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Anne Honer, Michael Meuser u.a. (Hrsg.): Fragile Sozialität

Cover Anne Honer, Michael Meuser, Michaela Pfadenhauer (Hrsg.): Fragile Sozialität. Inszenierungen, Sinnwelten, Existenzbastler ; Ronald Hitzler zum 60. Geburtstag. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 496 Seiten. ISBN 978-3-531-17173-9. 59,95 EUR, CH: 96,00 sFr.
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Thema

Mit „fragiler Sozialität“ ist die für die Gegenwartsgesellschaft symptomatische Brüchigkeit, ja Zerbrechlichkeit sozialer Verhältnisse gemeint. An die Stelle traditioneller Sinnbezüge und gesellschaftlicher Einbettungsmechanismen, denen sich Individuen anvertrauen, und auf deren Präsenz und Wirkung sie vertrauen konnten, ist eine posttraditionale Vielfalt an Möglichkeiten getreten, mit deren Hilfe man das eigene Ich autonom „erbasteln“ und selbst inszenieren kann. Diese Auflösungserscheinung geht allerdings mit einer permanenten Risikobedrohung einher, weil sich in einer posttraditionalen Sozialwelt stabile Rahmenbedingungen, auf die im Krisenfall zurückgegriffen werden können, ebenfalls im Rückzug befinden. Das vorliegende Buch beleuchtet eine Vielzahl von sozialen Kontexten, Szenen und „Sinnwelten“ vor dem Hintergrund der Selbstverwirklichungslust und ihrer Krisenhaftigkeit.

Herausgeberinnen und Herausgeber

Anne Honer ist Professorin für Empirische Sozialforschung an der Hochschule Fulda. Michael Meuser ist Professor für Soziologie der Geschlechterverhältnisse an der Technischen Universität Dortmund. Michaela Pfadenhauer ist an der Universität Karlsruhe Professorin für Soziologie.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband dient als Festschrift zum 60. Geburtstag von Ronald Hitzler (seit 1997 Professor für Soziologie in Dortmund). Geboten wird eine multiperspektivische Zwischenbilanz seines Werkes im Blickwinkel von Kollegen und Wegbegleitern, die sich mit verschiedenen Aspekten der von Hitzler seit den 1980er Jahren vorgelegten Studien über das „riskante Leben“ des Sozialakteurs in der Spätmoderne befassen. Dabei ist den Beiträgen bei aller äußeren Heterogenität gemeinsam, dass sie Hitzlers Credo übernehmen, Gesellschaft vom Individuum aus zu betrachten – und nicht das Individuum von der Gesellschaft her.

Aufbau

Den Band eröffnet der Nachdruck von Hitzlers berühmtem Aufsatz über den „Goffmenschen“ (ursprünglich 1991). Es folgen 32 Beiträge, die von den Herausgebern in Kategorien eingeordnet sind, die ihrerseits anschaulich die Schwerpunkte von Hitzlers Œuvre widerspiegeln: „Anthropologie und Kultur“, „Methodologie und existenziales Verstehen“, „Sinnbasteln und Bastelexistenz“, „(Spät-)moderne Gesellschaft und Identitäten“, „Vergemeinschaftung und Erlebniswelten“, „Wissen und Wissenssoziologie“ und schließlich „Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit“.

Inhalt

Ronald Hitzlers Forschungsarbeit in Sachen „Welten erkunden“ (8) in den Weiten des Alltags und den Tiefen sozialer Verhältnisse lässt sich hinsichtlich seines Erkenntnisinteresses mit der Leitfrage des berühmten Soziologen Erving Goffman verbinden: „Was geht hier eigentlich vor?“ Denn keineswegs ist die Welt so gestaltet, dass sie sich von selbst erklärt. Der Mensch ist ständig mit Fragwürdigkeiten konfrontiert (24 f.) und damit auf der – bald mehr, bald weniger bewussten – unaufhörlichen Suche nach Antworten und Sinnsetzungen. Verstehen wiederum, die elementare Operation im Prozess der Auseinandersetzung mit den Anforderungen der sozialen Umwelt, ist nur vermeintlich eine einfache Angelegenheit; gerade dies macht den Nachvollzug des Verstehensvorgangs „von außen“ so schwierig. Die Aufgabe, die unterstellte Stabilität der „allgemeinen Ordnung der Welt“ (56) auf ihre Festigkeit hin zu überprüfen, ist das ureigene Metier der Soziologen, die sich der Konstitutions- und Funktionsbedingungen dieser Ordnung mit nahezu detektivischem Gespür widmen. Aus soziologischer Sicht fallen die Permanenz der Sinnsuche und die Fragilität der Sozialität zusammen.

Beispielsweise zeigt sich – wie der Beitrag von Jo Reichertz erläutert (49 ff.) –, dass Alltagskommunikation überaus störanfällig sein kann, und dass – wie Trutz von Trotha demonstriert (75 ff.) – auch ein so denkbar unerwünschtes Phänomen wie Grausamkeit nichts substanziell „Menschenfremdes“ ist (sondern sogar eine „Wirklichkeit der Empfindungen und Gefühle“, 78). Da die Menschen und somit auch die Gesellschaft keineswegs stringent rational sind, kann (und muss und darf) auch die Soziologie es nicht sein, befindet Reiner Keller (103 ff.). Michael Meuser tritt den Beweis an, dass gegenwärtige Herausforderungen das Sinnfundament der „hegemonialen Männlichkeit“ bedrohen (129 ff.), und Peter Gross berichtet von der sozialen Produktivkraft des Misstrauens (225 ff.). Sighard Neckel bietet einen soziologischen Einblick in die Finanzkrise, die als „Desaster der Erfolgskultur“ (282) zu werten ist. Winfried Gebhardt, um noch ein weiteres Beispiel anzuführen, führt an, dass Jugendtrends und Subkulturen sich in eine Angebotsvielfalt aufsplitten, bei der die Grenzüberschreitung kein Normverstoß mehr, sondern sozusagen die ausgehandelte „Vorbedingung“ der Partizipation ist (327 ff.).

Die genannten Beispieldiskurse sind verortet an einer Schnittstelle zwischen Subjekt und Sozialität, die jenseits solcher „Denkschulen“ wie Phänomenologie und philosophischer Anthropologie verläuft: Ausgangspunkt ist die „Beachtung der existentiellen Dimension des Subjekts“ (117). Nicht Tatsachen, sondern unser Erleben bestimmt unsere Situationsdefinitionen, so Hitzler (vgl. 120), und dies müsse die Soziologie zum Ausgangspunkt ihrer Nachforschungsarbeit nehmen. Divergierende Geltungen und eine überbordende Sinnvielfalt sind konstatierbare Kennzeichen der Welt, in der wir leben, und die Erlebnisorientierung bzw. Eventfixierung der Menschen ist in ihrer Buntheit und Heterogenität eine Bestätigung für die Bandbreite der Angebote, die in dieser Welt abgegriffen, ausgelebt und wieder zurück gewiesen werden können. Mit diesem Mehr an Autonomie kommt indes auch die „Furcht vor der Freiheit“ ins Spiel; es gibt viele Optionen, aber wenig Konstantes, und es ist klärungsbedürftig, weshalb die Loslösung aus gesellschaftlichen Zwängen zugleich von einem Gefühl des „nicht allein sein“-Wollens begleitet wird (wie es für Szenen typisch ist, vgl. 180).

Für die Eventkultur der Gegenwart können sowohl die Love Parade (301) wie auch der katholische Weltjugendtag (313) als Beispiel dienen. Der Zugang zu solchen Events erfolgt längst nicht mehr kraft Tradition, sondern durch gewollte Partizipation auf Zeit (345), wodurch die Teilnahme selbst zu einer brüchigen Angelegenheit wird. Dabei spielt zweifellos auch der Einfluss des Internets eine große Rolle, denn durch die globale Vernetzung haben Szenen mittlerweile einen weltumspannenden Charakter (245); dadurch besteht die Möglichkeit der „Selbst-Einbindung“ in technische Artefakte zum Zweck einer virtuellen Vergemeinschaftung (358), die möglicherweise als Rückkopplung auf den Individualisierungstrend zu verstehen ist (356). Inmitten kaum mehr überschaubarer „Modelltypen“ der (nicht nur, aber vor allem jugendlichen) Lebens(stil)gestaltung (vgl. 189 ff.) ist scheinbar einzig die Toleranz für die Intoleranz ein gesellschaftliches Tabu, aber selbst dies kann dank spezifischer „Weltanschauungsfragmente“ (wie etwa derjenigen der Neonaziszene, 329) erprobt werden.

Diskussion

Der Sammelband über „fragile Sozialität“ stellt, für eine Festschrift nicht untypisch, eine vielschichtige Melange aus Themen und Perspektiven dar, deren einziger roter Faden der (mal mehr oder weniger explizit ausbuchstabierte) Rekurs auf das Werk des Jubilars ist. In manchen Text sind darüber hinaus persönliche Reminiszenzen eingeflochten. All dies macht das Buch jedoch nicht minder lesenswert. Im Gegenteil, die Heterogenität der Beiträge kann als Beleg für die weite Verbreitung von Risikozuständen und Ambivalenzen verstanden werden, die die Gegenwartsgesellschaft prägen. Und wenn Sinnsuche zum Dauerzustand des Subjekts geworden ist, weil verlässliche Sicherheiten und „letzte Gewissheiten“ längst fehlen oder abgebaut werden, findet schlussendlich sogar die Soziologie zu ihrer diagnostischen Kernaufgabe als „Krisenwissenschaft“ zurück, die sie schon in ihren Anfängen (im Frankreich des 19. Jahrhunderts) ausgeübt hat.

Fazit

Der Band versammelte eine große Anzahl selektiver „Schlaglichter“, die sich auf unterschiedliche Weise mit den Problemen des Subjektseins in einer unsicher gewordenen sozialen Welt befassen. Wer an solchen zum Weiterlesen anregenden Appetithappen Geschmack findet, wird hiermit gut bedient.


Rezension von
Dr. Thorsten Benkel
Universität Passau
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Zitiervorschlag
Thorsten Benkel. Rezension vom 21.09.2010 zu: Anne Honer, Michael Meuser, Michaela Pfadenhauer (Hrsg.): Fragile Sozialität. Inszenierungen, Sinnwelten, Existenzbastler ; Ronald Hitzler zum 60. Geburtstag. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17173-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9992.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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