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Verena Schmitt-Roschmann: Heimat

Cover Verena Schmitt-Roschmann: Heimat. Neuentdeckung eines verpönten Gefühls. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2010. 240 Seiten. ISBN 978-3-579-06764-3. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Verfasserin

Verena Schmitt-Roschmann, geboren 1966, ist studierte Journalistin (Master of Arts an der Journalistenschule der American University in Washington D. C.) und arbeitet seit 1996 als politische Korrespondentin in Berlin, wo sie auch lebt.

Heimatbedarf

Am Anfang, S. 10, und am Ende des Buches, S. 187, wird „wachsender Heimatbedarf“ in Deutschland behauptet. Wer meldet ihn an, den Bedarf? Wir alle, erstens; die ehemaligen DDR-Bürger, zweitens; die Menschen mit Migrationshintergrund, drittens. – Der Reihe nach: Wir alle, weil im Zeitalter des „interkontinentalen Nomadentums“ (S. 11) mit wechselnden „Lebensmittelpunkten“ der Mensch nach einem „festen Grund im globalen Chaos“ suche, eben „Heimat“. (vgl. S. 48)

50 Seiten widmet das Buch dem Gefühl des Heimatverlustes bei „gelernten DDR-Bürgern“ nach Mauerfall und Wiedervereinigung. Über Nacht gehörte man zu einem unbekannten „Germoney“, wurde von „Besserwessis“ bevormundet, kannte sich zu Hause nicht mehr aus, denn Straßen, Plätze und ganze Städte wurden einfach umbenannt und der allseits beliebte „Palast der Republik“ („60 Millionen DDR-Besucher in den knapp 14 Jahren seines Betriebs“, S. 126) wurde dem Erdboden gleichgemacht. (vgl. S. 100 ff)

40 Seiten widmet das Buch der spezifischen Heimatlosigkeit von Ausländern im „missmutigen Einwanderungsland Deutschland“ (S. 165) Neben statistischen Merkwürdigkeiten – in Deutschland gibt es weit mehr „Deutsche mit Migrationshintergrund“ als Ausländer (vgl. S. 152) – weist uns dieses Kapitel auf eine ärgerliche deutsche Eigentümlichkeit hin: auf den doppelten Deutschen-Begriff. Nicht jeder deutsche Staatsbürger ist auch Deutscher. Denn der ethnische Begriff des Deutschen ist an Volkszugehörigkeit gebunden, nicht an Staatsangehörigkeit. Die Vorstellung, Deutscher könne man nur sein, aber nicht werden, ist ein großes Hindernis für die Beheimatung von sesshaften Ausländern. Vielleicht lassen sich von daher auch die wachsenden Integrationsdefizite bei rückläufiger Zuwanderung erklären.

Erkenntniskern

Kann man in dem stark anekdotisch aufgebauten Buch - viele einzelne Schicksalsgeschichten folgen aufeinander - einen Erkenntniskern ausmachen, der es erlaubt, den Heimat-Begriff neu und systematisch zu bedenken? Vielleicht so:

  • Heimat ist ein ambivalenter Begriff. Auf der einen Seite scheint mit dem Ort der Geburt und des Aufwachsens die Heimat gewissermaßen „vorgegeben“ zu sein. Die Psychologie nennt Heimat „die sinnliche Erfahrung der Kindheit“ und schreibt ihr erhebliche Auswirkungen auf die personale Identität des Einzelnen zu. (vgl. S. 30) Auf der anderen Seite kann Heimat aber auch das Produkt einer freien Willens-Entscheidung sein: ubi bene, ibi patria. (vgl. S. 188) Man kann sich Heimat durchaus bewusst schaffen und in einem Leben nebeneinander oder nacheinander mehrere Heimaten haben.
  • Heimat ist ein utopischer Sehnsuchtsbegriff. Heimat ist da, wo „ein unbefragtes Recht auf Zeit besteht“; da, wo es keine „Fremdbestimmung und Willkür“ gibt; da, wo eine „sinnvolle Ordnung“ vorherrscht. (vgl. S. 33) Oder wie Bloch sagt: Heimat ist „etwas, worin noch niemand war“.
  • Heimat wird zum Spießer-Begriff, wenn dörfliche Nähe, Vertrautheit und Immobilität über alles gehen. Das Spießige bekommt eine gefährliche Note, wenn aggressiver Anti-Urbanismus damit verbunden wird. (vgl. S. 104)
  • Heimat ist ein Kompensationsbegriff: Erst wer sie verloren hat, lernt sie zu schätzen. Wer in der Fremde lebt und keine Möglichkeit der Rückkehr hat, erinnert sich seiner Herkunft. – So ist das „Lied der Deutschen“ von Hoffmann von Fallersleben entstanden, unsere Nationalhymne.
  • Heimat ist ein verdorbener Begriff. Ein braun gefärbtes Wort in Deutschland. Der Nationalsozialismus und seine „Blut-und-Boden-Ideologie“ haben den Heimatbegriff chauvinistisch aufgeladen und für alle Fremden zu einem „Bedrohungskonzept der Einheimischen“ gemacht. (vgl. S. 46)
  • Heimat ist ein überstrapazierter Begriff. Wenn von der „Heimatlosigkeit des Hertie-Mitarbeiters“ die Rede ist, der nach 30jähriger Betriebszugehörigkeit mit der Schließung der Ladenkette nun auf der Straße steht, dann möchte man die emotionalen Folgen von Arbeitslosigkeit zur Sprache bringen (vgl. S. 50 ff), könnte dies aber vermutlich genauer und präziser tun, wenn man auf das Wort Heimat verzichtete.

Fazit

Die Verfasserin versteht sich, folgt man ihrer Argumentationsweise, eher linksliberal. Also möchte sie zweierlei vor allem: Obwohl selbst internationalistisch orientiert und nicht patriotisch verführbar, will sie die „Heimat“ nicht den Rechten überlassen, einerseits. Da in Deutschland zur Heimat die sentimentale „Heimattümelei“ gehört, möchte sie, zweitens, den Begriff mit Renate Künast „aus der Gefangenschaft der Tümelei befreien“. (vgl. S. 97) und postuliert darum im Vorspruch zum Buch: Heimat ja, „aber ohne Hirschgeweih und Alpenglühen“. - Warum ziert dann ein Nistkästchen für Höhlenbrüter den Schutzumschlag?

Ein diffuses Unbehagen gegenüber „Deutschland als Heimat“ bleibt hartnäckig bestehen, und zwar wider besseres Wissen. Auf S. 98 lässt die Autorin ihre Kollegin Caroline Emcke sprechen „Ich habe nie die deutsche Nationalhymne gesungen und ich werde das auch nie tun, habe nie die deutsche Fahne geschwenkt und werde das auch nie tun. Ich weiß um die Unbelastetheit der Strophe und ihrer Aussage wie um die der Fahne und ihrer Farbe – und dennoch bereitet es mir Unwohlsein.“ – Spricht Caroline Emcke auch für Verena Schmitt-Roschmann? Zu vermuten ist es. Deutschland ist eben ein schwieriges Vaterland. Das hält allerdings nicht davon ab, sich in seinem „Kiez“, da, wo man alltäglich lebt, zu Hause zu fühlen.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 29.09.2010 zu: Verena Schmitt-Roschmann: Heimat. Neuentdeckung eines verpönten Gefühls. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2010. ISBN 978-3-579-06764-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9980.php, Datum des Zugriffs 01.05.2017.


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