere für Risikogruppen. Vor allem die früh einsetzenden Störungen des Sozialverhaltens weisen ein hohes Chronifizierungsrisiko auf; die Weiterentwicklung spezifischer Interventions-, Behandlungs- und Trainingsansätze ist daher eine zentrale Aufgabe für die verschiedenen Professionen, die mit Kindern, Jugendlichen und Familien arbeiten.

Aufbau und Inhalte

Der von Ulrike Lehmkuhl (Virchow-Klinikum, Berlin) herausgegebene und mit einem Vorwort versehene Band umfasst fünfzehn eigenständige Beiträge, die sich auf verschiedenen Ebenen mit dem Thema auseinandersetzen. Bei einem großen Teil der Beiträge handelt es sich um Zusammenfassungen empirischer Studien zu Risiko- und Verlaufsfaktoren aggressiver Verhaltensstörungen. Zum einen werden aufschlussreiche Längsschnittuntersuchungen vorgestellt. Berichtet werden Ergebnisse aus der Mannheimer Risikokinderstudie zum Zusammenhang aggressiv gestörten Sozialverhaltens mit primären, frühkindlichen Interaktionserfahrungen (Manfred Laucht, Zentralinstitut für seelische Gesundheit "Zi" Mannheim); Ergebnisse der Berliner CRIME-Studie, in der seit 1976 die Rückfalldelinquenz einer Stichprobe straffällig gewordener Personen beobachtet wird (Vera Schneider & Klaus-Peter Dahle, Freie Universität Berlin); und eine 1997 begonnene Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zum längerfristigen Einfluss von Strafhaft auf die Entwicklung junger Inhaftierter (Werner Greve). Aus der bekannten Mannheimer Längsschnittstudie werden Befunde zu Risikofaktoren für rechtsextreme und gewaltbereite Entwicklungsverläufe dargelegt (Wolgang Ihle, Günter Esser, Universität Potsdam, Martin H. Schmidt, Zi Mannheim). Thematisch interessant, in der methodischen Darstellung allerdings etwas unverdaulich ist eine Erhebung zu Ärgerregulierung und Gewaltbereitschaft gegenüber Gleichaltrigen im Verlauf der Adoleszenzentwicklung (Maria von Salisch, Jens Vogelgesang & Caroline Oppl, FU Berlin). Unter den im Buch dargestellten Querschnittserhebungen besonders hervorzuheben sind eine kriminologische Dunkelfeldstudie zu Opfererfahrungen und Täterverhalten Jugendlicher (Katrin Brettfeld & Peter Wetzels, Universität Hamburg)und eine Studie zum Zusammenhang von aggressivem Verhalten mit Temperamentsmerkmalen (Klaus Schmeck, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Ulm). Der rechtswissenschaftliche Beitrag von Brettfeld & Wetzels leistet zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit der Polizeilichen Kriminalstatistik als häufig herangezogenem, aber uneindeutigen Indikator zur Abschätzung der Jugendgewaltdelinquenz. Der Ulmer Beitrag gibt im theoretischen Teil einen guten ersten Einblick in die klinische Temperamentsforschung.

Eingeleitet wird der Band durch einen im Jahr 2002 gehaltenen Vortrag der ehemaligen Hamburger Justizsenatorin Peschel-Gutzeit, im Focus steht dabei der im deutschen Familienrecht stattgefundene Demokratisierungsprozess: ein langer Weg mit dem Gewaltverbot in der Erziehung als jüngstem Schritt. Die Bedeutung der primären Interaktionserfahrung für das Risiko aggressiver Entwicklungsverläufe wird in den entwicklungspsychologischen Beiträgen besonders betont (Christian Eggers, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters Essen; Miriam Gschwendt et al., Zi Mannheim). Am Schluss des Buches werden Interventions- und Präventionsansätze vorgestellt; unter anderem das in Australien entwickelte Triple P-Programm (Positive Parenting Programm), ein Training zur Unterstützung positiven elterlichen Erziehungsverhaltens (Annett Kuschel, Kurt Hahlweg et al., Universität Braunschweig). Von der Arbeitsgruppe um Manfred Döpfner wird die Entwicklung eines Präventionsprogramms für Kinder mit expansivem Problemverhalten beschrieben (Universität zu Köln); zur praktischen Durchführung können die Artikel jedoch nicht genutzt werden.

Zielgruppen und Fazit

Der Band enthält sehr fundierte Untersuchungen, die als wertvolle Mosaiksteine zum Verständnis der Aggressionsproblematik anzusehen sind. Die wissenschaftliche Sorgfalt der Beiträge hebt sich wohltuend von vielen stereotypen Veröffentlichungen zur Jugendaggressivität ab. Das Buch ist für eine ganze Reihe von Professionen relevant, die mit Kinder und Jugendlichen arbeiten - in Jugendhilfe, Schule und Kliniken, in Beratungsstellen, Psychotherapie und der Justiz. An dieser Stelle fällt jedoch auch eine Leerstelle des Buches auf. Die Kooperationsqualität der vom Problemverhalten angesprochenen Dienste und Personen ist ein bedeutsamer Wirkfaktor antiaggressiver Interventionsstrategien. Eine Beschreibung von Modellversuchen, wie fallbezogene Kooperation zwischen den relevanten Institutionen gesichert werden und eine gut koordinierte Beantwortung aggressiven Problemverhalten erfolgen kann, hätte das insgesamt empfehlenswerte Buch noch bereichert.

Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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Es gibt 39 Rezensionen von Christian Brandt.

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ISSN 2190-9245