socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Julia Dombrowski: Die Suche nach der Liebe im Netz

Cover Julia Dombrowski: Die Suche nach der Liebe im Netz. Eine Ethnographie des Online-Datings. transcript (Bielefeld) 2010. 377 Seiten. ISBN 978-3-8376-1455-8. 29,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: MedienWelten - 5.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die Bedeutung des Internets bei der Abwicklung alltäglicher privater wie beruflicher Anforderungen muss heutzutage nicht mehr betont werden. Die Partnersuche über das World Wide Web wird jedoch vielerorts noch immer skeptisch bewertet. Die vorliegende Arbeit geht auf dieses Phänomen ausdrücklich von der Innenperspektive her ein und versteht dabei Liebe als die zentrale Ressource von Chat- und eMail-Kommunikationen, die im Kontext des Online-Datings initiiert werden. Den Ausgangspunkt bildet die ethnografische Evaluation der Lebenseinstellungen, Erwartungsmuster und Handlungsstrategien ausgewählter Nutzer der bekanntesten Dating-Portale. Sie kommen ausführlich zu Wort, damit ein lebendiges, nicht lediglich auf die „äußere Beschreibung“ solcher Internetseiten beschränktes Bild entsteht.

Autorin

Julia Dombrowski ist Ethnologin mit dem Schwerpunkt „komplexe Gesellschaften“.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist die Dissertation der Verfasserin, die damit 2009 an der Universität Bremen promoviert wurde. Es erscheint als Band 5 der Schriftenreihe „Medien-Welten“.

Aufbau

Drei größere Hauptkapitel mit den Überschriften „Theoretische Ansätze“, „Annäherungen an das Phänomen Online-Dating“ und „Ergebnisse“ sind in jeweils bis zu sechs kürzere Unterkapitel untergliedert. Dem Hauptteil folgt ein knapp 70-seitiger Anhang mit Interviewsequenzen, Korrespondenzauszügen und andere Hintergrundmaterialien.

Inhalt

Die Verfasserin möchte „aus ethnologischer Perspektive die Kultur der Partnersuche und der Liebe in einer stratifizierten Gesellschaft“ untersuchen (7). Das Online-Dating - die Möglichkeit also, auf bestimmten Internetseiten eigene Persönlichkeitsprofile einzustellen und auf diesem Weg mit den Besitzern anderer Profile in Kontakt zu treten - gilt ihr als spezifische, zeitgenössische Strategie, die sich in die Vielzahl der „kulturspezifische[n] Logiken des Begehrens“ (9) einreiht. Der Fokus ist vor allem auf das „affektive[] Erleben“ (39) bzw. auf die Sehnsucht nach dem Erleben der Emotionsform romantische Liebe justiert (45). Emotionen seien zwar größtenteils der Effekt von Bedeutungszuschreibungen und Wahrnehmungsstrukturierungen (33) und insofern nicht so „rein“, wie das alltagsweltliche Denken glauben machen mag, dies ändert jedoch auch im Zeitalter des Web 2.0 nichts an der Relevanz der Liebesbeziehung im Lebensweltmanagement von Singles. Jeder fünfte Deutsche ist alleinstehend (83 f.) und Online-Singlebörsen verzeichnen monatlich 6,3 Millionen Besucher (259) - eine günstige Ausgangsposition, um nach der Präsenz der Liebe inmitten der dort getätigten Aushandlungen zu fragen.

Interviews, Telefonate und eMail-Verkehr mit den „Informanten“, die die Autorin in den Börsen selbst akquiriert hat, zeichnen das Bild von auf der Angebotsseite recht homogenen, hinsichtlich der Umgangsformen jedoch sehr vielschichtig genutzten Plattformen. Online-Dating wird einerseits als taktische Umgehung des Zufalls genutzt (91 ff.) und macht die Nutzer in dieser Perspektive zu autonomen Gestaltern ihres „Liebesschicksals“, andererseits steht die - etwa von Eva Illouz diskutierte - Gefahr im Raum, der Mensch werde in der Reduktion auf die Kommunikationsroutinen des Internets mitsamt der erstrebten Liebe zu einer Ware (89). Die Verfasserin diskutiert diese Perspektiven ausführlich und bietet nebenbei ethnologische bzw. sozialpsychologische Einblicke in die Wichtigkeit und Ambivalenz von Liebeskonzepten.

