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Heide von Felden, Jürgen Schiener (Hrsg.): Transitionen - Übergänge vom Studium in den Beruf

Cover Heide von Felden, Jürgen Schiener (Hrsg.): Transitionen - Übergänge vom Studium in den Beruf. Zur Verbindung von qualitativer und quantitativer Forschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 220 Seiten. ISBN 978-3-531-16947-7. 29,90 EUR.

Reihe: Lernweltforschung - 6.
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Thema

Heide von Felden und Jürgen Schiener präsentieren im Sammelband „Transitionen – Übergänge vom Studium in den Beruf“ die Ergebnisse einer langfristig angelegten Absolventenstudie zum Berufseinstieg von Mainzer Pädagogik- und Medizinstudierenden. Von zentralem Interesse in diesem Projekt der Biographie- sowie Lebenslaufforschung sind die studien- und berufsbezogenen Erwartungen der Befragten sowie deren Erfahrungen im Übergang vom Studium in den Beruf.

Herausgeber

Prof. Dr. Heide von Felden lehrt und forscht im Arbeitsbereich Erwachsenenbildung/Weiterbildung des Instituts für Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Biographieforschung, historische Bildungsforschung, Genderforschung, Lehr- Lernforschung.

Dr. Jürgen Schiener ist akademischer Oberrat am Institut für Soziologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Soziale Ungleichheit im Zugang zu beruflicher Bildung, Bildungs- und Arbeitsmarktforschung, Karrieremobilität.

Aufbau und Einleitung

Der Sammelband beginnt mit einem einleitenden Beitrag der Herausgebenden, der einen kompakten Überblick über inhaltliche Grundlinien des Sammelbandes liefert: theoretische Konzepte der Übergangsforschung von Studium in den Beruf sowie die empirisches Vorgehensweise und Datengrundlage der präsentierten Studie werden vorgestellt. Bei der vorgestellten Studie handelt es sich um ein „Kooperationsprojekt zwischen der Arbeitsgruppe Erwachsenenbildung des Instituts für Erziehungswissenschaft, dem Institut für Soziologie und dem Zentrum für Qualitätssicherung und -entwicklung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.“ Bestandteile der Studie sind eine 2005 durchgeführte standardisierte Befragung aller Absolvent/inn/en des Jahrgangs 2002 der Universität Mainz, eine standardisierte Folgebefragung 2008 sowie 16 qualitative Interviews 2008 mit Absolvent/inn/en der Studienfächer Erziehungswissenschaft und Medizin. Die Auswahl der untersuchten Studienfächer Erziehungswissenschaft und Medizin wird im weiteren Text begründet sowie eine inhaltliche Vorschau auf die folgenden Beiträge des Sammelbandes gegeben.

Anschließend folgen drei thematische Abschnitte mit Beiträgen verschiedener Autor/inn/en.

Teil I: Biographieforschung und Lebenslaufforschung – konzeptionelle Grundlagen

Heide von Felden skizziert in „Übergangsforschung in qualitativer Perspektive: Theoretische und methodische Ansätze“ empirisch-qualitative Grundlagen bezogen auf Übergangsforschung. Gesellschaftliche Zusammenhänge reflexiver Modernisierung sowie Prozesse der Deinstitutionalisierung des Lebenslaufs werden nachgezeichnet, die Konzepte von Übergangsriten, Statuspassagen und Transitionen bezogen auf den Übergang Studium-Beruf erläutert sowie Grundannahmen qualitativer Forschung dargestellt.

Jürgen Schiener gibt in „Arbeitsmarkt und Berufseinstieg von Akademiker/innen. Theoretische und empirische Befunde“ einen Überblick über Forschungsansatz, Grundbegriffe, Indikatoren und (institutionen-)theoretische Grundlangen von Arbeitsmarkt- und Lebenslaufforschung. Der aktuelle Forschungsstand wird beschrieben sowie Entwicklungen des akademischen Arbeitsmarkts und der Berufseinstieg von Akademiker/inne/n, bevor resümiert wird, dass sich die Arbeitsmarktsituation von Akademiker/inne/n im Vergleich zu anderen Berufsgruppen „ausgesprochen gut“ (S. 66) darstellt. Weniger positive sei zwar der Befund für den Berufseinstieg, jedoch wird die zunehmende Bedeutung befristeter Beschäftigungsverhältnisse eher als ‚Trittbrett‘ anstatt ‚Sackgasse‘ in den Arbeitsmarkt diskutiert.

Teil II: Der Übergang vom Studium in den Beruf: Sequenzmuster und Sinnkonstruktionen

Im zweiten Teil werden die Ergebnisse der langfristig angelegten Absolventenstudie zum Berufseinstieg von Mainzer Pädagogik- und Medizinstudierenden vorgestellt.

Dirke Böpple analysiert empirisch-quantitativ in „Berufseinmündungsprozesse von Hochschulabsovent/innen: Ereignis- und Sequenzmusteranalysen“ verschiedene Einflussfaktoren auf Berufseinstieg und –verlauf sowie Gruppen, die sich in ihrem Berufseinmündungsprozess ähnlich sind. „Je diffuser das mit dem Studiengang verbundene Berufsbild ist, desto langwieriger gestaltet sich der Übergang in den Beruf“ (S. 102).

Kira Nierobisch präsentiert in „Studium, Übergang und Beruf: Unterschiedliche Gestaltungsformen von Pädagog/innen und Mediziner/innen“ Ergebnisse der leitfadengestützten, qualitativen Interviews. Insbesondere zeichnen sich zunehmend entstandardisierte Übergänge in den Beruf ab, auch die spätere Berufssituation wird als relativ unsicher und instabil erlebt, wobei entstehende Probleme und Bewältigungsstrategien ins Individuum verlagert werden.

Maria Wagner ergänzt Perspektiven der Genderforschung in „Familie und Beruf: Geschlechtsspezifische und fachspezifische Unterschiede von Mediziner/innen und Pädagog/innen“. Herausgestellt wird, dass für alle befragten Work-Life-Balance ein wichtiges Thema sei, jedoch die Vereinbarkeitsfrage von Familie und Beruf sowie Ausbalancierung von Zeitressourcen ein geschlechtsbezogenes (und nicht fächerbezogenes) Problem darstellt, denn es „müssen sich Frauen nach wie vor beruflich weit mehr einschränken“ (S. 180).

Heide von Felden stellt in „Lernprozesse in Transitionen: Subjektive Konstruktionen in strukturellen Übergangsprozessen“ eine rekonstruktive Interviewinterpretation detailliert vor. Über den zunächst dargelegten rekonstruktiven Forschungsansatz können latente Sinngehalte erschlossen werden, insbesondere erweisen sich subjektive Konstruktionen der Interviewten als bedeutsam für die strukturellen Übergangsprozesse vom Studium in den Beruf.

Heide von Felden beschreibt anschließend „Haltungen und Habitusformen von Absolvent/innen der Studiengänge Pädagogik und Medizin: Zum Zusammenhang von Fachkulturen und Selbst- und Welthaltungen.“ Die Selbst- und Welthaltungen der Interviewten werden qualitativ rekonstruiert und es wird der Frage nachgegangen, inwiefern sich berufs- und feldspezifische Haltungen und Habitusformationen aufgrund einer fachspezifischen Hochschulsozialisation identifizieren lassen. Vier Typisierungen mit maximalem Kontrast werden vorgestellt. Im medizinischen Feld wird von einer „Affinität von Feldstrukturen und Habitus“ (S. 234) gesprochen. Im erziehungswissenschaftlichen Bereich wird differenziert zwischen Studierenden, welche eine feldspezifisch notwendige Eigenaktivität und Zuversicht zur Bewältigung feldimmanenter Widersprüche mitbringen, und Studierenden, welche aufgrund einer unbestimmten Haltung „in Gefahr geraten, durch die Widersprüche des Feldes in eine Spirale der negativen Verlaufskurve zu gelangen.“ (S. 235).

Teil III: Übergänge als Transitionen

Dirk Böpple, Heide von Felden, Kira Nierobisch, und Maria Wagner beschreiben und reflektieren das entwickelte Forschungsdesign in „Übergänge als Transitionen: Übergangsforschung als Triangulation von qualitativen und quantitativen Ergebnissen.“ Das Forschungsvorgehen, die eigene Positionierung im Triangulationsdiskurs sowie der Umgang mit und methodische Reflexionen von divergenten qualitativen und quantitativen Ergebnissen wird thematisiert.

Auf ein abschließendes Fazit des Sammelbandes wird verzichtet. Am Ende werden die Autor/inn/en in alphabetischer Reihenfolge vorgestellt und ihre Forschungsschwerpunkte umrissen.

Diskussion

Insgesamt handelt es sich bei dem Sammelband „Transitionen – Übergänge vom Studium in den Beruf“ um eine komplexe und überwiegend sehr gelungene Präsentation der Forschungsergebnisse einer breit angelegten Mainzer Berufseinmündungsstudie.

Insbesondere ist sehr positiv hervorzuheben, dass nicht bloß die reine Ergebnispräsentation (wie in anderen Studien „clean“ und unangreifbar wirkend) im Mittelpunkt steht, sondern gleichzeitig eine umfangreiche Reflexion der wissenschaftlich verwendeten Konstrukte und des Forschungsprozesses stattfindet. Theoretische Fundierungen wie bspw. das Habituskonzept Bourdieus oder der Transitions- vs. Transformationsbegriff werden grundlegend wiedergegeben, die Entscheidung für das Transitionskonzept wird begründet und aktuelle wissenschaftliche Literatur und theoretische Konstruktionen werden reflexiv in den jeweiligen Kapiteln auf die eigenen Forschungsergebnisse bezogen. Die Gleichzeitigkeit und Gegenüberstellung qualitativer Ergebnisse und quantitativer Daten bereichert zudem die inhaltliche Bandbreite der Ergebnisse. Dies bewirkt, dass „die gesellschaftliche Struktur in Form von statistischen Daten als auch individuelle Sinnkonstruktionen berücksichtigt werden.“ (S. 251). Parallel zur Präsentation der Forschungsergebnisse wird - als zweiter thematischer Strang - das Forschungsdesign explizit offengelegt, die Forschungsfrage erläutert, getroffene Entscheidungen zum Sample werden begründet, quantitative sowie qualitative Forschungsschritte und Methoden dargelegt, Inhalte von Fragebögen, Interviewleitfäden und jeweilige inhaltliche Forschungsziele transparent gemacht sowie wissenschaftstheoretische Positionierungen bezogen, z.B. wird methodische Triangulation nicht als Validierungsinstrument, sondern als Komplementaritätsgewinn verstanden.

