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Nicole Witte: Ärztliches Handeln im Praxisalltag

Cover Nicole Witte: Ärztliches Handeln im Praxisalltag. Eine interaktions- und biographieanalytische Studie. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. 476 Seiten. ISBN 978-3-593-39313-1. D: 45,00 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 69,90 sFr.

Reihe: Biographie- und Lebensweltforschung - 8.
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Thema

Die Arzt-Patient-Beziehung ist eine eigenwillige soziale Verbindung: Man vertraut sich Medizinern üblicherweise mehr oder minder hilfesuchend und im Vertrauen auf ihre Fachkenntnisse an; man möchte aber andererseits nicht lediglich auf einen „Dienstleister“ treffen, der an erster Stelle seinen Profit machen will. Wünschenswert ist ein Arzt, der bei der Behandlung empathisch auf den Patienten als „ganzes Subjekt“ eingeht – aber welcher Patient ist im Umkehrschluss schon an der Biografie des Arztes interessiert? Die soziale Dynamik, die in Interaktionen im Sprechzimmer greift, ist bislang kaum beachtet worden. Die vorliegende soziologische Studie bedient sich biografischer Fallrekonstruktionen, Feldnotizen, Interviewanalysen und der Auswertung von Videoaufzeichnungen, um die Konstellation Arzt-Patient bezüglich typischer Handlungen und routinierter Kommunikationen, aber auch im Hinblick auf unausgesprochene Fassetten zu reflektieren.

Autorin

Nicole Witte ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Methodenzentrum Sozialwissenschaften der Georg-August-Universität Göttingen.

Entstehungshintergrund

Die Studie erscheint als Band 8 der seit 2004 erscheinenden Reihe „Biographie- und Lebensweltforschung“. Es handelt sich um die Dissertation der Verfasserin; sie wurde 2009 mit dem Dissertationspreis des Universitätsbundes Göttingen ausgezeichnet.

Aufbau

Das umfangreiche Buch (475 Seiten) gliedert sich in ein einleitendes Kapitel und eine Übersicht zum Stand der Forschung, in einen ausführlichen Abschnitt zum methodischen Vorgehen und schließlich – im umfangreichsten Teil – in eine genaue Darstellung des empirischen Materials. Den Abschluss bilden die Ergebnisvorstellung und ein kurzes Fazit.

Inhalt

Geht es um den sozialen Austausch über Arztbesuche, kann wohl nahezu jeder Alltagsakteur von mehr oder weniger sympathischen, und mehr oder weniger „geeigneten“ Medizinern sprechen, denen man sich in der Vergangenheit anvertraut hat (oder anvertrauen musste). Nicole Witte nimmt solche persönlichen Bewertungen zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit: Sind diese Ansichten Effekte, die der Erwartungshaltung der Patienten entstammen, oder spiegeln sie tatsächlich das „Talent“ der Ärzte wieder? Eine Analyse ihrer Handlungsmuster und – als Gegenüberstellung – eine Interpretation der biografischen Entwicklung ihrer Lebenswelt können, so die Vorüberlegung, erklären, wie Ärzte sich ihren Patienten gegenüber verhalten und welche Interaktionsmuster folglich in Begegnungssituationen entstehen.

Dies lässt sich jedoch nicht über einen einseitigen, lediglich der Medizinsoziologie geschuldeten Blick auf ärztliches Handeln bewerkstelligen (vgl. 34 ff.). Der Arzt wird gleichsam als „ganzheitliches“ Subjekt behandelt, also als „biografietragende“ Person, die in einer spezifischen Rahmung einer anderen „biografietragenden“ Person gegenüber steht. Vor diesem Hintergrund wird eine interpretative Sozialforschung geboten, die – wie jede Sozialforschung es sein sollte – an der „Aufdeckung der komplexen Sinnstrukturen der Handelnden in der Sozialwelt“ (47) interessiert ist. Die Selbstreflexion der Forscherin über den Forschungsablauf bildet eine Art „Subtext“, der das gesamte Buch begleitet – und en passant zu Recht unterstreicht, dass im Kontext empirischer Feldarbeit auch Fehlannahmen Erkenntnisfortschritte sein können.

Konkret hat Witte mit 21 Ärzten ein zweistufiges Verfahren durchgeführt: Zunächst wurden mit einer Stichprobe von niedergelassenen Ärzte Interviews durchgeführt; aus dieser Menge wurden sechs Ärzte ausgewählt, die bei Konsultationen mit ihren Patienten videografisch beobachtet wurden (50 ff.). Ausgewählte Interaktionssequenzen wurden im Anschluss einer biografisch-hermeneutischen Feinanalyse unterzogen. Während das allgemeine Interesse am Forschungsvorhaben durchaus gegeben war, reagierten die Ärzte dennoch irritiert, als klar wurde, dass auch die eigene Biografie relevant sein würde (55 f.).