Anhand von vier „Hauptinformanten“ werden im Anschluss verschiedene Pfade aufgezeigt, die zum Online-Dating hinführen (107 ff.) und es werden Interpretationsspiele geboten, die sich an den Darstellungen der betreffenden Webseiten festmachen (124 ff., 182 ff.). Ein wichtiger Aspekt ist die ökonomische Dimension des Online-Dating: Nicht alle Singlebörsen sind kostenfrei, teilweise wird die Bezahlung sogar von soziodemografischen Facetten der Nutzer abhängig gemacht (132). Auch die Zeitinvestition ist ein wichtiger Faktor, zeigt er doch an, welchen Stellenwert die Online-Dater der Singlebörse innerhalb ihres Privatlebens zugestehen; dadurch wird sichtbar, dass die vermeintlich stringente Trennlinie zwischen der Realität und dem „nebensächlicheren“ virtuellen Raum längst durchlässig geworden ist.

Die Analyse wäre nicht vollständig ohne den Verweis auf die (wahren und kolportierten) „schwarzen Schafe“ des Online-Dating (212 ff.) und auf das Feindbild schlechthin, den „Multidater“, der parallel mehrere Kontakte unterhält und jedem Kontakt Exklusivität verspricht (220 ff.). Bei all dem wird kaum auf theoretische Ansätze oder auf vorherige empirische Studien verwiesen: „Die Komplexität des Patchwork-Phänomens Online-Dating lässt sich am besten wiedergeben, indem Börsenmitglieder für sich sprechen, denn Online-Dating ist eine Form der Partnersuche, die von Narrativität gekennzeichnet ist.“ (231) Die Verfasserin gesteht ein, dass ihr Anspruch nicht auf Objektivität, sondern auf die Subjektivität der Wahrnehmung von Online-Datern eingestellt ist (236). Entscheidend ist in diesem Zusammenhang auch der Aspekt der Selbstdarstellung, der zum einen implizit, dass man sich zuerst selbst kennen muss, um anderen kennen lernen zu können (228), und der gleichsam nicht ohne Fallen und Widersprüche auskommt (266).

Liebe ist eigentlich das Gegenteil von Anonymität, Online-Dating jedoch richtet sich zunächst an unbekannte Adressaten (242 ff.). Die Vorstellung der Informanten durch kurze biografische Abrisse und Ausschnitte aus der Korrespondenz zwischen Autorin und Börsenmitglied geben am Schluss einen Einblick in die Faszination der Nutzer für das Online-Dating, welches trotz des grassierenden Negativ-Images (257) weit um sich greift.

Diskussion

Es überrascht nicht, dass die ausdrücklich ethnographisch bzw. ethnologisch angelegte Studie (beide Begriffe tauchen auf, ohne dass der Unterschied thematisiert wird) auf eine engere Verknüpfung an ein spezifisches Theoriegerüst verzichtet. Das ist aus dem Kontext von Pionierstudien und Feldforschungen im Modus der grounded theory hinlänglich bekannt. Die Verfasserin hat sich dazu entschieden, primär die Nutzer von Singlebörsen zu Wort kommen zu lassen und hat im Rahmen einer 13monatigen Recherche 44 Informanten im Alter zwischen 28 und 67 Jahren kennen gelernt, wovon vier als „Hauptinformanten“ fungierten. Sie hat ihnen beim Schreiben „über die Schulter“ geschaut und Interviews geführt, die entscheidende methodologische Hürde bestand jedoch in der „Überschaubarmachung“ eines Austauschmechanismus', der aufgrund seiner Struktur (eMails, Chat) eigentlich kaum überschaubar zu machen ist. Diesem Umstand mag es geschuldet sein, dass die Arbeit also ein wenig „theoriefern“ daher kommt, sieht man von Verweisen auf die - inhaltlich konträr ausgerichtete - Studie von Illouz und von einigen eingestreuten Prisen Giddens und Luhmann ab. Sie fällt zugleich nur bedingt „feldintensiv“ aus, da vor allem die Informanten selbst erzählen dürfen. Das ist zwar gerechtfertigt, wenn es ausdrücklich um individuelles emotionales Erleben geht (vgl. 236), aber so entsteht eben doch eine starke Abhängigkeit der Schlussfolgerungen von den (womöglich verzerrten) Selbstauskünften der Nutzer.

