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Nikolaus Knoepffler: Angewandte Ethik

Cover Nikolaus Knoepffler: Angewandte Ethik. Ein systematischer Leitfaden. UTB (Stuttgart) 2009. 284 Seiten. ISBN 978-3-8252-3293-1. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 29,90 sFr.

Reihe: UTB - 3293.
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Thema

Die Debatte um Werte und Normen im Besonderen wie auch das Stellen ethischer Fragen, die unsere heutige globalisierte Gesellschaft im Allgemeinen berühren, nimmt naturgemäß immer stärker zu und beschäftigt die Medien. Dies geschieht nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer krisengeschüttelten Finanz- und Wirtschaftsordnung mit ihren Auswirkungen auf die sozialstaatlichen Entwicklungen und eine sozialpolitische Handlungsproblematik. Deshalb möchte die von Knoepffler verstandene Angewandte Ethik sich der aus dieser Entwicklung entstehenden Konflikte annehmen, ohne aber den Anspruch zu erheben einfache Antworten geben zu können. „Vielmehr geht es um einen systematischen Leitfaden,… der in den verschiedenen Bereichen der Angewandten Ethik einen Überblick über die wichtigsten ethischen Konfliktfelder „ (S. 11) geben will.

Autor

Dr. mult. Nikolaus Knoepffler ist Lehrstuhlinhaber für Angewandte Ethik und Leiter des 2002 gegründeten Ethikzentrums an der Friedrich-Schiller-Universität Jena – mit dem Ziel lebensdienliche Lösungen für ethische Konfliktfälle zu finden

Entstehungshintergrund

Das Buch basiert offensichtlich einerseits auf einer Anregung des Böhlau-Verlags, andrerseits auf der Erkenntnis des Autors den Studierenden einen Leitfaden für die vertiefende Beschäftigung mit der Angewandten Ethik an die Hand geben zu wollen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in drei Teile, an die sich ein äußerst hilfreiches Glossar, ein Verzeichnis der zitierten Literatur sowie ein Personen- und Institutionenregister anschließen.

Inhalte

Da das Werk als Leitfaden deklariert wird, liegt die Grundintention, ein in die Thematik mehr oder weniger einführendes Studienbuch vorzulegen, auf der Hand. Der Autor geht dabei didaktisch folgerichtig vor, indem er zunächst im ersten Teil eine „Allgemeine Grundlegung“ vornimmt. Hier geht es ihm vor allem um die Erklärung und Analyse von Begrifflichkeiten, die Darlegung ethischer Grundannahmen und schließlich um die Klassifikation ethischer Hauptpositionen. Der nachfolgende theorieethische Teil widmet sich in Form einer systematischen Grundlegung der Angewandten Ethik im Sinne einer normativen universalistischen Ethik, die auf den Grundprinzipien der Menschenwürde und der Menschenrechte basiert. Schließlich werden im dritten Teil spezifische Bereichsethiken und deren Anwendung in bestimmten Themenfeldern thematisiert, indem der Autor sich mit der Vermittlung von jeweiligen Wert- und Normenkonzepten und der Darstellung von entsprechenden Konfliktfeldern beschäftigt.

Knoepffler unternimmt es zunächst mittels einer Klassifikation der ethischen Hauptpositionen auf die Entwicklung der Wissenschaftsdisziplin Philosophie/Ethik einzugehen, indem er von der Klassik ausgehend die Naturrechtslehren etwa von Platon bis Scheler und Dewey aufzeigt, sich sodann den Pflichtethiken von Kant und Habermas zuwendet, um dann die Sichtweise des Konsequenzialismus anhand utilitaristischer Theorien sowie die Vertragstheorien eines Hobbes und Rawls zu erläutern.

Dabei betritt Knoepffler keineswegs in irgendeiner Weise Neuland, sondern legt den Grundstein bzw. schafft die Voraussetzung für das weitere Vorgehen und dessen Verständnis. Schließlich erfolgt die ethische Betrachtung bzw. Bewertung von Handeln in der Regel mit der Darstellung von dem der jeweiligen Situation und der jeweils betroffenen Person(en) dienlichen Typus oder ethisch relevanten Sichtweise (vgl. u.a. Eisenmann, Werte und Normen in der Sozialen Arbeit, Stuttgart 2006). Es ist sicher auch das Verdienst von Knoepffler darüber hinaus stärker nach der Anwendbarkeit von ethischen Theorien und Grundsätzen zu fragen und eine entsprechende Typologie in die Betrachtung mit einzubeziehen. Für ihn ist Ethik dann eine ‚angewandte‘, „wenn sie konkret wird. … dass sie sich ganz bestimmten Handlungsfeldern zuwendet und deren eigene Problemlagen aufgreift,…“ (S. 50). Der Autor leitet aus dieser Erkenntnis die Forderung ab, dass „ethische Sollensforderungen“ (ebd.) erst dann erhoben werden können, wenn man sich zuvor mit der Problemstellung umfassend auseinandergesetzt und den Sachstand grundlegend geklärt hat. Für diese Vorgehensweise nennt er einerseits das ‚Top-down-Modell Angewandter Ethik‘ von Tom Beauchamp und andrerseits das ‚Bottom-up-Modell Angewandter Ethik‘ anderer Ethiker. Geht es bei ersterem darum, dass sich aus der jeweils konkreten Situation ethisches Handeln ableiten lässt, so geschieht dies beim gegensätzlichen Modell durch den Vergleich von Falllösungen mit ähnlichen Fallkonstellationen. Beide Modelle stellen Knoepffler offensichtlich nicht zufrieden und er sieht in dem ‚holistischen Modell Angewandter Ethik‘ eine sachgemäße Alternative, weil sie im Handeln das Ganze berücksichtigt, also die Gesamtheit von Situationen und Prinzipien im Blick behält.

Knoepffler ist der Überzeugung, dass Angewandte Ethik „Lösungsvorschläge für ethisch relevante Konfliktfälle zu identifizieren und zu analysieren (hat) und zugleich bescheiden eigene Lösungen als angemessen zu entwickeln und zu vertreten (hat)“ (S. 61). In diesem Zusammenhang hält er absolute Werte und Normen in konkreten Situationen für angemessen und gerechtfertigt - auch dann, wenn diese von einer Mehrheit abgelehnt werden würden. Folgerichtig ist deshalb, dass der Autor seine Lösungsmöglichkeiten stets einer Überprüfung durch bestehende Werte- und Normen(-Konzepte) unterzieht. Somit wird der zweite Teil seines Werkes von der Darlegung, dass es Normen und Werte einer Angewandten Ethik gibt, bestimmt. Sicher erscheint es zunächst vermessen zu sein, wenn Knoepffler davon ausgeht, dass diese Werte und Normen unterschiedliche Weltanschauungen miteinander verbinden und von allen Menschen angenommen werden sollten. Es sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, dass es keinen weltumfassenden Konsens im Verständnis der Menschenrechte - also grundlegende Werte - gibt, auch wenn diese durch die Charta der Vereinten Nationen abgesichert erscheinen.

Wenn der Autor im zweiten Teil seines Buches von einer „systematischen Grundlegung“ spricht, so meint er damit, dass im Zentrum jeglichen ethischen Handelns der Mensch zu stehen hat. Er geht also zunächst von der Bedeutung des Prinzips der Menschenwürde aus, erläutert dieses im Sinne einer grundlegenden Menschheitserfahrung und misst es an dem Konnex zu den Menschenrechten. Schließlich verknüpft er die Menschenrechte mit den Menschenpflichten, wie etwa der Gerechtigkeit oder der Nachhaltigkeit. Natürlich bleiben dann gewisse Folgerungen für Politik und Recht nicht aus, da diese Bereiche wiederum für die entsprechenden Rahmenbedingungen für gesellschaftliche Teilsysteme bis hin zu Institutionen, Gruppen oder Einzelpersonen sorgen.

In seinem dritten Teil kommt Knoepffler schließlich zum eigentlich eher praktischen Teil seiner Darstellung Angewandter Ethik, indem er sie in spezifischen Bereichen zu verifizieren unternimmt. Dem Autor geht es darum, aufgrund der Vielzahl existierender Bereiche Angewandter Ethik, die ja auch durch stets neu hinzukommende erweitert werden, eine gewisse Systematik zu schaffen, die er als eigentliche Aufgabe der Angewandten Ethik „wie das Norm- und Wertgefüge von Menschenwürde und Menschenrechten, von Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit in den einzelnen Bereichen zur Anwendung kommt „ (S. 147) versteht. Als wesentliche Bereiche gelten für Knoepffler die Ethiken zu Wissenschaft, Technik, Wirtschaft und Umwelt, aber auch die Bio-, Sport- und Medien-Ethik.

Exemplarisch soll hier die Bioethik herausgegriffen werden, zu der der Autor sowohl die Sexual- wie auch die Medizinethik zählt. Der Rezensent gibt allerdings vorab schon zu bedenken, dass die Bioethik der wachsenden Bedeutung der Medizinethik, die zudem die immer selbständiger sich entwickelnde Pflegethik völlig vernachlässigt, so nicht unbedingt gerecht wird. Natürlich gilt es dem Autor dahingehend zuzustimmen, dass sowohl der Umgang mit menschlicher Sexualität wie auch mit menschlicher Krankheit und hierfür wichtigen neueren gentechnischen Möglichkeiten Dinge sind, die uns Menschen grundlegend beschäftigen und somit der Lösungen bei Problemstellungen harren.