Weniger überzeugend sind lediglich Detailfragen innerhalb einzelner Kapitel, bspw. bei der Begründung zur Auswahl der Studienfächer Medizin und Erziehungswissenschaft als „maximale Kontrastfächer“ (S. 14). Zum einen zählen innerhalb der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer die Erziehungswissenschaften zu denjenigen mit noch vergleichsweise guten Berufschancen (vgl. Züchner/Kleifgen (2003): Das Ende der Bescheidenheit, S. 73). Zum anderen vermisst man einen Bezug zum aktuellen Wandel dieser Studienfächer: Das Argument, dass der Diplomstudiengang im Vergleich zu Medizin wenig verschult und dereguliert ist, dürfte sich möglicherweise zukünftig durch die Modularisierung der pädagogischen Studiengänge erübrigen. Auch irritierten in einem derart reflektierten und reflektierenden Sammelband einzelne Aussagen im Kapitel „Studium, Übergang und Beruf: Unterschiedliche Gestaltungsformen von Pädagog/innen und Mediziner/innen“. Dort heißt es bei der Vorstellung der qualitativen Forschungsergebnisse z.B. „so empfinden doch drei Viertel der Interviewten ihre heutige Berufssituation […] als unsicher“ (S. 153). Auf der Grundlage von 16 qualitativen Interviews ist jedoch Vorsicht im Umgang mit Zahlenverhältnissen angebracht, damit die Forschungsergebnisse nicht als Repräsentativitäts-Aussage missverstanden werden. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass in der Präsentation der quantitativen Ergebnisse zu den „Berufseinmündungsprozessen von Hochschulabsolvent/innen“ die Graphiken zu den Allgemeinen Sequenzbeschreibungen , Clusteraufteilungen und Fachbereichsverteilung leider nicht lesbar sind, da die zahlreichen abgebildeten Graustufen nicht zu identifizieren sind.

Bedauerlich ist, dass kein abschließendes, übergreifendes Resümee gezogen wird, in dem bspw. Perspektiven diskutiert werden, die sich aus den Forschungsergebnissen ergeben. In welche Richtungen sich theoretische und empirische Anschlussmöglichkeiten eröffnen (z.B. für Biographie- und Lebenslaufforschung), in welchen Kontexten diese Ergebnisse von Bedeutung sein könnten (z.B. Steuerung von Bildungsprozessen oder Konzeptionierung von Berufsberatung) oder welche Aspekte von den Autor/inn/en für bedeutsam erachtet werden, bleibt offen.

Fazit

Insgesamt hat der Sammelband „Transitionen – Übergänge vom Studium in den Beruf“ wesentlich ‚mehr‘ zu bieten als viele andere Absolventenstudien zur Berufseinmündung: Hervorzuheben ist die Doppelstruktur von Ergebnispräsentation und methodischer Forschungsreflexion. Parallel zum Inhalt wird ein Beitrag zur Methodendiskussion sowie bereicherndes Beispiel zu Forschungsdesign und –reflexion geliefert. Inhaltlich werden die Ergebnisse und theoretische Bezüge systematisch reflektiert. Als zentrales Ergebnis wird sichtbar, dass Fachkulturen einen starken sozialisatorischen Einfluss auf die späteren Berufstätigen und deren Habitusformation haben, jedoch der fragile Übergangsprozess vom Studium in den Beruf stark von subjektiven Haltungen abhängig ist.

Lediglich für ‚fachfremde‘ Leser/innen und Wissenschaftler/innen, die weder involviert sind in Lebenslauf- oder Biographieforschung noch in empirische Methodendiskussionen, ist der Zugang zum Sammelband möglicherweise schwierig. Hierzu fehlt eine abschließende Zusammenfassung über Perspektiven, die sich aus den präsentierten Forschungsergebnissen eröffnen.


Rezension von
Dipl.-Päd. Iris Männle
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Zitiervorschlag
Iris Männle. Rezension vom 02.12.2010 zu: Heide von Felden, Jürgen Schiener (Hrsg.): Transitionen - Übergänge vom Studium in den Beruf. Zur Verbindung von qualitativer und quantitativer Forschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-16947-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9982.php, Datum des Zugriffs 02.07.2020.


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