Gerade der Blick auf die Subjektivität des Subjekts offenbart jedoch den Kern seiner sozialen Performance. Solche prägenden lebensweltlichen Passagen wie eine problembehaftete, mit Machtlosigkeit assoziierte Kindheit, die durch den späteren Suizidversuch des eigenen Sohns auf tragische Weise aktualisiert wird (81), schlagen sich zwangsläufig in der Alltagsinteraktionen mit Menschen nieder, die ihre Hausärztin mit implizit um Unterstützung (und damit: um das konkrete Ausagieren einer „Machtposition“) bitten. Eine andere Fallgeschichte, die in der NS-Zeit beginnt, offenbart, dass vor einem calvinistisch geprägten familiären Hintergrund (189 f.) die Entscheidung für das Medizinstudium durchaus als unerwünschte Wahl gelten kann (226). Die dritte Fallstudie, die unter ganz anderen Vorzeichen ebenfalls in der Zeit des Drittes Reiches beginnt, stellt einen Mediziner vor, der den Arztberuf vor dem Hintergrund seines pazifischen Engagements gewählt hat – und dennoch mit seinen Patienten so umgeht, als handele es sich um Vertreter eines idealtypischen Patientenbildes, und nicht um konkrete Personen (379).

Das subtile Knüpfen von Beziehungen zwischen der Lebensgeschichte und dem Arbeitsfeld der interviewten Ärzte liest sich (nicht zuletzt dank der viel sagenden wörtlichen Zitate) überaus spannend – zumal dabei auch die „Handlungsmöglichkeiten“ der Patienten (169) angesichts der „Interaktionsmacht des Arztes“ (347) und selbst dessen Kleidung (265) und die Raumanordnung im Behandlungszimmer Berücksichtigung finden. In allen Interaktionen ist stets der Patient der Laie und der Mediziner der „Profi“, jedoch sind die zentralen Rollenbestandteile des Verhältnisses beider Parteien – Macht, Helfen und Empathie (402) – soziale Ressourcen, die verhandelt und erworben werden müssen (und die auch wieder verloren gehen können!). Die Autorin beleuchtet, welche Optionen folglich der „Fachmann“ im Arzt, und welche der „Mensch“ in ihm wählt, und wie es bei all dem um das „professionelle Selbstbild“ (401) und die Vergleichbarkeit mit Interaktionsformen in anderen Lebensbereichen steht (387).

Diskussion

Witte gibt einem „typischen“ professionellen Akteur – dem Arzt bzw. der Ärztin – die durch die Zuschreibung von Professionalität verlorene Subjekthaftigkeit zurück, in dem sie diesen Akteur im Lichte seiner Biografie betrachtet. So gesehen, sind die Videoanalysen der Konsultationsgespräche mit Patienten die andere Seite der Waagschale: sie geben einen Eindruck von tagtäglichen Handlungsabläufen innerhalb dieser Professionalität, die (auf den ersten Blick) nur bedingt mit biografische Wurzeln verknüpft werden können.

Sowohl in der (ausführlich erläuterten) Anlage ihrer Feldarbeit wie auch bei der Interpretation ihrer Daten geht die Verfasserin so akribisch vor, wie man nur vorgehen kann. Entgegen dem Titel des Buches wird die Arzt-Patient-Interaktion allerdings weniger mit Blick auf den Praxisalltag untersucht, sondern vielmehr auf Basis der biografischen Fallrekonstruktionen – was aber kein Manko darstellt. Es wäre methodologisch gewiss aufschlussreich, mehr zu erfahren über die Überredung der Patienten und Mediziner, an dem Projekt teil zu nehmen; dieser Punkt kommt etwas zu kurz (52). Dann und wann schleichen sich kleine Unschärfen ein (etwa die Überinterpretation der „Klamotten“ einer Patientin, 147), die aber nicht ernsthaft ins Gewicht fallen angesichts der beeindruckenden soziologischen Leistung, die mit dem vorliegenden Buch dokumentiert wird. Noch am ehesten diskussionswürdig sind einige der Lesarten, die die Autorin hinsichtlich mancher (soziologisch wie auch psychologisch relevanter) Entscheidungen der interviewten Mediziner wählt. Hier könnte man ihr vorwerfen, zuweilen etwas zu viel „Vermutungswissen“ einzustreuen, aber ihre Argumente kommen andererseits nie apodiktisch daher, sondern werden von behutsamen Relativierungen begleitet, die signalisieren, dass es dabei nicht um „Tatsachen“ geht (vgl. 253). Die Inklusion solcher methodologisch produktiv diskussionswürdiger Fassetten lässt sich auch als Pluspunkt werten. Der Mikro- und Professions-, und nicht zuletzt der Biografieforschung und der Medizinsoziologie kann man daher weitere Studien in diesem Stil wünschen.

Fazit

Eine beeindruckende Untersuchung, die ein bislang weitgehend vernachlässigtes Forschungsfeld unter die Lupe nimmt und aufschlussreiche, interdisziplinär verwertbare Ergebnisse vorlegt.


Rezension von
Dr. Thorsten Benkel
Universität Passau
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Zitiervorschlag
Thorsten Benkel. Rezension vom 07.01.2011 zu: Nicole Witte: Ärztliches Handeln im Praxisalltag. Eine interaktions- und biographieanalytische Studie. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. ISBN 978-3-593-39313-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9995.php, Datum des Zugriffs 24.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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