Knoepffler verweist nun auf verschiedene Wege zur Lösung ethischer Konfliktfälle, so zum Beispiel auf den kasuistischen Zugang, der versucht, von einzelnen Fällen ausgehend zu Ergebnissen zu gelangen, wenngleich für ihn in diesem Fall „naturrechtliche Überlegungen zur Beantwortung bioethischer Fragen von zentraler Bedeutung“ (S. 212) sind. Die seines Erachtens derzeit prominentesten bioethischen Ansätze sind zum einen die utilitaristische Bioethik, der naturrechtlich geprägte Ansatz und der nicht utilitaristische Ansatz. Er nennt als Interpreten der ersten Sichtweise unter anderem Peter Singer und John Harris, die wohl bekanntesten Vertreter einer utilitaristischen Bioethik und im Gegensatz dazu Tom Beauchamp und James Childress mit ihrem nicht-utilitaristischen Vier-Prinzipien-Ansatz. Diesen Ansatz hält der Autor mit dem von ihm vertretenen Norm- und Wertgerüst für besonders vereinbar, da er die Patientenselbstbestimmung, das Nichtschadens-, das Fürsorge- und das Gerechtigkeitsprinzip umfasst. Wichtig ist ihm dabei die grundsätzliche Gleichwertigkeit der genannten Prinzipien. Bei dem naturrechtlichen Ansatz meint der Autor eine (allzu) große Interpretationsbreite des Naturrechts erkennen zu können und begründet dies mit der großen Bandbreite, die zwischen den Positionen von Platon, Aristoteles oder Thomas von Aquin liegt.

Knoepffler misst vor allem den Prinzipien der Selbstbestimmung und der Nichtschädigung eine besondere Bedeutung für die Sexualethik bei, weist insbesondere auf Kindsmissbrauch und Prostitution hin und bringt sexuelle Handlungen mit dem Prinzip der Nachhaltigkeit dort in Verbindung, wo es um „die Permanenz menschlichen Lebens“ (S. 215) geht. Der Autor würde falsch verstanden werden, wenn er nicht zugleich dem sexuellen Verhalten die Aufgabe zuschreiben würde, damit des Menschen (spezifische) Lebensform und die Erfüllung in dieser zuschreiben zu wollen.

Hier wie auch bei den anderen vom Autor angesprochenen Ethiken werden stets die zu diesen jeweiligen Themenfeldern gehörenden bereichsspezifischen Normen und Werte angesprochen, um nicht zuletzt einen praktischen Bezug herstellen zu können. Zudem schließt jedes Ethikkapitel mit einer beispielhaften Darstellung bereichsspezifischer ethischer Konflikte ab. Im Falle der oben exemplarisch aufgezeigten Bioethik geht es Knoepffler um das genetische Enhancement des Menschen, also um „eine physiologische, kognitive und verhaltensmäßige Verbesserung des Menschen mit Hilfe genetischer Methoden“ (S. 233). Er fragt konkret nach der Zielsetzung eines solchen genetischen Enhancements und warnt quasi vor einer Unvereinbarkeit mit dem Prinzip der Menschenwürde und dem damit verbundenen Recht auf Selbstbestimmung.

Diskussion

Das Buch von Knoepffler spiegelt die offensichtlich seit längerem bestehende Beschäftigung mit der Etablierung der Angewandten Ethik in eine wissenschaftliche Betrachtung des ethischen Gesamtkomplexes wider. Es zeigt eine fundierte Kenntnis nicht nur der philosophischen Wurzeln der uns auch und gerade heute beschäftigenden Ethiken unterschiedlicher Lebensbereiche, dabei sicher die wichtigsten davon aufgreifend, wenngleich nicht alle erfasst werden. So lässt das Buch nach Ansicht des Rezensenten bestimmte Formen bzw. Typen ethischen Handelns wie etwa die oben bereits erwähnte Pflegeethik oder die Wissenschaftsethik, aber auch die eher übergeordnete Form der Pflichtethik und nicht zuletzt die in fast allen gesellschaftlichen, aber auch zwischenmenschlichen Bereichen unerlässliche Verantwortungsethik vermissen – auch wenn gerade letztere durchaus hin und wieder zumindest indirekt erkennbar sein mag.

Fazit

Dem Autor ist es gelungen, dem Leser ein profundes und einsichtiges Verständnis von dem zu vermitteln, was als Angewandte Ethik gilt und wodurch sie sich von der bloßen theoretischen Betrachtung ethisch-philosophischer Grundsätze unterscheidet. Damit darf das vorliegende Werk nicht nur als einführende Pflichtlektüre für die Studierenden einschlägiger Fächer gelten, sondern kann durchaus darüber hinaus den Anspruch der Allgemeingültigkeit für all jene erheben, denen an der ethischen Betrachtung und Bewertung menschlichen Handelns besonders gelegen ist. Zudem werden die für die jeweiligen Themenfelder relevanten Norm- und Wertvorstellungen exemplarisch verdeutlicht. Dem Autor ist es darüber hinaus auch gelungen, theoretische Konzepte und Begründungen lesbar rüber zu bringen und zugleich einen wichtigen Beitrag für die in unserer Zeit immer wieder aufbrechende und unerlässliche Werte- und Normendiskussion zu leisten.


Rezension von
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Peter Eisenmann. Rezension vom 26.10.2010 zu: Nikolaus Knoepffler: Angewandte Ethik. Ein systematischer Leitfaden. UTB (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-8252-3293-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9963.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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