Spannend ist die Studie indes schon aufgrund der implizit eingenommenen, gegensätzlichen Position zum Diskurs über die Rationalisierung der Gefühle, der etwa von Illouz, aber auch von anderen angeleitet worden ist. Illouz' pessimistischer Blick begreift Online-Dating als Prostitutionsvariante, die das Überwältigende der Liebeserfahrung auf die Verhandlungsbasis herunter bricht (vgl. 66 f.). Dem hält die Verfasserin die Gestaltungsfreiheit der Börsenmitglieder bei ihren Beziehungsverknüpfungen entgegen. Grundtenor der Arbeit ist ohnehin die Annahme, dass Gefühle sozial und kulturell unterschiedlich definierbar und kontrastierbar sind. Gerade das Online-Dating beweist, dass darüber hinaus schon die „Mikroformen“ der Selbstdarstellung, die die aktive wie passive „Liebesfähigkeit“ signalisieren sollen, nicht ohne Paradoxie auskommen: Einerseits herrscht in den Profilbeschreibungen eine beinahe schon krampfhafter Zwang zur Originalität, andererseits soll die Kontaktaufnahme per Internet aber doch in eine „alltagstaugliche“ Anschlussfähigkeit münden.

In formaler Hinsicht fallen die etwas seltsamen Zitierweise für URLs und das Fehlen von Quellenangaben (Appadurai 2000; Kohler 2001) bzw. divergierende Autorenschreibweisen (Kadiner/Kardiner, de Munk/de Munck) auf. Schopenhauer wird nach einer CD-Rom-Ausgabe zitiert. Ferner überrascht es, zu lesen, dass Online-Dating so wenig untersucht sei „als Folge der zögerlichen kulturwissenschaftlichen Annäherungen“ an das Thema romantische Liebe (65) - nicht etwa an das Thema Internet! In wissenschaftstheoretischer Hinsicht erstaunt es, zu erfahren, dass eine „Dominanz des positivistischen Paradigmas“ bis in die 1960er Jahre hinein vorgeherrscht haben soll (26). Dass bei den Schranken der Partnerwahl ausgerechnet das Inzesttabu erwähnt wird, wäre wohl ebenfalls nicht zu erwarten gewesen (200). Zu erfahren ist dafür aber Detailrecherche bis ins Allerkleinste, etwa wenn eine Gesprächspartnerin „gerade mit ihrem Sohn telefoniert und ihm Anweisungen gegeben [hat], wie er sich sein Mittagessen aufwärmen soll.“ (194 f.). Und wieso die Lieblingsrestaurantangabe „McDonalds“ per se scherzhaft gemeint sein ist (101) muss wohl ebenso rätselhaft bleiben wie die Frage, ob die Millionen Mitglieder einer Singlebörse als „Gemeinschaft“ zu verstehen sind (84) - und nicht eher größtenteils als Karteileichen?

Fazit

Eine bezüglich der Probandenaussagen unterhaltsam zu lesende, etwas an theoretischer Tiefenschärfe mangelnde Arbeit, die aber den interessanten Versuch liefert, der Liebe in ihrer Rolle als Aushandlungsprodukt in Zeiten der digitalen Vernetzung nachzugehen.


Rezensent
Dr. Thorsten Benkel
Universität Passau
E-Mail Mailformular


Alle 24 Rezensionen von Thorsten Benkel anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Thorsten Benkel. Rezension vom 14.09.2011 zu: Julia Dombrowski: Die Suche nach der Liebe im Netz. Eine Ethnographie des Online-Datings. transcript (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-8376-1455-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9993.php, Datum des Zugriffs 13.11.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung