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Peter Schaber: Instrumentalisierung und Würde

Cover Peter Schaber: Instrumentalisierung und Würde. mentis Verlag (Paderborn) 2010. 160., Auflage. 160 Seiten. ISBN 978-3-89785-711-7. 16,80 EUR, CH: 28,00 sFr.
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Selbstachtung und Instrumentalisierung

In der Moralphilosophie von Immanuel Kant nimmt Autonomie als Wert eine hervorragende Position ein. Diese Autonomie gründet sich auf der Fähigkeit, sein Leben an Zwecken zu orientieren, die man sich selbst gesetzt hat. Die Selbstgesetzgebung ist in diesem Sinne eine Selbstzweckgebung. Die sogenannte Selbstzweckformel der Kant‘schen Philosophie betont diesen Zusammenhang: „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als auch in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“ Folgt man dieser Überlegung, dann werden Menschen immer dann instrumentalisiert, wenn man ihren selbst gesetzten Zwecken durch seine eigenen Handlungen nicht entspricht. Für Immanuel Kant ist es daher auch denkbar, dass sich Menschen selbst gegen ihre selbst gesetzten Zwecke verhalten können – d.h. Menschen können mit ihren Handlungen nicht nur andere instrumentalisieren, sondern auch sich selbst.

Die angewandte Ethik als Teildisziplin der Moralphilosophie untersucht verschiedene spezifischen gesellschaftliche Praktiken und Institutionen hinsichtlich ihrer moralischen Aspekte. Sie greift dabei auf die Überlegungen einer anderen Teildisziplin der Moralphilosophien zurück – der normativen Ethik – die sich vor allem mit der Frage beschäftigt, auf welche rationale Weise der Unterschied zwischen moralisch gut und moralisch schlecht (moralisch richtig bzw. moralisch falsch) begründet werden kann. Die sogenannten Bindestrich-Ethiken: Medizin-Ethik, Umwelt-Ethik, Wirtschafts-Ethik usw. sind in diesem Sinne Anwendungen der Ergebnisse normethischer Überlegungen auf gesellschaftliche Praktiken mit dem Ziel, verbindliche Einschätzungen darüber abgeben zu können, wie es um die moralische Qualität dieser gesellschaftlichen Handlungen und Verhaltensweisen bestellt ist.

Das moralische Instrumentalisierungsverbot stellt daher ein wichtiges Prinzip im Rahmen der Angewandten Ethik dar, wird doch die moralische Güte einer Handlung daran gemessen, ob es dabei zu Instrumentalisierung von Menschen kommt, oder nicht.

Dementsprechend widmet sich das Buch von Peter Schaber der Frage, was es eigentlich bedeutet, andere Menschen zu instrumentalisieren. Es soll der Versuch unternommen werden, diese, von vielen Menschen als fundamentale moralische Wahrheit bezeichnet, Ansicht näher zu fassen und zu begründen. Dabei wird es auch um die Frage gehen, inwieweit Situationen, in denen Menschen benutzt werden oder sich sogar selbst benutzen, moralisch zulässig sind. Das berührt natürlich auch die Frage, ob dieser Begriff der „Selbstachtung“ ein empirisches oder ein normatives Phänomen darstellt - “Eine der wichtigsten und auch schwersten Aufgaben der Philosophie ist es, eine bestimmte Unterscheidung zu ziehen. Diese Linie teilt die Wirklichkeit in das Wirkliche, das vom Denken, Wollen und Fühlen des Menschen unabhängig ist, und das Wirkliche, das vom Menschen und seinem Zugriff auf die Welt abhängig ist.“ (Stemmer 2008, 11). Peter Schaber definiert „Selbstachtung“ als normativen Begriff, und kontrastiert ihn mit dem empirischen (psychologischen) Begriff der „Selbstwertschätzung“.

Autor

Peter Schaber Professor für Angewandte Ethik an der Universität Zürich – (www.philosophie.uzh.ch/institut/lehrstuehle/angewandteethik/ma/schaber.html). Er publiziert seit vielen Jahren zu moralphilosophischen und angewandt-ethischen Themen und ist durch diese Tätigkeit auch über seinen Fachbereich hinaus bekannt geworden. Zu dieser Bekanntheit trägt sicherlich sein analytischer Zugang zu philosophischen Problemen bei – Peter Schaber schafft es, seine Ideen und Gedanken klar und einfach zu formulieren, und argumentiert vorbildlich in seinen Texten und Beiträgen –mit dieser Klarheit schafft er es, auch außerhalb der Philosophie Menschen für philosophische Themen zu begeistern.

Grenzen der Instrumentalisierung

Peter Schaber hat seinem Buch eine sehr überzeugende Struktur gegeben.

Im ersten Teil wird die Frage geklärt, was tatsächlich unter Instrumentalisierung zu verstehen ist (17-39). Es werden darin verschiedene Möglichkeiten ausgelotet, Instrumentalisierung greifbar zu machen. So stellt Peter Schaber folgende Auffassungen gegenüber: „Der andere als Zweck an sich selbst“ (17-20) – Instrumentalisierung bedeutet dieser Position nach, den anderen „nicht als Zweck an sich selbst“ zu behandeln. Einer weiteren Auffassung nach, instrumentalisiert man Menschen, wenn man sie bloß als Mittel behandelt (20-26). Dazu gilt es sich darüber klar zu werden, was es überhaupt bedeutet, jemanden als Mittel zu behandeln. Es muss auch geklärt werden, ob die faktische bzw. rationale Zustimmung der Menschen, die als Mittel behandelt werden, etwas daran ändert, wie diese Behandlung moralisch zu bewerten ist. Für Peter Schaber gilt „ „Andere bloss als Mittel zu behandeln“ ist keine Eigenschaft, die Handlungen falsch macht.“ (38) Die Eigenschaft, die tatsächlich einen Unterschied macht, ist die menschliche Würde. „Die Würde … ist ein Grundanspruch, der moralische Rechte begründet, die wir anderen Personen gegenüber geltend machen können.“ (37)

Im zweiten Teil expliziert Peter Schaber die beiden Begriffe „Autonomie“ und „Würde“, die – folgt man seinem Argument – eine große Bedeutung für die moralische Beurteilung der Frage haben, wann Menschen instrumentalisiert werden. „Zu achten sind die moralischen Rechte von Personen, die sich aus deren inhärenten Würde ergeben. Den anderen als Zweck an sich selbst zu behandeln, heisst nicht, ihn in seiner Autonomie, sondern in seiner Würde zu achten.“ (41).In diesem Teil wird auch ein Begriff vorgestellt, der den Begriff der Würde näher bestimmen kann – der Begriff der Selbstachtung. „Die Würde einer Person ist … der Anspruch auf Selbstachtung.“ (50). Selbstachtung versteht Peter Schaber „nicht als ein[en] Zustand des Sich-Würdigens, sondern als eine Weise …, wie man mit sich und mit anderen umgeht.“ (52). Diese Selbstachtung (an manchen Stellen auch Selbstverfügung genannt, so z.B. 59) ist eng an die Grundversorgung des Individuums gekoppelt. „Mit Würde ist hier vielmehr der Anspruch auf Selbstachtung gemeint, aus dem sich moralische Rechte von Personen, wie z.B. das Recht auf Sicherung des Existenzminimums, ergeben.“ (60). Peter Schaber zeigt aber auch schon in diesem zweiten Teil auf, dass die Selbstachtung nicht nur von anderen Menschen verletzt werden kann, sondern auch von einem selbst.

Der dritte Teil des Buches widmet sich daher der „Selbstinstrumentalisierung und Selbstachtung“ (65-79) Dreh- und Angelpunkt dieses Kapitels ist die Frage, ob es so etwas wie Pflichten gegen uns selbst gibt. Peter Schaber spricht sich für eine solche Selbstverpflichtung aus, und meint damit, dass wer seine Selbstachtung verletzt damit auch eine moralische Pflicht verletzt, „die Pflicht nämlich, seine eigene Würde zu achten.“ (78).

Im vierten Teil (81-95) geht Peter Schaber der Frage nach, warum wir überhaupt davon sprechen können, dass bestimmten Wesen inhärente Würde zukommt. Es werden bestimmte Eigenschaften diskutiert, die es vernünftig erscheinen lassen, bei bestimmten Wesen von Würde zu sprechen. „Selbstachtung setzt gewisse kognitive Kompetenzen voraus.“ (91) Diese Kompetenzen haben mit dem individuellen Verständnis zu tun, „was man sein, und wie man behandelt werden will.“ (91) Dieses Verständnis begründet die Selbstachtung und führt letztlich zu der Konklusion, „dass es sich dabei um den grundlegenden Anspruch handelt, ein Leben führen zu können, in dem man das Recht ausüben kann, über wesentliche Bereiche des eigenen Lebens zu verfügen.“ (95).

Der fünfte Teil argumentiert dafür, dass mit Selbstachtung und Würde aber nicht notwendigerweise die Forderung verbunden ist, dass dem Menschen damit auch absoluten Wert zukommt (97-104). „Die Würde von Personen ist ein Anspruch und kein Wert.“ (102) „Ansprüche von Personen können mit anderen Ansprüchen kollidieren. Dabei kann sich ein Anspruch als gewichtiger als ein anderer Anspruch erweisen.“ (104).

Im sechsten Teil des Buches werden diese Ansprüche der Selbstachtung genauer expliziert (105-121). „Um den Anspruch auf Selbstachtung realisieren zu können, müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein, auf deren Schutz man einen Anspruch geltend machen kann.“ (105). Peter Schaber nennt drei Beispiele dafür – zum einen die materielle Grundversorgung, zum zweiten die Grundausbildung (Schule) und zum dritten die Wahl zwischen akzeptablen Optionen zu haben. Dementsprechend werden Folter und Sklaverei, Armut und Verachtung als Würdeverletzungen klassifiziert.

Im siebenten Teil des Buches (123-132) wird das nun vollständig herausgearbeitete Verständnis von Selbstachtung und Würde in die Theorie der Moral integriert. „Es geht dabei um die Frage, ob der Begriff der Würde … moraltheoretisch neutral ist.“ (123). Peter Schaber misst der menschlichen Würde selbst eine moralisch neutrale Stellung zu – „Menschen sollen in ihrer Würde geachtet werden, weil sie Würde haben“ (127), nicht weil es moralisch wäre, sie in ihrer Würde zu achten.

Im abschließenden achten Teil wird das nun vollständige Konzept der menschlichen Selbstachtung, und den daraus folgenden Ansprüchen an sich und die anderen, in konkreten Situationen untersucht (133-152). Peter Schaber wendet beispielsweise seinen Blick auf Situationen, in denen andere getäuscht werden (134-136), Situationen, in denen Unschuldige getötet werden, um Menschen zu retten (138-141), oder Fälle von Selbstaufopferung (146).

Fazit

„Zuallererst drückt die Sprache nicht Gedanken oder Ideen aus, sondern Gefühle und Affekte.“ (Cassirer 2007, 51) Das Instrumentalisierungsverbot ist in der philosophischen, psychologischen und pädagogischen Fachliteratur eng mit dem Begriff der Würde verbunden. Dem Begriff der Würde kommt dabei eine besondere Rolle zu, da er bereits als moralischer Begriff verwendet wird (vgl. Foot 1967). Peter Schaber hat in seinem Buch dafür argumentiert, das Instrumentalisierungsverbot von diesem Begriff der unantastbaren menschlichen Würde zu entkoppeln und stattdessen auf das normative Konzept der Selbstachtung Bezug zu nehmen. Selbstachtung sieht Peter Schaber nicht unbedingt mit dem Begriff der Autonomie verknüpft – auch wenn in der Literatur diesem Autonomiebegriff eine große Bedeutung beigemessen wird: „Autonomie ist ein Schlüsselbegriff der Moralphilosophie, mit dem die Frage nach der Freiheit des Menschen thematisiert wird.“ (Zoglauer 2010, 11). Selbstachtung hat sehr viel mit der Frage zu tun, was man sein, und wie man behandelt werden will, ohne jedoch bloß ein anderer Ausdruck für Selbstwertschätzung zu sein (vgl. auch Honnefelder 2007) Selbstachtung ist zum einen mit Ansprüchen an andere, wie auch an einen selbst verbunden.

Peter Schaber argumentiert klar und verständlich für seine Position und macht damit ein inhaltlich schwieriges philosophisches Problem für einen breiten Leserkreis zugänglich. Seine Position überzeugt und ändert damit traditionelle Zugänge zur Frage der Instrumentalisierung von Menschen. In dieser Form kann Philosophie wieder größeren Einfluss auf das Denken und Handeln vieler Menschen nehmen, weil gezeigt wird, was systematische Analysen zu leisten im Stande sind. Ein Lob gebührt auch dem Mentis Verlag, in dem die analytische Philosophie gut aufgehoben ist.

Literatur:

  • Cassirer, E. (2007 [1944]). Versuch über den Menschen - Einführung in eine Philosophie der Kultur. Hamburg (GER), Felix Meiner Verlag
  • Foot, P., Ed. (1967). Theories of Ethics. Oxford Readings in Philosophy. Oxford (UK), Oxford University Press
  • Honnefelder, L. (2007). Was soll ich tun, wer will ich sein? Vernunft und Verantwortung, Gewissen und Schuld. Berlin (GER), Berlin University Press

Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
Homepage www.kompetenz-coaching.at
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Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 23.12.2010 zu: Peter Schaber: Instrumentalisierung und Würde. mentis Verlag (Paderborn) 2010. 160., Auflage. ISBN 978-3-89785-711-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9973.php, Datum des Zugriffs 26.04.2019.


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